Diplomatischer Dienst der EU gibt Anlass zu Diskussionen [DE]

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Das Europäische Parlament versucht, die laufenden Vorbereitungen für die Schaffung eines Europäischen Auswärtigen Dienstes (EAD) zu beeinflussen. Letzterer soll gemeinsam vom EU-Ministerrat und der Kommission nach Inkrafttreten des Vertrags von Lissabon errichtet werden. Kritiker sagen jedoch, diese bedeutende Neuerung an der Struktur der EU werde vermutlich unter vollständiger Geheimhaltung geschehen.

Die Schaffung eines diplomatischen EU-Dienstes mit Missionen in 125 Ländern wird auf der Tagesordnung des EU-Gipfels stehen, der am 19. und 20. Juni 2008 in Brüssel stattfinden wird – vorausgesetzt, dass das Referendum in Irland über den EU-Vertrag „gut geht“, so Diplomaten. 

Der gemeinsame Auswärtige Dienst wird die bilaterale Diplomatie nicht ersetzen. Einige Politiker fürchten jedoch, die Initiative könnte denjenigen Anlass zu Kritik geben, die der Meinung sind, der Vertrag von Lissabon verwandle die EU in einen Superstaat.

Am 6. Mai legte der Parlamentsausschuss für Auswärtige Angelegenheiten einen Berichtsentwurf über die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik vor, der eine Wunschliste zur Schaffung des EAD der Europaabgeordneten gegenüber Rat und Kommission darstellt.

Der Bericht betont, der künftige Hohe Vertreter/Vizepräsident der Kommission werde seine Legitimität direkt vom Europäischen Parlament erhalten. Er betont weiter die Notwendigkeit von Transparenz und demokratischen Beiträgen zum Prozess der Errichtung des geplanten Europäischen Auswärtigen Dienstes. Er fordert weiter, dass ein Mechanismus geschaffen werden soll, der vertrauliche Informationen für ausgewählte Mitglieder des Ausschusses Auswärtige Angelegenheiten zugänglich machen soll.

Jacek Saryusz-Wolski, Vorsitzender des Ausschusses Auswärtige Angelegenheiten und Verfasser des Berichtsentwurfs, sagte EURACTIV, „dass daran gearbeitet wird, aber bisher wenig veröffentlicht wurde“.

„Der Vertrag ist in dieser Hinsicht wenig konkret. Wenn wir Fragen stellen, haben wir bisher keine detaillierten Informationen erhalten. Auch wenn der Vertrag noch nicht ratifiziert ist, haben wir das Gefühl, dass kontinuierlich gearbeitet wird. Aber die Vorschläge werden vorgelegt werden, wenn die Zeit dafür reif ist“, fügte Saryusz-Wolsky hinzu.

Als offene Fragen führte er die Zusammenarbeit zwischen Rat, Kommission und den Vertretern der Mitgliedstaaten, die Rolle des Europäischen Parlaments, den offiziellen Titel des Vorsitzenden der Missionen sowie den offiziellen Titel der Delegationen an. Der britische konservative Europaabgeordnete Charles Tannock sagte kürzlich, Großbritannien werde nicht akzeptieren, wenn die EU alle diplomatischen Angelegenheiten übernähme.

Parlament will stärkere diplomatische Legitimität

„Die größte Erwartung des Parlaments ist, dass es mehr Mitspracherecht erhält und dass das Parlament zusätzliche demokratische Legitimität verleihen kann, indem es Stellung bezieht. Wir erwarten, dass wir bereits im Vorfeld – und nicht erst im Nachhinein – diese Entscheidungen mitgestalten können“, erklärte Saryusz-Wolsky.

Der Vorsitzende des Ausschusses für Auswärtige Angelegenheiten sagte weiter, die Europaabgeordneten bräuchten mehr Klarheit darüber, wo der EAD und der Zuständige für Außenpolitik untergebracht würden, wobei es drei Möglichkeiten gebe: im Rat, in der Kommission oder „dazwischen“, d.h. in gesonderten Räumlichkeiten. 

Laut Saryusz-Wolsky herrsche im Parlament auch Einigkeit über die Schaffung eines weiteren hochrangigen Postens – den des Hohen Vertreters für Außenpolitik und Energiesicherheit. Dieses neue Amt sollte Teil des zukünftigen „Amtes des Außenministers“ sein, sagte der Vorsitzende.

Der französische Europaabgeordnete Alain Lamassoure nannte EURACTIV gegenüber zwei persönliche Empfehlungen für den EAD: Zunächst sollte es ein einheitlicher Dienst sein und eine Überschneidung mit Rat und Kommission sollte vermieden werden. Derzeit gebe es zu oft „doppelte“ Vertretungen der Kommission und der Missionen des Rates, erklärte Lamassoure. Beispielsweise gebe es im Kosovo derzeit fünf verschiedene EU-Missionen.

Seine zweite Empfehlung ist, dass jeder diplomatische Dienst dem neuen Auswärtigen Dienst seine besten Diplomaten stellen sollte. „Sonst wäre es keine europäische Diplomatie, sondern eine 28. Diplomatie, die den 27 bereits bestehenden zugefügt wird“, betonte Lamassoure.

Der französische Abgeordnete erwarte nicht, dass diese Änderungen der bilateralen Diplomatie einen Rückschlag verleihen würden. Es sollte eine Unterscheidung zwischen den diplomatischen Missionen der EU-Länder außerhalb der EU und innerhalb der Union getroffen werden, erklärte er. Selbst große EU-Länder seien weit davon entfernt, überall Botschaften zu haben. Daher sei eine Umverteilung der Ressourcen und eine bessere Abstimmung und Neuverteilung der Rollen im Interesse Europas, betonte er.

Jedoch fordert Lamassoure die Abschaffung der Begriffe „Botschaft“ und „Botschafter“ innerhalb der EU.

„Da die Beziehungen der EU-Länder keine diplomatischen Beziehungen sind – es handelt sich eher um gemeinsame Arbeit innerhalb der EU -, sollten die Konsulate der EU-Länder umgestaltet werden, sodass die Rechte der europäischen Bürger, die einem anderen EU-Land leben, besser gestärkt werden.“

Kürzlich gestand Benita Ferrero-Waldner, EU-Kommissarin für Außenbeziehungen und europäische Nachbarschaftspolitik, ein, dass bisher niemand wirklich wisse, wie genau der EAD schlussendlich funktionieren werde.

Sie sagte, 2009 werde ein Jahr des Übergangs sein: aufgrund des Inkrafttretens des neuen Vertrags und der folglich neuen institutionellen Struktur, aufgrund der neuen Kommission und des neuen Europäischen Parlaments und aufgrund der Bestimmungen des Vertrags, dass ein neuer Hoher Vertreter/Vizepräsident der Kommission die Vorschläge der Arbeitsweise des Auswärtigen Dienstes zum Abschluss bringen soll, denen dann die Kommission und schließlich das Europäische Parlament und die Mitgliedstaaten zustimmen müssen.

Die endgültigen Vorschläge für den EAD würden erst 2010 vorgelegt werden, sagte Ferrero-Waldner.

Der slowenische Außenminister Dmitrij Rupel, dessen Land gegenwärtig die EU-Ratspräsidentschaft innehat, sagte, der Europäische Auswärtige Dienst sei eine wichtige Neuerung des neuen Vertrages. Er würde durch die Entscheidung des Rates über den Vorschlag des Hohen Vertreters und nach der Konsultation des Parlaments und dem Erhalt der Billigung durch die Kommission errichtet. Artikel 15 des Vertrages von Lissabon lege fest, dass die Vorbereitungen für die Schaffung des Europäischen Auswärtigen Dienstes nach Unterzeichnung des Vertrages beginnen sollten. In Übereinstimmung mit den Schlussfolgerungen des Europäischen Rates vom Dezember werde die slowenische Ratspräsidentschaft diese Arbeit als Teil umfassender spezifischer Vorbereitungen übernehmen, die notwendig seien, um ein vollständiges und effizientes Funktionieren des Vertrages von dem Tag an, an dem er in Kraft trete, sicherzustellen. Man sei sich über das Interesse des Europäischen Parlaments in dieser Hinsicht und dessen Anliegen, in die Vorbereitungsarbeiten einbezogen zu werden, bewusst. Daher werde die Ratspräsidentschaft gemeinsam mit dem Generalsekretariat des Rates sicherstellen, dass die Mitglieder des Europäischen Parlaments um den Präsidenten auf dem Laufenden gehalten würden.

Der belgische Außenminister Karel de Gucht brachte seine Unterstützung des EAD zum Ausdruck: Er sei der Ansicht, dieser Auswärtige Dienst müsse so bald wie möglich genutzt werden. Eine vollständige weltweite Nutzung in einer Art „Big Bang-Szenario“ sei seiner Ansicht nach weder durchführbar noch wünschenswert. Dagegen scheine es in der Tat notwendig, dass er zügig im Hauptsitz in Brüssel seine Arbeit aufnehme. Dadurch werde eine nützliche Basis geschaffen, damit diese neue institutionelle Einrichtung ihre Arbeit ordnungsgemäß aufnehmen und funktionieren könne – auch in Zusammenarbeit mit den wichtigsten internationalen Organisationen und bilateralen Partnern. Er glaube auch, dass das Ziel sein sollte, den Auswärtigen Dienst zu einem Dienstleister von Kommission, dem Hohen Vertreter und dem Präsidenten des Europäischen Rates zu machen. Letzterer brauche nur ein kleines persönliches Sekretariat und das Amt des Präsidenten wäre im Auswärtigen Dienst verankert.

Der finnische Staatssekretär Pertti Torstila äußerte sich kürzlich zum Thema und sagte, Finnland wolle dem Europäischen Auswärtigen Dienst seine „meistversprechenden und besten“ Beamten zu Seite stellen, die vorübergehend bei Angelegenheiten mitarbeiten sollten, welche die Interessen des Landes widerspiegelten. Er nehme an, dass andere Mitgliedstaaten das gleiche täten. Basierend auf gegenwärtigen, sehr groben Schätzungen könne er sagen, dass Finnland in den ersten fünf Jahren insgesamt ca. 15 bis 25 Beamte für den EAD und die Delegationen zur Verfügung stellen würde. Man bereite derzeit die Positionen vor, indem man sich mit anderen Mitgliedstaaten, dem Generalsekretariat und der Kommission berate. Sein Land werde eine aktive Rolle in dem Prozess spielen, so Torstila.

Elmar Brok, ein federführender Europaabgeordneter der Mitte-Rechts-Fraktion EVP-ED im Parlament, sagte, man müsse verhindern, dass eine enorme neue Bürokratie geschaffen werde. Dazu sei der Vorschlag, dass die mehr als 120 Delegationen der Kommissionen weltweit in den EAD integriert würden. Das Personal sollte aus den nationalen diplomatischen Diensten der Mitgliedstaaten abgestellt werden. Das Zusammenlegen des EAD mit bestehenden EU-Ämtern hätte eine Doppelwirkung, da der Einsatz von Diplomaten aus den Mitgliedstaaten mögliche Konflikte zwischen nationalen und EU-Interessen verhindern könnte. Zudem stelle dies einen effizienten Einsatz von Personal dar und wirke so der Verschwendung von menschlichen und finanziellen Ressourcen entgegen.  

Der Vorschlag zur Schaffung eines „Europäischen Auswärtigen Dienstes“ (EAD), der den zukünftigen „Außenminister der Union“ unterstützen soll, der die Funktionen des gegenwärtigen Hohen Vertreters für die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik und des Kommissars für Außenbeziehungen in sich vereinigen wird, war einer der weniger umstrittenen Aspekte des Verfassungsvertrages und des darauf folgenden Vertrages von Lissabon.

Dennoch gibt der Lissabon-Vertrag keine konkreten Einzelheiten darüber, wie der EAD errichtet werden soll. In Rat und Kommission haben bereits Vorbereitungen begonnen und das Parlament versucht derzeit, seinen Einfluss abzuschätzen. 

Meinungsumfragen haben wiederholt gezeigt, dass die Öffentlichkeit die EU stark unterstützt, von der man sich wünscht, dass sie auf internationaler Ebene eine wichtige Rolle spielt und als Einheit auftritt.

  • 12. Juni 2008: Referendum über den Lissabon-Vertrag in Irland.
  • 19. und 20. Juni 2008: Europäischer Rat in Brüssel.
  • Juni 2008: Abstimmung über den Bericht des Europäischen Parlamentes im Plenum.

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