Wie soll die Welt mit Nordkoreas Provokationen umgehen? Nicht nur die Politik, auch Europas, speziell Deutschlands Wirtschaft ist von der Situation auf der koreanischen Halbinsel stark betroffen. EURACTIV.de analysiert, warum sich der Westen von den Aufforderungen zum Botschafterabzug vorerst wenig beeindrucken lässt. Allerdings: Der kleinste Zwischenfall an der Grenze könnte Vorwand für einen Krieg liefern.
Mit dem nächsten Raketenstart ist jederzeit zu rechnen – sehr wahrscheinlich am 15. April, dem Geburtstag des "Ewigen Präsidenten" Kim Il-sung, des Großvaters des jetzigen Diktators Kim Jong-un.
Nordkorea hatte vor Tagen etliche Länder aufgefordert, "über den Abzug Ihrer Diplomaten nachzudenken". Dazu zählen seltsamerweise primär europäische Staaten wie etwa Großbritannien, Frankreich, Tschechien und auch Deutschland. Das Motiv hierfür erscheint rätselhaft, zumal Europa bisher nicht durch besondere Feindseligkeit gegenüber dem nordkoreanischen Diktator aufgefallen ist.
Doch auch Russland erhielt eine solche "Empfehlung", seine Botschaft zu räumen; das Verhältnis Moskau-Pjöngjang war ohnehin stets unterkühlt.
Erstaunen muss indes erregen, dass die "Demokratische Volksrepublik Korea" (DVRK) ihrem einzigen Verbündeten, der Volksrepublik China, ebenfalls eine derartige Evakuierung nahelegte. Sicherlich war es weniger "Rache" wegen deren Zustimmung an den UN-Sanktionen, sondern die für Pjöngjang sehr bittere Tatsache, dass Peking im vergangenen Monat seine bisher übliche Lieferung von 50.000 Tonnen Rohöl einstellte – und Nordkorea ist zu 80 Prozent von ihnen abhängig!
Kein Treibstoff für Nordkoreas Panzer?
Dieser Lieferstopp hat nach Ansicht von Experten freilich zur Folge, dass den nordkoreanischen Panzern der Treibstoff fehlt.
Allerdings blieb es bei der Aufforderung zum Nachdenken über den Abzug des Botschaftspersonals. An all diese Länder erging weder eine direkte Aufforderung zum Verlassen ihrer Botschaft, noch erfolgte ein Abbruch der diplomatischen Beziehungen.
Die angesprochenen Staaten richteten sich auch kaum danach und zogen ihr Personal nur teilweise ab. Auch Nordkoreas Warnung an die Ausländer in Südkorea verpuffte vorerst.
US-Außenminister John Kerry in Seoul
Dass trotz der aktuellen Anspannung der amerikanische Außenminister John Kerry gerade jetzt nach Südkorea gereist ist und anschließend nach China und Japan fliegt, zeigt, wie wenig sich der Westen von den Drohungen und den Aufforderungen zum Verlassen der Halbinsel beeindrucken lässt.
Festzuhalten ist auch, dass die Südkoreaner in der nordkoreanischen Wirtschaftszone nicht als Geisel festgehalten werden. In der Sonderwirtschaftszone Kaesong im Grenzgebiet waren bis jetzt Zehntausende nordkoreanische Arbeit bei südkoreanischen Unternehmen beschäftigt. Nordkorea will seine Arbeiter abziehen und den Industriepark schließen.
Eine Geiselnahme von Südkoreanern in Kaesong hätte einen militärischen Befreiungsschlag Seouls zur Folge gehabt und Kim wiederum Anlass zu einem direkten Krieg gegeben hätte.
Propagandavideo "Ein kurzer, dreitägiger Krieg"
Nicht übersehen sollte man aber auch: Seit Ende März wird im nordkoreanischen Internet ein vierminütiges Video mit dem Titel "Ein kurzer, dreitägiger Krieg" gezeigt, auf dem Tausende nordkoreanische Soldaten per Fallschirm über Seoul abspringen, ihre Panzermassen die Grenze durchbrechen und die "Volksarmee" die südkoreanische Hauptstadt besetzt und so die Wiedervereinigung der Halbinsel vollzieht.
Benötigt Kim Jong-un Derartiges, um sich gegenüber seinen Streitkräften und seinen Zwangs-Untertanen als stark und furchtlos zu präsentieren? In der Armee hat er seit seiner Machtübernahme inzwischen 179 hohe und höchste Offiziere entfernt und durch jüngere, ihm fanatisch ergebene ersetzt.
Hinzu kommt, dass die DVRK seit 1945 eine brutale Diktatur darstellt. Konnte man die Politik seines Vaters Kim Jong-il und vielleicht auch dessen Vaters Kim Il-sung zumindest in groben Zügen erahnen, so erscheint der jetzige Kim als unberechenbar.
Auch was Kim Jong-un mit dem Totalabriss der 9.000 Quadratmeter großen Luxusvilla seines verstorbenen Vaters bezweckt hat, wirft Rätsel auf, die ihn nicht gerade berechenbarer machen.
Erschreckender Realitätsverlust
Westeuropäische Politiker, die während der letzten Wochen mit führenden nordkoreanischen Funktionären Gespräche hatten, stellten bei eigentlich allen einen erschreckenden Realitätsverlust fest: Wie so oft bei Diktatoren sind sie Gefangene ihrer eigenen Propaganda geworden. Sie glauben an ihre eigenen Worte und überschätzen in überaus gefährlicher Weise die Möglichkeiten ihres Systems und minimieren die der anderen Staaten.
Für heutige Europäer mag Solches vielleicht unvorstellbar erscheinen. Doch bereits ein Hitler glaubte noch Mitte April 1945, als sowjetische Truppen bereits Vororte Berlins erobert hatten, hier würde die Sowjetunion "ihre größte Niederlage erleiden"; Hermann Göring glaubte noch nach der deutschen Kapitulation, als Gleichwertiger mit den Alliierten verhandeln zu können!
Niemals die Außenwelt gesehen
Man muss dabei bedenken, dass die jetzt führende Generation im Norden Koreas – sieht man vom Schulbesuch Kim Jong-uns in der Schweiz ab – niemals die Außenwelt gesehen hat, also nur ihre eigene (Propaganda-)Welt kennt. Diktatoren hören in ihrer Umgebung auch lediglich ergebene "Ja"-Sager, die sie in ihrem Weltbild nur bestätigen. Eigene kritische Gedanken zu äußern, pflegt in solchen Regimen sehr gefährlich zu sein.
Experten hoffen, dass Kim Jong-un doch so klug ist, nicht den eigentlichen Krieg zu wollen. Doch in der jetzigen äußerst angespannten Atmosphäre könnte schon der kleinste Zwischenfall an der Grenze einen solchen auslösen.
Friedrich-Wilhelm Schlomann, ekö
Links
EURACTIV.de: Pjöngjang braucht Waren und Know-how / Mit welchen Tricks Nordkorea Lieferanten in Europa sucht (12. März 2013)
EURACTIV.de: Schärfere Maßnahmen und Politik der ausgestreckten Hand / Nordkorea: Doppelstrategie der EU-Außenminister (8. März 2013)
EURACTIV.de: Analyse von Friedrich-Wilhelm Schlomann / Geheimdienste: China lässt Nordkorea fallen (27. Februar 2013)

