Immer mehr Salafisten operieren in Europa

Welche Rolle spielt der Islam in Europa? [Foto: dpa]

Der Salafismus ist die derzeit dynamischste islamistische Bewegung. Die Salafisten wollen ein islamisches Europa. Ein Teil von ihnen betrachtet terroristische Akte als legitim und gottgewollt. Der Autor erinnert Europa an den Anspruch von „wehrhaften Demokratien“.

Vor wenigen Tagen hat in Deutschland die Generalbundesanwaltschaft die Ermittlungen gegen vier Salafisten aufgenommen, die sich zu einer konspirativen Gruppe zusammengeschlossen und ein Attentat auf einen rechtspopulistischen Politiker geplant haben sollen; einer von ihnen gehörte früher zu einer Sondereinheit der albanischen Polizei. Durch Abhören seines Autos wurden er und seine Begleiter verhaftet.

Bei Hausdurchsuchungen fanden sich neben Waffen mit Munition mehr als 600 Gramm sprengfähiges Ammoniumnitrat, welches auch beim (fehlgeschlagenen) Anschlag auf dem Bonner Bahnhof verwendet worden war.

Vorausgegangen waren gewaltsame Angriffe gegen Polizisten, andererseits Verbote mehrerer ihrer Gruppierungen. Der Präsident des deutschen Verfassungsschutzes erklärte Mitte März, die Salafisten stellten "eine ernst zu nehmende Gefahr" dar. Ihre Zahl habe sich allein im vergangenen Jahr von 3.800 auf 4.500 erhöht. Davon seien rund 150  potenzielle Attentäter.

Aber auch auf internationaler Ebene ist der Salafismus die derzeit dynamischste islamistische Bewegung. Unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit konnten sie europaweit in ihrem "Islam-Informationsständen" ihr Propagandamaterial sowie Koran-Exemplare – in Deutschland waren es 300.000 – verteilen, die sie kostenfrei aus Ägypten und Saudiarabien erhalten hatten.

Salafisten-Gruppen existieren ebenfalls in Großbritannien, Dänemark und den Niederlanden. Die berüchtigte Kaplan-Gruppierung in Köln hatte Kontakte nach Frankreich. Dort verübte ein Salafist letztes Jahr Mordanschläge auf Soldaten und eine jüdische Schule.

Dritte Generation aus Marokko, Tunesien und Algerien

In Belgien gibt es einige Tausend Mitglieder, von denen mehrere Hundert zum harten Kern gehören; eigentlich alle befinden sich in der dritten Generation aus Marokko, Tunesien und Algerien – "echte" Belgier sind dabei kaum vorhanden.

Gewisse Ansätze sind auch in der Schweiz zu verspüren, hier stammen die Salafisten durchwegs aus dem Nahen Osten. Gewiss nicht ohne Grund rechnete der französische Innenminister unlängst mit weiteren Anschlägen, und erst vor wenigen Wochen äußerte der Terrorbeauftragte der EU ähnliche große Sorgen.

Salafisten geben vor, ihre gesamte Lebensführung ausschließlich an den Prinzipien des Korans, am Propheten Muhammad und an den vermeintlichen Vorstellungen der ersten Muslime und der islamischen Frühzeit auszurichten. Ihr Ziel ist die vollständige Umgestaltung von Staat, Gesellschaft und individuellem Lebensvollzug jedes einzelnen Menschen nach jenen – als "gottgewollt" postulierten – Normen. Bei dieser Veränderung sollen die westlichen Demokratien einschließlich ihrer Grund- und Freiheitsrechte durch ein salafistisches System und einen neuen Rechtsstaat durch ihre Scharia ersetzt werden; diese ist die von Gott als dem einzig legitimen Gesetzgeber gesetzte Ordnung und wird daher als unaufhebbar gesehen – sie ist jeglicher weltlicher Gesetzgebung übergeordnet, staatliche Gesetze werden dabei konsequent abgelehnt.

Zusammengefasst: Die Salafisten wollen ein islamisches Europa.

Ihre Bestrebungen unterteilen sich dabei in eine politisch-ideologische und eine jihadistische Strömung ("Jihad" ist der "Heilige Krieg"). Die erstere stützt sich auf eine intensive Propagandatätigkeit, die "da’wa" ("Missionierung"), um ihre extremistischen Thesen zu verbreiten und möglichst politisch-gesellschaftlichen Einfluss zu gewinnen. Dazu gehören auch salafistische Prediger und Islam-Seminare.

Saudiarabische Islam-Schulen in europäischen Sprachen

An diese Kreise ist eine regelrechte Islam-Schule angebunden, die in etlichen europäischen Sprachen eine umfangreiche Ausbildung in Islam-Studien nach den Lehrplänen der Universität Medina (Saudiarabien) anbietet. Das sogenannte Studium wird überwiegend als Fernstudium über das Internet betrieben. Ohnehin ist dieses inzwischen zum wichtigsten Kommunikations- und Propagandamedium geworden; die Qualität dieser Sendungen hat sich zweifellos gesteigert. Gern wird es ebenfalls zum Anknüpfen und Pflegen von Kontakten und zur Bildung von Gruppen genutzt.

Die Anhänger des "jihadistischen" Salafismus wollen ihr Ziel durch Gewaltanwendung in Form von verschiedenartigsten Anschlägen realisieren; von ihnen wird es als legitim angesehen, terroristische Akte zu verüben. Besonders junge Menschen, die sich in einer persönlichen Krise, in einem Identitätskonflikt befinden, sind für extremistische Ideologien anfällig.

Gerade das Internet übt mit seinem salafistischen Gedankengut oft eine nicht zu unterschätzende Anziehungskraft aus, es bildet den Nährboden für eine islamistische Radikalisierung – einen Nährboden des global agierenden islamistischen Terrorismus mit einer anschließenden Rekrutierung für den "Jihad".

Alle Terroristen des 11. September 2001 in New York waren Salafisten, darunter ebenfalls jene drei Selbstmordattentäter aus Hamburg. Die eigentliche terroristische Ausbildung erfolgt in geheimen Lagern im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet. Nach deren Abschluss kehren die Salafisten in ihre europäischen Heimatländer zurück, um als "Schläfer", also als unauffälliger, harmlos erscheinender Mitmensch auf ihre Befehle vom "Heiligen Krieg" zu warten.

Europa spricht gern von "wehrhaften Demokratien". Es wäre höchste Zeit, sie einmal zu beweisen, sonst sind sie schnell als billige Phrasen entlarvt – zur Freude der Salafisten.


Friedrich-Wilhelm Schlomann

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