Westbalkan: Boomregion der Organisierten Kriminalität

Rauschgift, Waffen und Bargeld. Das Europäische Polizeiamt Europol zeichnet im OCTA-Report 2011 ein detailliertes Bild der Hauptakteure und der Zentren der Organisierten Kriminalität in Europa. Foto: dpa

Die Organisierte Kriminalität profitiert von der Wirtschaftskrise, von der Visaliberalisierung und von der Schengen-Erweiterung. Das geht aus einem aktuellen Europol-Report hervor. Besonders effektiv arbeiten demnach die litauische Mafia, albanische und kosovarische Banden. Der Westbalkan ist das aufstrebende Zentrum für illegale Aktivitäten in der EU.

Nicht nur Krimi-Autoren und Drehbuchschreiber sollten den aktuellen Bericht des Europäischen Polizeiamtes genau studieren. Europols "Organised Crime Threat Assessment (OCTA) 2011" ist für alle eine Pflichtlektüre, die auf etwa 30 Seiten eine kompakte Übersicht über die Organisierte Kriminalität in der EU bekommen wollen.

Fünf Zentren des Verbrechens

Die Europol-Experten haben in Europa fünf regionale Drehkreuze für Kriminalität identifiziert. In diesen Zentren konzentrieren die Verbrecher ihre Infrastruktur, um die Europäer mit illegalen Drogen zu versorgen, um Menschenhandel zu betreiben, illegale Einwanderung zu steuern, um Waffen, Zigaretten oder gefälschte Produkte und Euroscheine in die EU zu schmuggeln. Die fünf europäischen Hubs sind:

– Nordwest mit den Zentren in den Niederlande und Belgien
Nordost mit den Zentren in Litauen, Estland, Lettland und Kaliningrad
Südost mit den Zentren in Bulgarien, Rumänien und Griechenland
Süden mit dem Zentrum in Süditalien
Südwest mit den Zentren in Spanien und Portugal

Jede dieser Axen ist dabei auf bestimmte Delikte spezialisiert. Das Nordwest-Zentrum ist die Drogendrehscheibe Europas. Der Nordosten bleibt eine begehrte Transitstelle für Gruppen aus der ehemaligen Sowjetunion. Es ist zugleich die Basis für gewalttätige Gruppen, die in mehreren illegalen Geschäften aktiv sind und international operieren.

Der Südwesten ist eine beliebte Verteilungsstation für Kokain und Cannabis und für den Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung. Der Süden fokussiert auf Geldfälschung und Produktpiraterie und dient einigen der bestausgestatteten Verbrecherbanden Europas als Basis und als Transitzentrum für Menschenhandel und illegale Einwanderung.

Balkan-Achse und Schwarzes Meer

Der aufsteigene Stern der Organisierten Kriminalität ist aber der Südosten und der Westbalkan. Das Schwarze Meer und diverse Balkan-Routen dienen als Drehkreuz für kriminelle Ströme nach und aus Europa. Es hat sich eine Balkan-Achse herausgebildet, die den Westbalkan und Südosteuropa umfasst. "Wo verschiedene Routen des Balkans und des Schwarzen Meeres zusammenlaufen, bilden sich derzeit neue Transitzentren heraus", heißt es in dem OCTA-Bericht, der Ungarn als besonders gefährdet für diesen Trend benennt.

"Albanischsprachige Verbrecherbanden, ebenso wie türkische und solche aus der ehemaligen Sowjetunion, versuchen ihre Aktivitäten in die EU auszudehnen und könnten die Möglichkeiten einer Schengen-Erweiterung um Bulgarien und Rumänien ausnutzen. Das gleiche gilt für die jüngsten Visabefreiungen und anstehende Visaerleichterungen für die Staaten des Westbalkans, die Ukraine und Moldawien", heißt es bei Europol.

"Die Ausweitung der Visaliberalisierung für Bosnien-Herzegowina und Albanien könnte zu umfassendem Missbrauch führen, so wie es geschah, als die Visa-Beschränkungen für Serben, Montenegriner und Mazedonier aufgehoben wurden." Das gleiche Problem gelte auch für Länder wie die Ukraine, Moldawien und Russland, die für die nahe Zukunft ebenfalls auf Visaerleichterungen hoffen. "Zweifellos ergeben sich damit neue Möglichkeiten für Gruppen der Organisierten Kriminalität, die in illegale Einwanderung und in Menschenhandel verwickelt sind", heißt es weiter.

Die Ukraine reagierte sehr verstimmt auf die Einschätzung von Europol. Der ukrainische EU-Botschafter Konstantin Jelissejew hat Europol postwendend aufgefordert, seine Einschätzung zu revidieren. Der ukrainische Top-Diplomat Jelissejew hatte bereits im April 2010 im EURACTIV.de-Interview Demütigungen bei der Visavergabe beklagt und sich für die Visaliberalisierung ausgesprochen.

Westbalkan

Die Ermittler sehen in der Region des ehemaligen Jugoslawien ein Drehkreuz für kriminelle Aktivitäten, das an Bedeutung gewinnt. Serbiens Präsident Boris Tadi? hatte das Problem Anfang des Jahres überraschend offen angesprochen (EURACTIV.de vom 26. Januar 2011)

Die albanischsprachigen Banden gehören europaweit zu den bestausgestatteten und den effektivisten Verbrechern und sind für ihre extreme Gewalt berüchtigt, heißt es in dem Bericht. Viele Gang-Mitglieder haben früher für Geheimdienste oder die Polizei gearbeitet und sind eng mit den ehemaligen Paramilitärs der UÇK verbunden. Einige ihrer Einnahmen aus dem Drogenhandel (Kokain, Heroin, synthetische Drogen, Cannabis) "sind angeblich zur Unterstützung von Organsiationen der ehemaligen Befreiungsarmee des Kosovo bestimmt", heißt es im OCTA-Bericht.

Waffenhandel

Der Westbalkan ist zudem die bevorzugte Quelle für den Import illegaler Waffen. Es handelt sich dabei um "große Mengen an Waffen und Munition" aus den Jugoslawienkriegen in den 1990er Jahren. Vor allem Serbien und Bosnien-Herzegowina sind die Bezugsquellen für Waffen und Munition für kriminelle Banden in der EU.

"Der Westbalkan bleibt voraussichtlich eine Hauptbezugsquelle für schwere Waffen, die in die EU geschleust werden. Das liegt an den großen illegalen Vorräten in Albanien, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Mazedonien, die Kosovo-Region, Montenegro und Serbien", heißt es in dem Bericht.

Litauen

Die litauische Mafia, die zu den effektivsten Drogen-Kartellen Europas zählt, kooperiert nach Europol-Erkentnissen offenbar mit albanischen und kosovarischen Gruppen, um Westeuropa und Russland mit Heroin aus Zentralasien zu versorgen.

Griechenland – Türkei

Die türkisch-griechische Grenze ist für viele Migranten aus dem Mittleren Osten und Asien das "natürliche Tor" in die EU, schreiben die Europol-Experten. Zunehmend werde die grüne Grenze aber auch von Nord- und Westafrikanern genutzt. "Die geografische Lage, die vorhandenen historischen Schmugglerwege und die vergleichbare Leichtigkeit, mit der Einreisevisa erlangt werden können, haben die Türkei in die Haupt-Verknüpfungsstelle für illegale Einwanderer auf ihrem Weg nach Europa verwandelt", heißt es in dem Europol-Bericht. Griechenland sei damit zum Zentrum der illegalen Einreise in die EU geworden.

Menschenhandel

Der Europol-Bericht analysiert auch die verschiendenen Facetten des Menschenhandels. So "verteilen" die kriminellen Gruppen ihre Opfer je nach Bedarf auf ganz Europa. "Chinesische Opfer werden vornehmlich in Textil-Betrieben ausgebeutet, Osteuropäer in der Landwirtschaft, Südamerikaner in der Sexindustrie und Roma-Kinder fürs Betteln und Stehlen." Minderjährige Angolaner würden zudem von wohlhabenden Landsleuten in Portugal als Haushaltshilfen ausgebeutet.

Wirtschaftskrise

Die Wirtschaftskrise spielt dabei den Verbrechern in die Hände. Die Toleranz für bestimmte Kriminalitätsformen steigt, zugleich sinkt die Hemmschwelle, sich für illegale Aktivitäten einspannen zu lassen. So sei die ohnehin hohe soziale Toleranz für Produktpiraterie weiter gestiegen.

Europol zeichnet insgesamt ein düsteres Bild. So bringt die Wirtschaftskrise offenbar bis dato unbescholtene Bürger dazu, sich zur Geldwäsche bereitzuerklären, ’normale‘ Druckereien nehmen auch Geldfälschungsaufträge an und der Heimanbau von Cannabis wird ein beliebter Nebenerwerb – selbst bei älteren Menschen.

Michael Kaczmarek

Links

Dokumente

Europol: Organised Crime Threat Assessment 2011 (4. Mai 2011)

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