Geheimdienste: China lässt Nordkorea fallen

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von Euractiv Media network.

Nordkoreas Machthaber Kim Jong-Un setzt Zeichen der Versöhnung. [Foto: dpa]

Analyse von Friedrich-Wilhelm SchlomannDie Frage wird immer aktueller und ist nur noch rhetorisch: Lässt Peking Nordkorea fallen? Europäische Geheimdienste registrieren, wie Pjöngjang für China zur Belastung wird und ein Gefahrenpotenzial darstellt. Südkorea versichert Peking, selbst im Fall einer Wiedervereinigung würden die Amerikaner die Pufferzone respektieren.

Als der UN-Sicherheitsrat Ende letzten Jahres seine Sanktionen gegen Pjöngjang verschärfte, wurden diese von China erstmals mitgetragen. Eine gleiche Haltung wird sein Vertreter ganz gewiss bei den in aller Kürze zu erwartenden neuen Sanktionen angesichts des dritten Atomtests Nordkoreas einnehmen. Man darf unterstellen, dass sie nicht bloße Worte bleiben, sondern auch Realität werden.

Gesteuerte Leserbriefkampagne

Auffällig in diesem Zusammenhang sind in den chinesischen Zeitungen die vielen Leserbriefe mit einer überaus negativen Einstellung gegenüber jener Demokratischen Volksrepublik Korea. Ob diese Zuschriften echt oder – wie oft in autoritären Regimen – bestellt waren, ist unerheblich: Aufschlussreich bleibt, dass sie von der Zensur zugelassen wurden.

Peking denkt strategisch

Es gibt ernste Hinweise, wonach führende Funktionäre in Peking (wo man strategisch und in langen Zeiträumen denkt) ihre Vorstellung über die Sicherheitslage in Fernost zu ändern beginnen: Auf ein Nordkorea, das ungestört seine atomare Aufrüstung betreibt, wird zweifellos bald ein ebenfalls nukleares Japan folgen sowie ein Südkorea mit Atomwaffen der USA oder gar aus eigener Produktion.

Das würde zwangsläufig auf ziemlich engem Raum ein Gefahrenpotenzial entstehen lassen, dessen etwaige Konsequenzen heute noch gar nicht überschaubar sind.

Für China ist Nordkorea zunehmend eine Belastung

War der Norden Koreas für Peking bisher ein Aktivposten, so wird er zunehmend eine Belastung. Das Land stellte in der Bewertung Chinas bisher einen wichtigen Pufferstaat gegenüber den US-Truppen im Südteil der Halbinsel dar, doch nunmehr wird diese von der Atompolitik Pjöngjangs beherrscht.

Pufferzone bleibt bei Wiedervereinigung bestehen

Der noch amtierende südkoreanische Präsident Lee Myung-bak hat erst in den vergangenen Wochen führenden KP-Funktionären in Peking versichert, dass bei einer Wiedervereinigung Koreas die US-Truppen nicht den 38. Breitengrad überschreiten würden, der Norden des Landes also weiterhin ein Pufferstaat blieb.

Innerhalb der chinesischen Führung herrscht heute nicht selten die Überlegung, ein einheitliches Korea im Sinne Seouls würde nicht gegen die Sicherheitsinteresse der Volksrepublik verstoßen, und man könne ein solches Korea tolerieren.

Weg zur Wiedervereinigung Koreas ist frei

Diese Politik-Änderung wird nicht sofort erfolgen und für Außenstehende kaum sichtbar sein. Schon um einen Kollaps angesichts einer erneut zu befürchtenden Hungersnot möglichst zu vermeiden, wird Peking weiterhin Getreide und Öl nach Nordkorea liefern – wenn zweifellos auch in wesentlich geringerem Umfang.

Der Weg zur Wiedervereinigung Koreas ist damit theoretisch frei.

Wie diese aber erfolgen wird, liegt zumindest heute noch völlig im Dunkeln. Diktator Kim Jong-un wird sich an seine uneingeschränkte Macht klammern und mit allen Mitteln versuchen, regimefeindliche Demonstrationen oder gar Aufstände zu verhindern.

Ob Armee und Geheimpolizei im entscheidenden Moment dann tatsächlich die Kim-Dynastie retten können oder auch nur wollen, könnte nach den Erfahrungen 1989 in der DDR zweifelhaft sein. Dort aber war lange zuvor eine wachsende Unruhe zu spüren gewesen.

In Nordkorea sind die Menschen zwar ebenfalls mit ihrem System überaus unzufrieden, sie sind sogar über die besseren Lebensverhältnisse in der Außenwelt relativ gut informiert. Doch Anzeichen für einen offenen oder gar subversiven Widerstand sind bisher nicht erkennbar.


Friedrich-Wilhelm Schlomann


Der Autor:

Dr. Friedrich-Wilhelm Schlomann (Jahrgang 1928) ist Fachjournalist und Autor zahlreicher Bücher über Geheimdienste (Auswahl: "Was wusste der Westen?", "Information Warfare – Grenzen und Gefahren des Internets für Wirtschaft, Gesellschaft und Militär",  "Die heutige Spionage Russlands", " Die Maulwürfe. Noch sind sie unter uns, die Helfer der Stasi im Westen", "Operationsgebiet Bundesrepublik", "Die Ostblock-Spionage gegen die Bundesrepublik Deutschland", "Im Fadenkreuz östlicher Spionage").

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