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Sudan zu Europäern: „Wir sind hocherfreut über die Chinesen“

Baha Aldin Hanafi, Botschafter der Republik Sudan, spricht im Interview mit EurAciv.de über die anhaltenden Probleme seines Landes mit dem Westen und seine Freude über das investitionsfreudige Engagement der Chinesen. Foto: Simon Harik

Interview mit Botschafter Baha Aldin HanafiDie Europäer werden nichts von Sudans natürlichen Ressourcen bekommen, wenn sie weiter darauf warten, bis Frauen anständig behandelt werden, bis Menschenrechte und Demokratie perfekt sind, sagt Baha Aldin Hanafi, Botschafter der Republik Sudan, im Interview mit EURACTIV.de.

Nach einem jahrelangen blutigen Konflikt hat sich Südsudan nach einem Referendum 2011 als eigenständiger Staat von der Republik Sudan unabhängig erklärt. Aufgrund ungelöster Probleme zum Grenzverlauf, zur Staatsbürgerschaft und zu den Erdölressourcen hat sich die Lage seitdem nicht wie erhofft beruhigt. EURACTIV.de hat das nachfolgende Interview mit Baha Aldin Hanafi, Botschafter der Republik Sudan, im Oktober geführt.

Nach Angaben der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) ist der Bürgerkrieg im Sudan seitdem erneut eskaliert, mit katastrophalen Folgen für die Zivilbevölkerung. Die GfbV verweist darauf, dass sich die Lage seit der Sudan-Resolution (2003/2011) des Weltsicherheitsrates vom 29. Juli 2011 dramatisch verschärft hat. Am 14. Dezember 2011 hat der Weltsicherheitsrat eine weitere Sudan-Resolution (2024/2011) verabschiedet. Inzwischen sind nach Informationen der Vereinten Nationen in Südkordofan und dem Blauen Nil rund 417.000 Menschen auf der Flucht. Allein in der Provinz Oberer Nil im Südsudan treffen täglich 650 neue Flüchtlinge aus der umkämpften Region Blauer Nil ein.


EURACTIV.de: Der Südsudan hat für seine Unabhängigkeit gekämpft, das erfolgreiche Referendum und die Unabhängigkeitserklärung in diesem Sommer gefeiert. Wieso bedauern Sie diese Entwicklung?

HANAFI:
Das Tragische am Sudan ist, dass die Gemeinsamkeiten zwischen Süd und Nord deutlich größer sind als sich das Außenstehende vorstellen können. Ich weiß, dass die Politik ein Problem war, doch wenn man die Politik beiseite schiebt, haben Nord und Süd viele Dinge gemein. Es geht nicht um einen Konflikt zwischen Afrikanern und Arabern, wie es manche Leute darstellen. Diese Unterschiede sind minimal. Sie wurden nur von der Politik so sehr in den Vordergrund geschoben.

Das derzeitige Regime im Sudan hatte in den vergangenen 20, 25 Jahren viele  Probleme mit dem Westen, weil es – anders als die meisten Länder der Dritten Welt – versucht hat, nicht automatisch zu gehorchen. Der Westen hat verschiedene Mittel und Wege ausprobiert, das Regime zu stürzen: das Verhängen von Sanktionen, der Verwurf des Terrorismus, die Einstellung der Entwicklungshilfe. All diese Schikanen waren Warnungen an andere Länder der Region, den Gehorsam nicht zu verweigern. So funktioniert das internationale System leider immer. Die USA waren nie ein neutraler Akteur, wie sie immer behaupten, weder im Sudan, noch in anderen Teilen dieser Welt.

Wenn der Westen nichts mehr auszusetzen hat, dann spricht er immer über Menschenrechte. Der Westen muss immer irgendetwas finden. Selbst der normale Sudanese hat das Gefühl, dass der Sudan in den vergangenen 25 Jahren unfair behandelt wurde. Die europäischen Staaten haben Afrika kolonialisiert, Großbritannien hat den Sudan kolonialisiert. Im wirtschaftlichen Bereich hatten wir immer normale traditionelle, historische Bindungen. Nach dem Ende des Kalten Krieges haben sie den Sudan plötzlich verlassen und haben ein Vakuum hinterlassen. Europa hält sich seit 25 Jahren fern vom Sudan. Als verantwortungsvolle Führung und als verantwortungsvolles Land müssen wir uns nach Alternativen umsehen. Wir sind hocherfreut, die Chinesen zu haben. Ich weiß nicht, was aus dem Sudan geworden wäre, wenn wir nicht China hätten.

Wir wollen die Europäer, es gibt Platz für sie, sie kennen die Region besser als andere, aber wir können nicht einfach herumsitzen und warten bis die Europäer denken, dass der Sudan zu 100 Prozent perfekt ist, bevor sie sich entscheiden zu kommen. Kein Staat wird das tun. Deshalb haben wir China. China ist überall. Deshalb denken die Europäer jetzt darüber nach, ob sie in den Sudan zurückkehren. Sie tun das wegen China, aufgrund der Geopolitik und nicht weil sie so ein gutes Herz haben.

Dem Osten zugewandt

EURACTIV.de: Sie sind also glücklich, dass die Chinesen in den Sudan gekommen sind, um sich dort die Kontrolle über die natürlichen Ressourcen zu sichern?

HANAFI:
Die Ressourcen da draußen stehen allen offen, die hingehen, sich dem Wettbewerb stellen und ihren Anteil sichern wollen. Die Europäer werden aber überhaupt keinen Anteil bekommen, wenn sie darauf warten, bis Frauen anständig behandelt werden, bis die Menschenrechte perfekt sind und bis die Demokratie der Norm ihrer eigenen Perspektive entspricht. In unserer Region haben wir echte Probleme, dringende Bedürfnisse, die sofort gelöst werden müssen. Wir können uns nicht den Luxus leisten, zu warten bis die Europäer kommen. Deshalb hat sich der Sudan dem Osten zugewandt. Wir haben Malaysia, Indien und China angesprochen. Wir müssen Alternativen in dieser Welt finden, in der es keine Monopole mehr gibt.

Wir leben nicht in einer Welt der G8 oder G20, sondern in einer Welt der G0. Brasilien ist am Aufstieg, Indien ist am Aufstieg, die Türkei ist am Aufstieg und China ist bereits überall. Die Chinesen bieten sich an und ehrlichgesagt, wir sind hocherfreut darüber. Das macht es uns nun einfacher, Alternativen zu finden. Wir wollen weiterhin die Europäer, doch wir können es uns nicht leisten, auf sie zu warten.

EURACTIV.de: Wie helfen die Chinesen dem Sudan?

HANAFI: Die Chinesen investieren in die Infrastruktur, in die Ölindustrie, in Flughäfen, eigentlich in alles. Wo ist denn das Problem, eine Brücke zu bauen oder nach Erdöl zu bohren, wenn man sich um das Schicksal der Menschen im Lande sorgt? Das Bohren nach Wasser befriedigt die Grundbedürfnisse der Menschen. Das hat nichts mit Demokratie oder mit Menschenrechten zu tun. Wer den Menschen helfen will, muss sich den Problemen der Menschen widmen. Die Europäer kümmern sich einfach nicht darum.

Sklaverei gehört nicht zu den Problemen

EURACTIV.de: Vielleicht sind die Europäer besorgt wegen Massakern und Sklaverei im Sudan?

HANAFI: Es gibt keine Sklaverei im Sudan. Doch selbst wenn es Sklaverei geben würde, wären Sanktionen die falsche Reaktion. Man muss sich auf die Menschen einlassen. Diese verrückten Ideen, die von Nichtregierungsorganisationen gestreut und von den internationalen Medien aufgegriffen werden, zerstören das Image des Sudan. Doch das ist völlig falsch. Wir haben sicherlich eine Menge Probleme, aber Sklaverei gehört ganz sicher nicht dazu.

EURACTIV.de:
Viele Deutsche und deutsche Politiker waren erfreut, dass mit der Teilung des Sudan eine Lösung gefunden wurde, die Gewalt zu stoppen. Sind Sie von der Rolle Deutschlands, der EU und den USA enttäuscht?

HANAFI:
Ich habe den feinen Unterschied zwischen Deutschlands Herangehen und der Position der EU oder den USA registriert. Deutschlands Einstellung war im Allgemeinen positiv, auch in den schwierigen Zeiten, etwa während der Darfur-Krise. Wir hatten darauf gehofft, dass sich die bilateralen Beziehungen nach dem Referendum und nach der Teilung normalisieren. Wir hatten auf konkrete Schritte gehofft, etwa auf Besuche von Unternehmern in den Sudan, verschiedene Partnerschaften oder ähnliches. Das ist aber nicht passiert, wahrscheinlich weil wir noch einige Probleme in Südkordofan (Süd-Kurdufan) und Blauer Nil (Blue Nile) haben, das sind zwei Regionen im Südsudan. Noch vor einigen Monaten war ich optimistisch, dass dieses Kapitel abgeschlossen wird und wir ein neues beginnen. Leider ist nichts passiert.

Bezüglich der EU und den USA ist die Enttäuschung groß. Der Sudan wollte die offenen Probleme diskutieren, bevor das Referendum über die Unabhängigkeit abgehalten wird. Wenn ein Referendum abgehalten wird, müssen zuvor einige Dinge geklärt werden. Es müssen eine Reihe von Problemen gelöst werden, egal wie lange das dauern mag. Wir müssen noch Vereinbarungen finden zum Erdöl, zur Staatsbürgerschaft, zu verschiedenen Regionen. Es wurde enormer Druck auf Sudan ausgeübt, diese Reihenfolge umzukehren. Der Sudan ist diesen Kompromiss eingegangen und hat das Referendum akzeptiert, bevor die Probleme, die daraus folgen, gelöst wurden. Der Süden hat seine Abtrennung bekommen und nun wird der Sudan dafür kritisiert, dass er nicht aktiv genug versucht die aus der Teilung entstehenden Probleme mit den Südsudanesen zu lösen. Es geht dabei ums Öl, um Grenzfragen, um Fragen der Staatsbürgerschaft und so weiter. Das ist doch unglaublich.

Die Sudanesen haben das Gefühl, dass sie immer vom Westen kritisiert warden, egal was sie auch tun. Der Sudan hat an die Versprechen des Westens geglaubt und deshalb das Abhalten des Referendums akzeptiert. Wir hatten auf ein Zusammenarbeit gehofft und darauf, dass der Westen den beiden Landesteilen, dem Süden und dem Norden, helfen wird. Das ist nicht geschehen. Die USA haben in den vergangen 15 Jahren große Versprechungen gemacht und sie niemals erfüllt. Das hat zu großer Enttäuschung geführt.

"Die Menschen sind kriegsmüde"


EURACTIV.de:
Der Präsident des Südsudan, Salva Kiir Mayardit, hat sich im Oktober mit dem sudanesischen Präsidenten Omar al-Bashir getroffen. Was ist dabei rausgekommen?

HANAFI: Sie haben sich darauf verständigt, die Gespräche zwischen dem Norden und dem Süden zu den offenen Fragen fortzusetzen. Beide Präsidenten haben unterstrichen, dass sie zusammenarbeiten und keinen neuen Krieg wollen. Wir wollen den Krieg vergessen, der 1955 begann, also noch vor der Unabhängigkeit des Sudan 1956 und der das Land zerstört hat. Die Menschen sind kriegsmüde, das Land hat gelitten und die Eliten in beiden Ländern sind sich einig, dass wir nicht zum Krieg zurückkehren, auch wenn wir uns nicht einig sind.

Wir haben das Gefühl, dass es ohne internationaler oder gar juristischer Vermittlung einfacher ist, Vereinbarungen zu treffen. Leider macht die Beteiligung der internationalen Akteure den Prozess etwas länger. Wir müssen geduldig sein. Wir müssen unsere Probleme lösen. Der Sudan wird sich nicht erfolgreich weiterentwickeln, weder der Süden noch der Norden,  bis wir zusammenarbeiten. Wir hängen voneinander ab und ich habe das Gefühl, dass es den politischen Willen gibt, eine Vereinbarung zu finden.

EURACTIV.de: Sie sind Botschafter in einem Land, das nach 40 Jahren Trennung wiedervereint wurde. Zugleich repräsentieren Sie ein Land, das sich kürzlich für die Teilung entschieden hat. Was fühlen Sie dabei?

HANAFI:
Ich schäme mich dafür, dass mein Land sich geteilt hat. Andere Länder versuchen zusammenzufinden, neue Blöcke zu bilden, neue Formen, neue Allianzen. Wir haben etwas getan, das mit der realen Welt nichts zu tun hat. Vor allem in armen Ländern wie bei uns in Afrika müssen wir zusammenhalten, denn wir haben gemeinsame Probleme und dringende Bedürfnisse. Wir müssen zusammenarbeiten und wir müssen größere Einheiten bilden, um uns auf dem globalen Niveau dem Wettbewerb stellen zu können.

Es gibt eine Menge Lektionen, die wir aus der deutschen Erfahrung lernen können. Deutschland wurde zerstört und dann haben sich die die Deutschen selbst wieder aufgerichtet und haben von vorne angefangen. Nach drei, vier Jahrzehnten sind die Deutschen ein wirtschaftlicher Riese geworden. Das Land war wegen dem Kalten Krieg geteilt, doch sie haben es geschafft, das Land wieder zu vereinen.

Interview: Ewald König, Michael Kaczmarek
Übersetzung aus dem Englischen: Michael Kaczmarek


Das englischsprachige Original-Interview erschien auf EURACTIV.com.

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