Peinlich für die britischen Gastgeber des G8-Gipfels: Pünktlich zum Auftakt wurde bekannt, dass der Geheimdienst beim G20-Gipfel vor vier Jahren in Pittsburgh ausländische Delegierte ausspionert hatte. In seinem Standpunkt denkt Hermann Bohle darüber nach.
Der Autor
Hermann Bohle (Genf), Jahrgang 1928, Kommentator und Buchautor, langjähriger Journalist in Brüssel zu EU- und NATO-Themen. Ehemals DIE ZEIT, Die Presse (Wien), Neue Zürcher Zeitung NZZ und Weltwoche (Zürich), Rheinischer Merkur, Unternehmensberatung Deutscher Wirtschaftsdienst (DWD-Köln). BLOG: Bohle-Echo.de.
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"Right or wrong – my country." Über dieses britische Prinzip nationalen Überlebens empfiehlt sich neuerliches Nachdenken – heute, da Europas Nationalstaaten dazu immer weniger leisten, solange sie nicht sicher aufgehoben sind im EU- oder Nato-Verband. Anders steht es mit Englands Lebensweisheit, dass in letzter Not alles erlaubt sein muss, wenn es um den Frieden geht. Oder um den Terror.
Londons linksliberaler Zeitung Guardian ist die umfassende Information zu danken, dass die Briten als Gastgeber internationaler hochrangiger Konferenzen alle Bande "feiner“ Diskretion zerreißen, falls das angebracht erscheint: Die konferierenden Gäste, ihre Gespräche und Informationskanäle können schon mal abgehört werden. Da schäumen nun die Zorneswogen mancher Sensibelchen!
Wo es aber der Konferenzerfolg gebieten mag, wird britisches Zartgefühl abgelegt – momentweise, und nicht erst neuerdings … jetzt, da Terroristen die demokratische Menschenminderheit auf diesem Globus bedrohen, Bürgerkriege zehntausendfach schuldlose Opfer bescheren, millionenfache Flüchtlingsnot auslösen. Da hört es auf mit dem "Etepetete".
Ein Beispiel überzeugt. 1964 bis 1979 wütete im afrikanischen "Süd-Rhodesien“ der Unabhängigkeits- und Bürgerkrieg zur Beendigung der britischen Kolonialherrschaft im Zimbabwe unserer Tage. 15 Jahre zehntausendfaches Morden! Ab 10. September 1979 berief die britische Thatcherregierung eine Verfassungskonferenz für den neuen Staat ein, in Londons Lancaster House.
Drei Delegationen rangen miteinander. 36 Delegierte, überwiegend Afrikaner. Sie alle ließ Englands Foreign Office abhören, rund um die Uhr. Der Konferenzvorsitzende, Außenminister Lord Peter Carrington (1979/82, ab 1984 Nato-Generalsekretär) – der es mir in Brüssel selbst erzählte, konnte auf solche Weise Frieden stiften:
“Stets wusste ich einigermaßen, wie weit die Delegationen jeweils gehen würden, ich konnte meine Kompromissvorschläge also entsprechend abwägen.“ Am 21. Dezember 1979 wurde der "Zimbabwe Act“ unterzeichnet. Auch die weißen Siedler im einstigen Süd-Rodesien hatten (ziemlich) friedliche Weihnachten.

