Ägypten: Hilflose EU hadert mit Islam

Die Muayyad-Mosche in Kairo. Ägyptische Christen fürchten den Zorn der muslimischen Mehrheit. Foto: Helen from Kuala Lumpur (CC BY 2.0)

Die EU ist gegenüber Ägypten ratlos, wie die jüngste „Antwort“ der 28 Außenminister unterstreicht. Der Westen fordert zwar Demokratie, fürchtet jedoch gleichzeitig den Einfluss des Islams. Kann Russland als Vorbild dienen?

Der Autor

Hermann Bohle (Genf), Jahrgang 1928, Kommentator und Buchautor, langjähriger Journalist in Brüssel zu EU- und NATO-Themen. Ehemals DIE ZEIT, Die Presse (Wien), Neue Zürcher Zeitung NZZ und Weltwoche (Zürich), Rheinischer Merkur, Unternehmensberatung Deutscher Wirtschaftsdienst (DWD-Köln). BLOG: Bohle-Echo.de.
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Kein Schutz der Christen als "Fundamentalfaktor der Außenpolitik westlicher Mächte". Stattdessen massenhafter Exodus der christlichen Bevölkerung aus Ägypten – wie auch in Syrien, wo Widerstandskämpfer die Christen entweder verjagt haben oder ausrotten. Von 1,5 Millionen irakischer Christen ist nur noch ein Zehntel übrig. Libyen hat praktisch keine mehr.

So lautet die Beschreibung der Folgen des Arabischen Frühlings, formuliert vom Leiter des Außenamts der Russisch-Orthodoxen Kirche in Moskau. Metropolit Ilarion Alfejew fordert darin den Schutz der Christen als "fundamentalen Faktor der Außenpolitik". Er verlangt das von den "westlichen" Mächten. Politisch dürfte da mehr dahinter stecken.

Man kennt die engste Beziehung zwischen der russischen Kirche und der dortigen Staatsmacht seit dem Ende der Sowjetunion 1991. Ilarion war von 2002 bis 2009 Vertreter seiner Kirche bei der EU in Brüssel, zeitgleich Bischof von Österreich. Als einen Schlüssel zum Problem zitiert er seinen "guten Freund", den schweizerischen Kardinal Kurt Koch: "Wir sollten uns nicht vor einem starken Islam fürchten, sondern vor einem schwachen Christentum."

Ratlose EU, ratlose USA

Die Hilflosigkeit des Westens gegenüber dem Chaos, das aus dem Orient zumindest nach Europa heranrollt, dazu Amerikas "Kaum-Reaktion" auf die Brandschatzung von 63 christlichen Kirchen binnen fünf Tagen in Ägypten, Vergewaltigung von Nonnen, Zerstörung von Hotels in Luxor, die sich im Eigentum koptischer Christen befinden (ein Zehntel der ägyptischen Bevölkerung): Das alles erschüttert ganz Europa bis tief nach Russland hinein.

Mittwochabend im EU-Sonderrat der Außenminister löste das Geschehen bloß ein Echo aus, das von ganz enormer Diskretion geprägt ist. "Den Schutz aller Bürger Ägyptens" fordert die EU, die sicherheitspolitisch vom Chaos im benachbarten Orient in höchste Bredouille geraten kann (die Zahl anlandender Flüchtlinge steigt bereits). Auf die demokratische Sicherung aller Grundfreiheiten "einschließlich der Religion und des Glaubens" verweisen die Außenminister der EU.

Massive Übergriffe auf Christen

Sie verlangen, in Ägypten solle das Volk entscheiden. Misslich nur, dass genau dies mit der freien Wahl des Moslembruders Mohammed Mursi geschehen war. Was dem folgte, beschreibt der ägyptische Kopten-Bischof Anba Damrian. Gleichzeitig seien im ganzen Land Kirchen, Gemeinde- und Waisenhäuser – auch "Einrichtungen der katholischen und evangelischen Schwestern" – von radikalen Moslems verwüstet worden.

"Seit 1971 erfahren wir ununterbrochen Gewalt." Damrian zitiert die Scharia. "Wenn der Täter Moslem ist und das Opfer Christ, kann der Täter nicht bestraft werden." Was Kriminelle massiv ausnützten. Nur die "Gnade" des 2011 gestürzten Ägypten-Präsidenten Hosni Mubarak – also dessen Militärherrschaft – habe die Kopten "teilweise" geschützt. Allerdings "keinerlei Gesetzlichkeit".

Die EU, ja der gesamte Westen sind ratlos. Würden die USA ihre 1,3 Milliarden US-Dollar jährlicher Militärhilfe streichen, hätten Ägyptens (freie!) Wahlsieger, die Moslembrüder, freie Hand. Bischof Damrian: "Gegen sie gingen aber 35 Millionen Ägypter auf die Straßen." Fehlendes westliches Geld würden die arabischen Golfstaaten zuschießen, die Kairo jetzt schon mit 12 Milliarden US-Dollar subventionieren. Mit immerhin 6,65 Milliarden US-Dollar Wirtschaftshilfe (5 Milliarden Euro) hat Europa immerhin mitzureden – hörbar.

Von Russland lernen

Klar ist in der Lage nur zweierlei. Im Spagat zwischen Freiheit und Stabilität im Orient muss, zumindest zeitweise, denen zusätzlicher westlicher Beistand zukommen, die "Law and Order für alle, die guten Willens sind" herstellen. Russland, dessen muslimische Bewohnerschaft prozentual bei mehr als dem Doppelten der EU liegt, liefert Beispiele zum weiteren Gang dieser Dinge. Tragendes Element: Bahn frei für die Toleranz, keine Chance den Radikalisten.

Metropolit Ilarion: "In Russland ist der Islam keine Bedrohung, (sondern) wichtiger Bestandteil einer multireligiösen Gesellschaft (…) Das gute Miteinander und Nebeneinander gilt dem traditionellen Islam. Nicht aber dem "unter islamistischer Flagge". Der bedrohe "die gesamte menschliche Zivilisation".

Die ohnehin längst überfällige Öffnung der EU zu Russland erlaubt in diesem Teilbereich das dringendst nötige  Durchstarten – mit abgestimmtem Vorgehen im Orient. Von den Russen lernen: In der Stadt Kasan wurde 2005 zu deren Tausendjahrfeier eine Moschee eingeweiht, die mit ihren 58 Metern Höhe die christliche Kirche merklich überragt. Der erst 28 Jahre junge Mufti proklamiert: "Islam ist Toleranz  nichts gegen Andersgläubige!"


Hermann Bohle

Links

Deutschlandradio: Metropolit Ilarion: "Der Schutz von Christen sollte Leitlinie westlicher Außenpolitik sein" (8. August 2013)

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