Die EU-kritischen Anmerkungen von Altkanzler Helmut Schmidt bei seinem „Abschiedsbesuch“ im Kreml und die Äußerungen des russischen Präsidenten Wladimir Putin über die EU mögen polarisieren. Gastautorin Petra Erler entdeckt in der Begegnung allerdings Signale Putins an die EU, das Gespräch nicht abreißen zu lassen. Sie ist sicher: Nicht einmal die Ukraine ist das wert.
Die Autorin
Dr. Petra Erler ist Geschäftsführerin der "The European Experience Company GmbH" in Potsdam und ehemalige Kabinettschefin des damaligen EU-Kommissars Günter Verheugen in Brüssel.
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"Warum hat Schmidt Schnauze nie gelernt, an passender Stelle zu schweigen?" war in der "Welt" vom gestrigen Mittwoch zu lesen, weil der Altbundeskanzler gewagt hatte, in Moskau, ausgerechnet in Moskau, die Europäer zu kritisieren. Vor Putin! So dass sich dieser bemüßigt gesehen haben soll, diese nicht auf der Höhe der Zeit stehenden Europäer sogar zu verteidigen. Also nein, Schmidt, das ist ungehörig, Klappe halten!
Auch ich bin nicht immer einverstanden mit dem, was der Altbundeskanzler sagt oder tut, aber diesmal war ich beeindruckt.
Dieser alte Fuchs, dachte ich, zeigt er mit seinen 95 Jahren doch wieder einmal allen, dass er zu den ganz Großen in der europäischen Politik gehört, die er so schmerzlich vermisst (sich ausgenommen). Denn er hat Putin eine Reaktion entlockt, die man nur, wenn man mit weitreichender Dummheit ausgestattet ist, als schlicht arrogant wahrnehmen könnte.
Putins Reaktion könnte auch, Nachdenken vorausgesetzt, als Signal an die EU verstanden werden, das Gespräch nicht abbrechen lassen zu wollen.
Der russische Präsident ist alles andere als dumm. Wer sich aus den Trümmern einer Gesellschaft bis ganz nach oben an die Spitze arbeitet, hat nicht nur jede Menge Ellenbogen, sondern auch einiges auf dem Kasten (Man denke an Angela Merkel). Putin kann kein Interesse an einer russisch-europäischen Eiszeit haben. Nicht einmal die Ukraine ist das wert.
Das Russland, das Putin regiert, braucht den europäischen Westen wie die Luft zum Atmen – dort fließt sein Öl und Gas hin, in russischen Tresoren liegen Euro zu Hauf, die der Kreml als Wertanlage ansieht und nicht als Spielgeld. Aus dem Westen kommen die hochtechnologischen Güter, die in Russland nicht gebaut werden können, weil Putins Russland bei der Diversifizierung seiner Wirtschaftsstruktur nicht vorankommt.
Wenn die deutsche Kanzlerin nach Moskau reist (oder St. Petersburg), ist die deutsche Industrie immer im Tross dabei, milliardenschwere Aufträge werden unterschrieben und so Wohlstand und Arbeitsplätze in Deutschland gesichert. Im Dezember 2012 ging es für Siemens und dessen Belegschaft allein um 700 Loks im Volumen von 2,5 Milliarden. Das ist nicht nichts.
Fast hoffe ich, es wäre der Kanzlerin eingefallen, den alten Schmidt nach Moskau zu schicken. Denn der Gesprächsfaden darf nicht abreißen, der Auftragsfaden auch nicht, allen Krim-Boykotten zum Trotz (über die man geteilter Meinung sein). Wir brauchen den Dialog, das Gespräch und die Zusammenarbeit mit Moskau, zu den deutsch-russischen Beziehungen, zu europäischen Fragen von Zypern bis Georgien und darüber hinaus.
Putin scheint dazu bereit. Danke, Helmut Schmidt.
Links
Die Welt: Schmidt Schnauze in Moskau (11. Dezember 2013)
EURACTIV.de: Helmut Schmidt: Europa soll sich nicht aufspielen (17. Juni 2011)

