Interne Streitereien schmälern ukrainische Chancen auf EU-Beitritt [DE]

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Nur wenige Tage vor einem wichtigen EU-Ukraine-Gipfel ist die pro-westliche Koalition in Kiew am Donnerstag (3. September 2008) zusammengebrochen. Die Europaabgeordneten und Diplomaten in Brüssel brachten ihre Betroffenheit über die erneuten Machtkämpfe zwischen Präsident Viktor Juschtschenko und seiner Ministerpräsidentin Julia Timoschenko zum Ausdruck. Die beiden Kontrahenten waren während der Orangenen Revolution noch Verbündete gewesen.

Präsident Viktor Juschtschenko machte seine Ministerpräsidentin Julia Timoschenko für die Krise verantwortlich. Noch vor kurzem hatte er sie des Hochverrats bezichtigt, weil sie sich während der Georgien-Krise auf die Seite Russlands gestellt habe (EURACTIV vom 20. August 2008). Unterdessen entgegnete Timoschenko darauf, ihre Position sei in Einklang mit der Position der EU und sie habe nicht vorgehabt, die Ukraine in den Konflikt hineinzuziehen.

Bei einer Sondersitzung in der Nacht zu Mittwoch (03. September 2008) hat die Partei des Präsidenten „Unsere Ukraine-Selbstverteidigung des Volkes“ für einen Ausstieg aus der Koalition mit Timoschenkos Parteienbündnis gestimmt. Letzterem wurde vorgeworfen, einen Staatsstreich zu planen, nachdem es zusammen mit der Moskau-freundlichen Partei der Regionen für vier bedeutende Gesetze gestimmt hatte, die für einen Machttransfer vom Präsidenten auf das Ministerkabinett sorgen.

Am nächsten Tag (3. September 2008) drohte Juschtschenko in einer live übertragenen Volksansprache im Fernsehen, von seinem Recht zur Auflösung des Parlaments Gebrauch zu machen, sollten innerhalb von 30 Tagen keine neue Mehrheitskoalition bilden. Beobachter wiesen allerdings darauf hin, dass „Unsere Ukraine-Selbstverteidigung des Volkes“ bisher die jetzige Koalition noch nicht offiziell aufgelöst habe. Es gebe Befürworter für die derzeitige Koalition sowohl in den Reihen von „Unsere Ukraine-Selbstverteidigung des Volkes“ als auch im Block von Julia Timoschenko.

Enttäuschung im Westen

Die Europaabgeordneten und westliche Diplomaten brachten ihre Verärgerung über die inneren Machtkämpfe zwischen den beiden führenden Politikern der pro-westlichen Koalition zu einem solch schlechten Zeitpunkt zum Ausdruck. Führende Politiker der EU und insbesondere der französische Außenminister Bernard Kouchner hatten die Ukraine vor einer Destabilisierung im Anschluss an die Georgien-Krise gewarnt (EURACTIV vom 27. August 2008).

Obgleich der EU-Sondergipfel am 01. September 2008 angedeutet hatte (EURACTIV vom 02. September 2008), dass die Ukraine von der Krise profitieren und eine bevorzugtere Behandlung als mögliches EU-Mitglied bekommen könne, seien die Worte in dem Entwurf der Erklärung schon nicht mehr ganz so entgegenkommend. Die Erklärung soll am 9. September 2008 anlässlich des EU-Ukraine-Gipfels in Evian angenommen werden. Quellen zufolge, enthalte der neue Entwurf keinen Verweis auf eine zukünftige EU-Mitgliedschaft mehr.

Ein Sprecher der Kommission konnte nicht einmal das Stattfinden des Gipfels bestätigen, da es prinzipiell möglich sei, dass der Ratsvorsitzende Frankreich das Treffen noch absage. Auf die Frage, ob die Kommission davon ausgehe, die letzten Entwicklungen seien eine Folge des Georgien-Konflikts, gab der Sprecher an, mal halte die Entwicklungen für die Fortsetzung früherer interner Machtkämpfe.

In einem Gespräch mit EURACTIV forderte der Vorsitzende des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten im Europäischen Parlament Jacek-Sariucz Wolski Einheit statt Entzweiung in der orangenen Koalition. Er erklärte, die Koalition mache sich unglaubwürdig, dass es tatsächlich seine pro-europäische Agenda befolgen könne.

Obwohl Juschtschenko seiner Ministerpräsidentin vorgeworfen hatte, sich auf Moskaus Seite zu schlagen, glauben viele Kommentatoren stattdessen, dass der Konflikt mit Blick auf die 2010 stattfindenden Präsidentschaftswahlen betrachtet werden müsse. Es wird erwartet, dass sowohl der amtierende Präsident als auch Timoschenko für diese Spitzenposition kandidieren werden.Umfragen zufolge ist Timoschenko wesentlich beliebter als Juschtschenko. Mindestens 25% der Wähler unterstützen die derzeitige Ministerpräsidentin, während der Vorsitzende der gegnerischen Partei der Regionen Viktor Janukowitsch auf die Unterstützung von 20% der Wähler setzen kann und Juschtschenko gerade einmal 6% der Wählerschaft hinter sich versammelt.

Beobachter warnen allerdings auch davor, dass Moskau die schwierige Situation zweifelsohne zu seinem Vorteil ausnutzen werde.

Der stellvertretende Leiter des ukrainischen Präsidentschaftssekretariats Andrej Kislinsky pflichtete Präsident Juschtschenko bei und beschuldigte Timoschenko des Hochverrats. Die Aktivitäten der amtierenden Ministerpräsidentin wiesen auf Hochverrat und politische Korruption hin, sagte er und fügte hinzu, dass die zuvor veröffentlichten Informationen zu diesem Thema, sich auf sorgfältig recherchierte Tatsachen stützten und die Vermutung untermauert hätten, dass die ukrainische Regierung gegen die nationalen Interessen des Landes handle.

Kislinsky fügte hinzu, man verfüge über Informationen darüber, dass es einige Abmachungen mit Russland gebe, Timoschenko bei den nächsten Präsidentschaftswahlen zu unterstützen. Ihm zufolge wisse das Präsidentschaftssekretariat über Abmachungen mit gewissen Wirtschaftskreisen Bescheid, die Timoschenkos Parteienbündnis finanziell unterstützten. Er glaubt auch, dass ihre Partei Russland versprochen habe, die Übernahme des Handlungsplans zur NATO-Mitgliedschaft zu hemmen, im Georgien-Konflikt eine pro-russische oder neutrale Haltung anzunehmen und nicht die Position Juschtschenkos zu unterstützen, der die Errichtung einer eigenen orthodoxen Kirche in der Ukraine befürwortet. 

Ukraines Ministerpräsidentin Julia Timoschenko warf Präsident Viktor Juschtschenko vor, die demokratische Koalition zu zerstören. Gemeinsam mit seinem Sekretariat habe der Präsident nichts unversucht gelassen, die demokratische Koalition zu zerstören. Es sei schade, dass der Präsident eine solch verantwortungslose Position einnehme. Gestern sei die demokratische Koalition auf seine Befehle hin zerstört worden, sagte sie.

Timoschenko fügte hinzu, Juschtschenko habe die demokratische Koalition nun zum zweiten Mal zerstört. Er habe dies zum ersten Mal im Jahr 2005 getan, als sie begonnen habe, gegen die Korruption im Umkreis des Präsidenten zu kämpfen und nun ein erneutes Mal. Darüber hinaus beschuldigte sie Juschtschenko, sie  mit Blick auf die im Jahr 2010 anstehenden Wahlen anzugreifen.

Olexiy Haran, ein Professor für Politikwissenschaft in Kiew, sagte, die verfahrene politische Situation sei eher auf die Ambitionen der ukrainischen politischen Elite zurückzuführen, als auf eine russische Verschwörung, Kiews pro-westlichen Kurs zu unterbrechen. Er warnte jedoch, Moskau könne diese Situation ausnützen. Wenn die Koalition zusammenbrechen sollte, werde sich der pro-westliche Kurs des Landes langfristig zwar nicht ändern, aber in näherer Zukunft kurzzeitige Rückschläge hinnehmen müssen. Dieses Szenario würde Ukraines Anstrengungen, sich der NATO und der EU anzunähern, kurzfristig erschweren. 

Viktor Juschtschenko und Julia Timoschenko kamen nach der Orangenen Revolution im Jahr 2004 an die Macht und versprachen, die Beziehungen zum Westen zu intensivieren und die Abhängigkeit von Russland zu reduzieren. Seitdem waren sie allerdings so untereinander zerstritten, dass die Regierung in ihrer Arbeit behindert wurde. 

Juschtschenko ernannte Timoschenko erstmals 2005 zur Ministerpräsidentin. Er entließ sie wenige Monate später und behauptete, dass das wirtschaftliche Wachstum in der Ukraine unter ihrer Führung erlahmt sei. Juschtschenko versuchte, sich im August 2006 mit dem pro-russischen Oppositionsführer Viktor Janukowitsch zu einigen, doch beschuldigte diesen dann, er habe ihn aus seinem Amt drängen wollen. Daraufhin löste er das Parlament auf.

Timoschenko erhielt erneut den Posten der Ministerpräsidentin des 46 Millionen Einwohner starken Landes, als ihr Parteienbündnis gemeinsam mit Juschtschenkos Partei bei den Wahlen im Dezember 2007 228 der insgesamt 450 Parlamentssitze erringen konnte. 

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