Wahlkampf in Frankreich: Konsens über psychische Gesundheit

Macron hielt im September 2021 eine Konferenz zur psychischen Gesundheit ab, auf der er 30 Maßnahmen ankündigte. [Esther Snippe/EURACTIV/Shutterstock]

Alle französischen Präsidentschaftskandidat:innen sprechen sich für eine Reform der psychiatrischen Versorgung aus. Während der Pandemie hat der Behandlungsbedarf stark zugenommen.

So zeigten im September 2021 23 Prozent der Französ:innen Anzeichen von Angststörungen, ein Anstieg um 10 Prozentpunkte gegenüber der Zeit vor der Pandemie, wie die französische Gesundheitsbehörde Santé publique France mitteilte.

Die Mitte-Rechts-Kandidatin Valérie Pécresse von Les Républicains schlägt vor, ein nationales Institut für psychische Gesundheit einzurichten, ähnlich dem nationalen Krebsinstitut, das vom ehemaligen Präsidenten Jacques Chirac gegründet wurde.

Dieses Institut soll eine „Strategie für die Betreuung und Unterstützung der Patient:innen“ entwickeln. Zugleich könnte die Einrichtung „die Innovation und therapeutische Forschung im Bereich der psychischen Erkrankungen fördern“, so Pécresse auf einer Veranstaltung des Französischen Krankenhausverbands (FHF) am 17. März. Hier stellte die Präsidentschaftskandidaten ihre Vorschläge für das Gesundheitswesen vor.

Auf eine Frage des Psychiaters Edwick Elia nach dem „beispiellosen Aderlass“ in der französischen Psychiatrie schlug Pécresse vor, die Zahl der ausgebildeten Ärzt:innen zu erhöhen. Gemeinsam mit den Psycholog:innen wolle sie den Bereich der Kinderpsychiatrie auszubauen, der „in einer schwierigen Situation ist.“

Um den Mangel an Fachärzten auszugleichen, schlug Pécresse außerdem vor, Allgemeinmediziner:innen zu schulen, damit sie Angststörungen besser erkennen können. Die psychische Gesundheit werde „ein Schwerpunkt meiner fünfjährigen Amtszeit“ sein, schloss sie.

Auf der gleichen Veranstaltung betonte die rechtsextreme Kandidatin Marine Le Pen, es gebe einen „Notfall.“ Die Selbstmordrate in Frankreich liegt mit 9.000 Suiziden im Jahr 2019 über dem Durchschnitt der OECD-Länder.

Daher möchte Le Pen ein Gesetz zur psychischen und psychiatrischen Gesundheit schaffen, das „die Etablierung geografischer Regionen der psychischen Gesundheit, die Unterstützung der Kinderpsychiatrie, den direkten Zugang zu Psycholog:innen und Psychotherapeut:innen mit besserer Vergütung und Rückerstattung ihrer Tätigkeit“ vorsieht.

„Es ist ein riesiges Thema, eine große Kostenbelastung und ein schwerwiegendes Problem der öffentlichen Gesundheit, das überhaupt nicht ernst genommen wird“, sagte Patrick Barriot, ihr Gesundheitsberater, einige Tage später bei einer Debatte mit den Krankenpflegegewerkschaften.

„Wir müssen das alles mit einem Planungsgesetz zur psychischen Gesundheit neu strukturieren“, bestätigte er.

Wie Frankreichs Präsidenschaftskandidaten Personalmangel im Gesundheitswesen angehen wollen

Die französischen Präsidentschaftskandidaten haben ihre Vorschläge zur Bekämpfung des Fachkräftemangels im Gesundheitswesen in mehreren Regionen vorgelegt. EURACTIV Frankreich berichtet.

Mehr qualifiziertes Personal, mehr Betten in der Psychiatrie 

Der kommunistische Kandidat Fabien Roussel sprach sich ebenfalls für die Schaffung eines solchen Gesetzes aus, um „seine allgemeinen Grundsätze und seine Organisation neu zu definieren.“

Roussel schlug vor, ein Moratorium für die Schließung von medizinisch-psychologischen Zentren einzuführen. Diese dienen bislang der Betreuung von Menschen in psychischen Notlagen.

Der linke Kandidat Jean-Luc Mélenchon von La France Insoumise – der nicht an der Veranstaltung teilnahm – möchte die Netzwerke zwischen den Zentren stärken. In seinem „großen Plan für die psychische Gesundheit“ sind zusätzliche psychiatrischen Betten und eine Erhöhung der Zahl der Studienplätze in psychiatrischen Kursen vorgesehen.

Um das Pflegeangebot und die Qualität der Dienstleistungen zu verbessern, will Roussel die personellen und materiellen Ressourcen durch „massive Einstellungen“ und die Ausbildung von „qualifiziertem Personal“ stärken. Das Gleiche gilt für die sozialistische Kandidatin Anne Hidalgo, die 5.000 Stellen für Pflegekräfte, einschließlich Psycholog:innen und Pflegepersonal, in den Zentren schaffen will.

Der Kandidat der Grünen, Yannick Jadot, sagte, er wolle während seiner fünfjährigen Amtszeit 10.000 Betten in der Psychiatrie schaffen. Er wolle sicherstellen, „dass wir auf allen Ebenen, von den Schulen bis zu den medizinischen Zentren und anderswo, eine psychiatrische Versorgung haben, die wirklich den Bedürfnissen unserer Gesellschaft entspricht.“

„Sie wissen, wie groß die psychologische Belastung ist, gerade während dieser Pandemie und vor allem unter jungen Menschen“, sagte bei einer Veranstaltung des Französischen Krankenhausverbands.

Auch für Jadot und Hidalgo, die beide Burnout als Berufskrankheit anerkennen wollen, steht die Prävention im Vordergrund.

Die sozialistische Kandidatin sagte auch, dass sie die psychische Gesundheit zu einer der wichtigsten Prioritäten ihrer fünfjährigen Amtszeit machen wolle. Zu ihren Zielen gehört es, die Zahl der Selbstmorde innerhalb von fünf Jahren um 20 Prozent zu senken, die Mittel für die psychische Gesundheit junger Menschen zu verdoppeln und 20.000 Plätze in Heimen zu schaffen, die auf geistige Behinderungen spezialisiert sind.

Gesundheitsminister Olivier Véran, der den zur Wiederwahl stehenden Präsidenten Emmanuel Macron bei der Veranstaltung vertrat, betonte vor allem die Notwendigkeit, „die eingeleiteten Maßnahmen zu intensivieren.“ Dafür schlug er einer Konferenz mit „allen Angehörigen der Gesundheitsberufe“ vor.

Macron hielt im September 2021 eine Konferenz zur psychischen Gesundheit ab, die von den Fachleuten des Sektors mit Spannung erwartet wurde. Der Präsident kündigte 30 Maßnahmen an, darunter das Programm MonPsy, das die Erstattung von bis zu acht Konsultationen bei einem Psychologen ermöglicht. Außerdem wolle er die medizinisch-psychologischen Zentren stärken und eine kostenlose nationale Nummer zur Suizidprävention einrichten.

Nach Angaben der Vereinten Nationen sind Depressionen derzeit die dritthäufigste Krankheit in der Welt und werden voraussichtlich 2030 die häufigste sein. In Deutschland erkranken rund 5,3 Millionen Menschen im Laufe ihres Jahres an einer depressiven Störung. Das entspricht einem Anteil von 8,2 Prozent der Erwachsenen.

[Bearbeitet von Daniel Eck/Nathalie Weatherald]

Wenn Sie von Suizidgedanken betroffen sind, kontaktieren Sie die Telefonseelsorge (telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Berater:innen, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.

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