Der französische Schauspieler Gérard Depardieu wird Russe und ist darüber überglücklich. Er gesteht in einem offenen Brief seine Liebe zu Russland und bedankt sich für die schnelle Einbürgerung. Kleiner Nebeneffekt: Anstatt 75 Prozent Reichensteuer in Frankreich muss Depardieu in Russland nur 13 Prozent Einkommenssteuer zahlen. EURACTIV.de dokumentiert den Brief.
Der französische Verfassungsrat hat die für 2013 geplante Einführung eines Spitzensteuersatzes von 75 Prozent auf Jahreseinkommen von mehr als einer Million Euro vorläufig gestoppt. Allein die Debatte um die Reichensteuer hat allerdings bereits erhebliche Folgen. Viele Großverdiener wollen der Besteuerung entgehen, indem sie ihren Wohnsitz ins Ausland verlegen. Besonders beliebt ist dabei das angrenzende Belgien.
"Hau ab, du reicher Idiot"!
So hatte Anfang September 2012 der französische Unternehmer Bernard Arnault, mit einem geschätzten Vermögen von 41 Milliarden US-Dollar der reichste Europäer, die belgische Staatsangehörigkeit beantragt. Obwohl Arnault fest behauptete, nicht wegen der drohenden Reichensteuer ins Nachbarland gehen zu wollen, fiel die Kritik in Medien und Politik heftig aus. Die Zeitung Libération titelte: "Hau ab, du reicher Idiot!"
Erbärmlich und unpatriotisch
Arnault ist nicht der einzige reiche Franzose, der vor der drohenden Reichensteuer das Weite sucht: Hohe Medienwellen schlägt seit Anfang Dezember die Auswanderung des weltweit bekannten französischen Schauspielers Gérard Depardieu. Wie andere reiche Landsleute hat Depardieu seinen Erstwohnsitz Anfang Dezember kurzerhand nach Néchin/Estaimpuis verlegt, einem 2000-Seelen Dorf direkt an der belgisch-französischen Grenze.
Frankreichs Ministerpräsident Jean-Marc Ayrault bezeichnete die französische Nationalikone daraufhin in einem Interview mit dem Fernsehsender France 2 als "erbärmlich" und "unpatriotisch". Depardieu wiederum fühlte sich davon so sehr gekränkt, dass er in einem
offenen Brief an Premierminister Ayrault ankündigte, dass er seinen französischen Pass zurückgeben werde: "Ich überreiche Ihnen meinen Pass und meine Sozialversicherungskarte", so Depardieu in dem Brief, den die Zeitung "Le Journal du Dimanche" abdruckte.
Bangen um belgischen Pass
Zeitgleich hatte Depardieu beim Bürgermeister seines neuen belgischen Domizils die belgische Staatsbürgerschaft beantragt. Allerdings kann die Einbürgerung nach belgischem Recht erst nach fünf Jahren Aufenthalt im Land erfolgen, in Ausnahmefällen bereits nach sechs Monaten Aufenthalt. Da Depardieu seinen Wohnsitz aber einzig aus Steuergründen nach Belgien verlegt hat, greift die Sonderregelung womöglich nicht. Schließlich soll sie nur für Persönlichkeiten gelten, die sich besonders um das Land verdient gemacht haben.
Putin und Depardieu
Etwas schneller ging die Bearbeitung des darauf folgenden Antrags Depardieus in Russland. Präsident Wladimir Putin hatte Depardieu während einer Pressekonferenz Mitte Dezember öffentlich die russische Staatsbürgerschaft angeboten. Depardieu zögerte offenbar nicht lange und stellte einen entsprechenden Antrag. Am Donnerstag, dem 3. Januar, bestätigte der Kreml nun, dass Präsident Putin angeordnet habe, dass dem Antrag Depardieus auf die Verleihung der russischen Staatsbürgerschaft stattgegeben wird.
Depardieus Liebesbrief an Moskau
"Ja, ich habe diesen Antrag auf einen Pass gestellt, und ich bin froh, dass er akzeptiert wurde", schrieb Depardieu daraufhin in einem offenen Brief auf Russisch und Französisch an russische Journalisten. "Ich verehre Ihr Land Russland, seine Menschen, seine Geschichte, seine Schriftsteller. Ich liebe es, dort Filme zu drehen oder mit Ihren Schauspielern wie Wladimir Mashkov zu arbeiten. Ich verehre Ihre Kultur, Ihre Intellektuellen."
"Mein Vater war zu seiner Zeit Kommunist und hörte Radio Moskau! Auch das ist Teil meiner Kultur. In Russland lässt es sich gut leben. Nicht unbedingt in Moskau, eine Megacity, die zu groß für mich ist. Ich bevorzuge das Leben auf dem Land und kenne wunderbare Orte in Russland."
Es gebe da einen Ort, den er besonders liebe, wo sich das Filmarchiv Gosfilmofond befinde, das von seinem Freund Nikolai Borodachev geleitet werde. "Am Rande des Birkenwaldes fühle ich mich gut."
"Und ich werde Russisch lernen."
"Ich habe darüber bereits mit meinem Präsidenten François Hollande gesprochen. Ich habe ihm all das bereits gesagt. Er weiß, dass ich Ihren Präsidenten Wladimir Putin sehr liebe und dass das auf Gegenseitigkeit beruht. Und ich habe ihm gesagt, dass Russland, Land einer großen Demokratie, kein Land ist, in dem ein Premierminister einen Bürger seines eigenen Landes als erbärmlich bezeichnet."
Weiters: "Ich mag auch die Medien, aber zugleich ist es bedauerlich, dass sie in der Regel nur eine Meinung darstellen. Aus Respekt für Ihren Präsident und für Ihr großes Land werde ich dazu nichts hinzufügen. […] Ehre sei Russland. Danke!"
Debatte in Frankreich
In Frankreich geht die mediale und politische Debatte um Reichensteuer, Steuerflucht und Schauspielergehälter derweil weiter. Wie gerecht und sinnvoll ist ein Spitzensteuersatz von 75 Prozent? Wie kann die Steuerflucht in die Nachbarländer Belgien, Luxemburg und Schweiz verhindert werden?
Und wieso verdienen die Schauspieler in Frankreichs stark subventionierter Filmindustrie eigentlich so viel Geld?
Michael Kaczmarek
Links
Kreml: Vladimir Putin signed Executive Order granting Russian citizenship to Gerard Depardieu (3. Januar 2012)

