Georgien-Resolution: Europaabgeordnete uneins [DE]

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Das Europäische Parlament hat gestern (3. September 2008) eine Resolution angenommen, die das Vorgehen Russlands in Georgien verurteilt und es auffordert, seine Truppen unverzüglich abzuziehen. Der Text rief jedoch den Protest der sozialistischen Europaabgeordneten hervor. Diese beklagten, dass die Resolution in Bezug auf den georgischen Präsidenten Michail Saakaschwili, der von vielen als verantwortlich für den Ausbruch der Krise angesehen wird, zu nachgiebig sei. 

Hauptdiskussionspunkt ist das Fehlen einer Schuldzuweisung in der Resolution, die feststellt, wer mit den Kampfhandlungen begonnen hat. Bei der Plenarsitzung erklärte der deutsche Vorsitzende der Sozialdemokratischen Fraktion im Europäischen Parlament (SPE) Martin Schulz, seine Fraktion hätte einen Verweis auf Georgiens unangemessenes Verhalten zu Beginn des Konfliktes befürwortet. Außerdem kritisierte er, dass die Aufnahme eines solchen Verweises in die gemeinsame Resolution bei den Verhandlungen mit den anderen Fraktionen keine Rolle gespielt habe.
Der parlamentarische Berichterstatter über die Georgien-Resolution und deutsches Mitglied der EVP-ED-Fraktion Elmar Brok wies die Kritik jedoch zurück. Der Konflikt habe damit begonnen, dass Russland Pässe an Südossetier verteilt und russische Truppen Dörfer beschossen hätten. Es sei offensichtlich, wer den Konflikt begonnen habe und die Anmerkung von Martin Schulz richte sich mehr an seine eigene Fraktion als an irgendwen sonst, meinte Brok zu EURACTIV.
Trotz der Unstimmigkeiten wurde die Resolution mit 549 Stimmen angenommen, bei 68 Gegenstimmen und 61 Enthaltungen.
Im Gespräch mit EURACTIV erklärte der stellvertretende Vorsitzende der SPE Jan Marinus Wiersma (Niederlande), seine Fraktion wünsche sich ein geschlossenes Auftreten des Parlaments in der Georgienkrise. Deshalb hätten die Sozialisten für die Resolution gestimmt. Die Fraktion stehe Georgien allerdings kritischer gegenüber als andere, betonte Wiersma.
Er erklärte weiter, der Entwurf basiere auf zwei Grundvoraussetzungen: zum Einen, dass das Parlament die auf dem EU-Sondergipfel getroffenen Entscheidungen in Bezug auf Georgien unterstütze (EURACTIV vom 02. September 2008) und zweitens, dass niemand Sanktionen gegen Russland fordere.
Wiersma fügte hinzu, die Sozialisten hätten sich außerdem darum bemüht, Georgien nicht den Eindruck zu vermitteln, das Europäische Parlament verspreche ihnen eine NATO-Mitgliedschaft. Das sei der Grund, warum die Sozialisten einen Absatz abgelehnt hätten, der daran „erinnere“, dass man sich auf dem letzten NATO-Gipfel  in Bukarest darauf geeinigt habe, Georgien eine Mitgliedschaft in der Allianz anzubieten, und der den Eindruck erwecke, dass Georgien weiterhin auf dem Weg sei, eines Tages der Allianz beizutreten.
Im Gespräch mit EURACTIV erklärte der polnische Vorsitzende der Außenpolitischen Kommission Jacek Sariusz-Wolski (EVP-ED), für ihn sei am wichtigsten, dass aus der Resolution klar hervorgehe, dass man die Anwesenheit Russlands in Georgien und die Besetzung von Teilen des Landes verurteile. Weiter hob er hervor, wie wichtig die Forderung der Resolution nach der Befolgung des von Frankreichs Präsidenten Nicolas Sarkozy ausgehandelten Sechs-Punkte-Plans sei. Ebenfalls von Bedeutung sei die Verpflichtung der EU eine Erkundungsmission nach Georgien zu entsenden und großzügige Hilfsprogramme für den Wiederaufbau bereitzustellen.
Er äußerte sich auch zufrieden, dass die Resolution auf den Vorschlag von Schweden und Polen verweise, die sich für eine verstärkte Zusammenarbeit mit Georgien, der Ukraine und Moldawien eingesetzt hatten.

Der österreichische Abgeordnete der SPE Hannes Swoboda meinte während der Parlamentsdebatte am 1. September 2008, dass der Westen und der georgische Präsident Michail Saakaschwili Fehler gemacht hätten, das dies jedoch nicht das Vorgehen Russlands entschuldige, das die Situation für seine eigenen Zwecke ausgenutzt habe.

In einer schriftlichen Erklärung bezeichneten die Fraktion der Grünen / Freie Europäische Allianz das Vorgehen Georgiens ebenfalls als einen Angriff und forderte eine OECD-Untersuchung der Provokationen auf beiden Seiten – Georgiens Angriff und Russlands Antwort. Bei der Plenarsitzung am 1. September forderte der deutsche Fraktionsvorsitzende Daniel Cohn Bendit Europa dazu auf, das Vorgehen von Georgiens Präsident Saakwaschwili zu kontrollieren. Was die Russen getan hätten, sei inakzeptabel, aber es sei ebenso inakzeptabel eine Stadt zu bombardieren, so Cohn-Bendit.

Francis Wurtz, der französische Fraktionsvorsitzende der GUE/EFA (Konföderale Fraktion der Vereinigten Europäischen Linken/Nordische Grüne Linke), meinte, wenn Europa entweder eine pro-georgische oder eine pro-russische Position einnehme, würde es damit in eine Sackgasse geraten. Er kritisierte Saakaschwili, der seit seiner Wahl 2004 von Racheakten gegen die abtrünnigen Provinzen gesprochen und sein Bündnis mit George Bush bis zum Äußersten getrieben habe. Diese Strategie habe sich verheerend auf Georgien und Europa ausgewirkt. Russland habe andererseits alles zu verlieren, sollte es sich für die Isolation entscheiden, meinte er.

Am 7. August 2008 sind georgische Truppen in die abtrünnige Region Südossetien einmarschiert, die ebenso wie die andere umstrittene Region Abchasien offiziell zu Georgien gehört, aber weitgehend autonom ist und stark unter russischem Einfluss steht. Seit der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo im Februar haben die Spannungen in beiden Regionen zugenommen.

Politische Analysten stimmen weitgehend darin überein, dass man Saakaschwili vorwerfen könne, Russland im Laufe sich überschlagender Ereignisse in die Falle gegangen zu sein, als er den Beschuss der südossetischen Hauptstadt Zchinwali anordnete. Dabei waren viele Zivilisten ums Leben gekommen und hatte kurze Zeit später die militärische Reaktion Russland zur Folge.

Russland reagierte darauf mit einem massiven Militäreinsatz und nahm Teile Georgiens ein. Dies gab bei den westlichen Staaten Anlass zu der Befürchtung, dass Russland diese Gelegenheit nutzen wolle, um den pro-westlichen Präsidenten Georgiens Michail Saakaschwili zu stürzen und Georgien wie zu Sowjetzeiten zu einem Vasallenstaat zu machen. 

Der französische Präsident Nicolas Sarkozy, dessen Land derzeit den Vorsitz im Rat der EU innehat, hatte geholfen, ein Waffenstillstandsabkommen zwischen Russland und Georgien auszuhandeln. In dem Abkommen hatte Russland eingewilligt, bis zum 22. August 2008 alle Truppen auf ihre Vorkriegspositionen zurückzuziehen. 

Auf einem Sondergipfel am 1. September 2008, beschlossen die Staats- und Regierungschefs der EU als Antwort auf Russlands „inakzeptables“ Vorgehen in Georgien die Gespräche mit Moskau über ein weit reichendes Partnerschafts- und Kooperationsabkommen auszusetzen und auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. Sanktionen gegen Russland verhängten sie aber nicht.

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