EU erhält Ukraines Hoffnung auf EU-Beitritt aufrecht [DE]

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Die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union erhielten gestern (9. September 2008) die Aussichten der Ukraine auf einen EU-Beitritt aufrecht und vermieden es damit, die Ukraine kategorisch für ihre Schritte zu kritisieren. Sie wollten damit die pro-westliche Regierung des Landes unterstützen, um eine weitere Radikalisierung Moskaus nach dem Georgien-Konflikt zu verhindern.

Der Tagungsort des EU-Ukraine-Gipfels wurde gestern (9. September 2008) das jüngste ‚Opfer’ des Georgien-Russland-Konfliktes.

Ursprünglich hatte der Gipfel im Alpenort Evian stattfinden sollen, wurde dann aber in letzter Minute in den Elysée-Palast in Paris verlegt, da der französische Präsident Nicolas Sarkozy und weitere hohe EU-Beamte nach ihrer Reise nach Moskau und Tiflis (EURACTIV vom 9. September 2008) stark unter Zeitdruck standen. In der Eile wurde das Treffen in Paris im Abschlussdokument noch immer als „Evian-Gipfel“ bezeichnet.

Auf dem Gipfel boten die Staats- und Regierungschefs der EU Ukraines Präsidenten Viktor Juschtschenko eine enge Partnerschaft an und erkannten die Hoffnungen der Ukraine auf einen Beitritt als rechtmäßig an. Sie gingen allerdings nicht so weit, die Mitgliedschaft fest zuzusichern.

Die Abschlusserklärung des Gipfels führt aus, dass die Rechtsgrundlage zwischen der Ukraine und der EU, die derzeit verhandelt werde, als Assoziierungsabkommen bezeichnet werde, wie dies auch bisher mit möglichen Beitrittskandidaten gehandhabt worden sei. Die EU habe allerdings auch mit einer Reihe weiterer Handelspartner wie Chile und Ägypten „Assoziierungsabkommen“ abgeschlossen. Hinzu kommt eine Klausel, die die Aussicht auf eine Mitgliedschaft unverblümt dämpft und stattdessen erklärt, dass sich die EU die Möglichkeit offen halte, die Beziehungen zwischen EU und Ukraine schrittweise weiter zu entwickeln.

Tatsächlich ging der Gipfel trotz aller Erwartungen nicht weiter als zu bestätigen, worauf sich die Außenminister vor dem Georgien-Konflikt bereits geeinigt hatten (EURACTIV vom 23. Juli 2008). 

EU gespalten, Ukraine geteilt

Die EU-Mitgliedstaaten zeigten sich auf dem Gipfel geteilter Meinung. Während Frankreich, Deutschland und Italien sich für eine vorsichtige Vorgehensweise gegenüber Moskau aussprachen, brachten Polen, Schweden, Großbritannien und die baltischen Staaten ihren Wunsch zum Ausdruck, ihre Beziehungen mit den östlichen Nachbarstaaten der EU nach dem Georgien-Konflikt zu vertiefen.

Weiter erschwert wurden die Verhandlungen durch das Treffen der EU-Staats- und Regierungschefs mit dem ukrainischen Präsidenten, der bedingt durch die Auseinandersetzungen mit seiner Ministerpräsidentin, seiner früheren Verbündeten während der Orangenen Revolution Julia Timoschenko, derzeit in einer tiefen Krise steckt (EURACTIV vom 4. September 2008). Die EU-Chefs hätten es vorgezogen, sowohl den ukrainischen Präsidenten als auch die Ministerpräsidentin zu treffen, aber nur Juschtschenko und sein Außenminister Wolodymyr Ogrysko hatten die Reise nach Paris angetreten.

Aus Diplomatenkreisen geht hervor, dass Deutschland, die Niederlande und in einem geringeren Maße Belgien am meisten zögerten, der Ukraine eine Mitgliedschaft in der Zukunft fest zuzusagen.

Man habe getan, was möglich gewesen sei, so Sarkozy.

Juschtschenko bemühte sich, beherzt aufzutreten und hob die Erfolge des Gipfels hervor. Man habe einen sehr ehrgeizigen Plan in Angriff genommen und es werde Zeit brauchen, um die Ziele zu erreichen. Man sei als europäisches Land bezeichnet worden, erklärte Juschtschenko.

Ist die Ukraine das nächste Ziel?

Ein ukrainischer Diplomat kritisierte hingegen, dass Kiew das Opfer der europäischen Uneinigkeit geworden sei. Europäische Diplomaten brachten wiederum ihre Verärgerung über die internen Machtkämpfe der beiden Führer der pro-westlichen Koalition zu einem solch schlechten Zeitpunkt zum Ausdruck. Die EU-Staats- und Regierungschefs und insbesondere der französische Außenminister Bernard Kouchner hatten die Ukraine vor einer möglichen Destabilisierung nach dem Georgien-Konflikt gewarnt (EURACTIV vom 27. August 2008). EU-Erweiterungskommissar Olli Rehn meinte außerdem, dass die Ukraine das nächste Ziel Russlands werden könne, wenn man ihr keine Mitgliedschaft anböte.

Eine Einigung auf eine Visumerleichterung schien, zumindest auf kurze Sicht, der einzige zusätzliche Anreiz für die Ukraine zu sein. Die beiden Parteien einigten sich auf die Aufnahme eines Dialogs mit dem Ziel auf lange Sicht geeignete Bedingungen für die Visumsbefreiung aller ukrainischer Bürger für Reisen innerhalb der EU zu schaffen.

Der französische sozialistische Europaabgeordnete Bernard Poignat warnte in einem von der Tageszeitung Le Monde veröffentlichten Artikel, dass der Georgien-Krieg zu einem Präzedenzfall für einen Krieg auf der Krim werden könne. Er erinnerte daran, dass das Abkommen zwischen Moskau und Kiew zur Nutzung des Marinestützpunktes in Sewastopol im Jahr 2017 auslaufe, und behauptete, dass Moskau seine Praxis fortsetzen werde, der örtlichen Bevölkerung russische Pässe auszuhändigen, bis diese „russischen Staatsbürger“ Moskau darum bitten würden, sie zu befreien. Wenn Europa jetzt nicht handeln würde, um dies zu verhindern, habe es danach keine Handlungsspielräume mehr, schreibt der französische Europaabgeordnete.

Andrew Wilson, ein Experte in Russland- und Osteuropa-Fragen, der für den European Council on Foreign Relations in London arbeitet, sagte, die Ergebnisse der Gespräche am Dienstag würden die Ukraine einen Schritt weiter bringen. Insgesamt sei die Situation der Ukraine heute besser als vor drei oder vier Jahren und sogar besser als vor drei Monaten. Das Problem bei Gipfeltreffen sei, dass sie oftmals mit hohen Erwartungen angegangen würden. Die ukrainischen Erwartungen seien sehr hoch gewesen, möglicherweise sogar zu hoch. Angesichts der Ergebnisse, die erzielt worden seien, könne die Ukraine aber zufrieden sein, sagte er.

Der Vorsitzende der Fraktion der Allianz der Liberalen und Demokraten im Europäischen Parlament Graham Watson begrüßte das positive Signal, dass die EU in Richtung ihrer ukrainischen Nachbarn entsendet habe. Paradoxerweise habe das militärische Abenteuer des russischen Premierministers Putin im Sommer die Akteure in der EU-Außenpolitik näher zusammengebracht als es noch so viele Berichte des Rates vermocht hätten. Russland habe die schlechten Erinnerungen an die damalige Sowjetzeit wiedererweckt und damit viele ehemalige sowjetische Satellitenstaaten dazu getrieben, bei der Europäischen Union Schutz und Stabilität zu suchen, sagte Watson. 

Die Ukraine, ein Land mit 46 Millionen Einwohnern, eingekeilt zwischen der EU und Russland, hatte gehofft, dass die EU nach dem militärischen Angriff Russlands auf Georgien im letzten Monat (August 2008) und dessen anschließender Annektierung georgischen Territoriums der Ukraine ihre Türen öffnen würde.

Auf Grund der Gas-Pipelines, die durch die Ukraine verlaufen, ist das Land eine wichtige Route für die Energielieferungen nach Europa und wird als strategisch wichtig für die EU angesehen, die auf lange Sicht ihre Energieversorgung sichern will.
Kiew bereitet sich auf eine vollständige EU-Mitgliedschaft bis 2020 vor. Selbst die pro-russische Bevölkerung im Osten des Landes lehnt einen Beitritt zur EU nicht ab. Einer Mitgliedschaft in der NATO steht die Bevölkerung hingegen mit geteilter Meinung gegenüber; Präsident Juschtschenko hingegen hatte sich dafür in letzter Zeit sehr stark gemacht.

Die NATO hatte kürzlich eine Entscheidung über einen möglichen Beitritt der Ukraine und Georgiens vertagt, da die Eröffnung von Verhandlungsgesprächen mit diesen beiden Ländern ansonsten von Moskau als äußerste Provokation unter Führung der USA in seiner unmittelbaren Umgebung angesehen worden wäre (EURACTIV vom 2. April 2008). Viele Ukrainer befürchten, dass Moskau es auf die strategische Halbinsel Krim abgesehen haben könnte, die von einer überwiegend russischen Bevölkerung bewohnt wird und und in deren Hafenstadt Sewastopol sich außerdem ein russischer Flottenstützpunkt befindet. 

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