WHO warnt vor Cholera-Ausbruch in der Ukraine

Ukrainische Freiwillige sammeln Wasser für die Einwohner:innen der Stadt Mykolaiv im Humanitarian Volunteer Center in Odesa, Ukraine, 19. April 2022. Seit einer Woche hat die ukrainische Stadt Mykolaiv ernsthafte Probleme mit ihrer Wasserversorgung, da eine Hauptwasserleitung während der Kämpfe in der Region Cherson beschädigt wurde. [EPA-EFE/STEPAN FRANKO]

In den ukrainischen Gebieten, in denen Wasser- und Abwasserinfrastruktur beschädigt sind, besteht die Gefahr eines Choleraausbruchs, warnte die Weltgesundheitsorganisation am Dienstag (17. Mai). 

„Wir sind besorgt über einen möglichen Choleraausbruch in den besetzten Gebieten“, sagte Hans Kluge, WHO-Regionaldirektor für Europa, bei einer Pressekonferenz in Kiew.

Cholera ist eine akute Durchfallerkrankung, die durch die Aufnahme von Lebensmitteln oder Wasser verursacht wird, die mit dem Bakterium Vibrio cholerae kontaminiert sind. Eine Unterbrechung der Wasser- und Abwassersysteme kann das Risiko einer Choleraübertragung erhöhen, da sie eng mit dem Zugang zu sauberem Wasser und sanitären Einrichtungen verbunden ist.

Dorit Nitzan, Leiterin des WHO-Einsatzes in der Ukraine, sagte, ihre Partner vor Ort in Mariupol würden von „regelrechten Sümpfen auf den Straßen“ berichten.

„Abwässer und Trinkwasser vermischen sich. Dies ist eine große Gefahr für viele Infektionskrankheiten, einschließlich Cholera“, erklärte sie.

Bereits 2011 waren in der Stadt Mariupol Cholera-Fälle gemeldet worden.

Es dauert zwischen 12 Stunden und fünf Tagen, bis eine Person Symptome zeigt, nachdem sie kontaminierte Lebensmittel oder Wasser zu sich genommen hat. Unbehandelt kann die Erkrankung tödlich verlaufen, doch bei frühzeitiger und angemessener Behandlung dürfte die Sterblichkeitsrate unter einem Prozent liegen.

Bei einem Choleraausbruch ist ein schneller Zugang zu Behandlungsmöglichkeiten wie oraler Rehydrierung und intravenöser Flüssigkeitszufuhr unerlässlich, erklärte die WHO. Zur Vorbeugung hält die WHO in ihrem Zentrum in Dnipro, einer Stadt am Fluss Dnjepr in der Zentralukraine, bereits Cholera-Impfstoffe bereit.

„Wir bereiten die Cholera-Kits mit den Impfstoffen vor und arbeiten eng mit den Nichtregierungsorganisationen und unseren Partnern vor Ort zusammen, die in der Lage sind, nach Mariupol zu gehen und die Menschen zu unterstützen“, sagte Nitzan.

Derzeit gibt es drei von der WHO präqualifizierte Cholera-Schluckimpfstoffe, die für einen vollständigen Schutz zwei Dosen erfordern.

Zugang zur Gesundheitsversorgung bleibt eine Herausforderung

Für diejenigen, die eine medizinische Versorgung benötigen, bleibt der Zugang zu dieser eine Herausforderung. Die WHO hat bis Dienstag 226 Angriffe auf die Gesundheitsversorgung in der Ukraine registriert.

„Das sind fast drei Angriffe pro Tag seit dem 24. Februar“, sagte Kluge. Bei diesen Angriffen auf Einrichtungen der medizinischen Grundversorgung, Krankenhäuser und Ambulanzen starben mindestens 75 Menschen und 59 wurden verletzt.

Weltweit ereigneten sich zwei Drittel aller Angriffe auf das Gesundheitswesen in diesem Jahr, die von der WHO überprüft wurden, in der Ukraine.

Nach Schätzungen des WHO-Vertreters in der Ukraine, Jarno Habicht, könnten die Auswirkungen der Angriffe auf die Gesundheitsversorgung in der Ukraine dazu führen, dass eine Viertelmillion Patient:innen pro Monat nicht versorgt werden können.

„Wenn wir auf das Jahr 2021 zurückblicken, hatten jeden Monat eine Viertelmillion zivile Ukrainer:innen die Möglichkeit, in diesen Einrichtungen oder von Krankenwagen versorgt zu werden. Das ist eine Viertelmillion pro Monat. Das sind die Auswirkungen dieser Angriffe“, sagte er.

Kluge betonte, dass die Angriffe in keiner Weise gerechtfertigt seien und untersucht werden müsste. Er betonte, dass „das Gesundheitspersonal die medizinische Versorgung nicht auf Messers Schneide leisten sollte.“

„Aber genau das tun Krankenpfleger:innen, Ärzt:innen, Krankenwagenfahrer:innen und die medizinischen Teams der Ukraine.“

Psychische Gesundheit und sexuelle Gewalt 

Was die psychische Gesundheit anbelangt, so sagte Kluge, dass durchschnittlich „jeder fünfte Mensch in Konfliktgebieten ernsthafte psychische Probleme entwickelt.“

Unterdessen berichteten die Vereinten Nationen über eine Zunahme von sexueller Gewalt in der Ukraine.

„Sexuelle Gewalt ist eine ernste Bedrohung für die meisten Frauen und Mädchen in Konfliktgebieten. Ich bin zutiefst beunruhigt angesichts von Berichten über eine Zunahme von sexueller Gewalt in der Ukraine, die Leben ruiniert und nicht hingenommen werden darf“, sagte Kluge.

Zur Bewältigung der gesundheitlichen Herausforderungen forderte die WHO-Stiftung am 12. Mai zusätzliche Mittel für den Aufruf der WHO für die Ukraine.

Insgesamt sollen 140 Millionen Euro aufgebracht werden, wovon 76 Millionen Euro für die Unterstützung vor Ort bestimmt sind, etwa für die Verteilung von Medikamenten und die Bereitstellung lebenswichtiger Gesundheitsdienste.

„Der Bedarf an medizinischen Hilfsgütern ist in den östlichen Regionen, in denen die Zivilbevölkerung weiterhin durch aktive Kämpfe gefährdet ist, weiterhin besonders hoch“, heißt es in der Pressemitteilung der WHO-Stiftung.

„Dazu gehören Hilfsgüter für die Trauma- und Notfallversorgung sowie lebensrettende Behandlungen für Menschen mit nicht übertragbaren Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Krebs“, so der Aufruf.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]

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