Polen: Kampf gegen metastasierten Brustkrebs ein Wettlauf mit der Zeit

Polen ist das einzige EU-Land, in dem die Zahl der Brustkrebsopfer zunimmt. [Shutterstock/sfam_photo]

Dieser Artikel ist Teil des special reports Metastasierender Brustkrebs: Noch einiges zu tun

Ewa Myślińska ist 29 Jahre alt und kämpft seit vier Jahren gegen Krebs. Sie erinnert sich, dass es der 9. Oktober war, als sie zufällig ihre Brust berührte und eine seltsame Härte spürte. Vier Jahre später hat sie metastasierte Rückfälle in das Gehirn und die zweite Brust erlitten. EURACTIV Polen berichtet.

„Am nächsten Tag ging ich zu meinem Hausarzt, der das Problem nicht erkannte. Mein Gynäkologe führte eine Ultraschalluntersuchung durch und schickte mich zu einem Onkologen. Das war ein Segen im Verborgenen: Am Mittwoch war ich beim Arzt, am Donnerstag hatte ich eine Mammographie und am Freitag den Ultraschall der Brust. Es ging alles sehr schnell“, so Ewa gegenüber EURACIV.

Polen ist das einzige EU-Land, in dem die Zahl der an Brustkrebs erkrankten Menschen steigt.

Zwischen 2014 und 2021 ist die Zahl der Frauen, die Vorsorgemaßnahmen in Anspruch nehmen, von 40 % auf 30 % gesunken. Dies hat zur Folge, dass Patient:innen in Polen das Problem später erkennen als in anderen EU-Ländern. Ihre Fälle sind statistisch gesehen auch schwerwiegender. Einige von ihnen entwickeln Metastasen, was bedeutet, dass der Krebs sich auf andere Körperteile ausbreitet.

Daten der EU-Kommission zeigen, dass eine Person, bei der in Polen Krebs diagnostiziert wird, eine Chance von 41% hat, länger als fünf Jahre zu leben, während es in Spanien 53% sind.

Die Pandemie und das Versagen der Regierung

Der Kampf gegen metastasierenden Krebs in Polen wurde während der COVID-19-Pandemie noch schwieriger, sagt der Europaabgeordnete Bartosz Arłukowicz, ein Arzt und ehemaliger Gesundheitsminister. Derzeit ist er Vorsitzender des Sonderausschusses des EU-Parlaments für die Krebsbekämpfung (BECA).

„Wir haben Zeit verloren“, sagte er. „Leider hat es die Regierung versäumt, das Gesundheitssystem rechtzeitig und angemessen vorzubereiten, um die Tumorbehandlung nicht zu unterbrechen, als wir mit dem Coronavirus konfrontiert wurden“, so Arłukowicz.

Die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie sind schockierend. In Polen, einem Land mit 38 Millionen Einwohnern, das in 16 Regionen unterteilt ist, wurden in den beiden bevölkerungsreichsten Gebieten fast keine Mammographien mehr durchgeführt.

In Masowien, einer Region um Warschau, wurden im April 2020 96 % weniger Untersuchungen durchgeführt als im April 2019. In Schlesien lag der Rückgang bei 95 %. Mit dem Ausbruch der Pandemie wurden wichtige Ressourcen, einschließlich Personal und Ausgaben, für die Bewältigung der Behandlungen von COVID-19-Patient:innen umgeschichtet.

Die Folge ist, dass Polen nun mit einer Zunahme unnötiger Opfer konfrontiert ist, da mehr Menschen der Krankheit erliegen werden. „Für viele Patient:innen bleibt einfach nicht mehr genug Zeit“, so Arłukowicz.

Schlechte Finanzierung von Medikamenten

Doch die Herausforderungen gehen über die pandemische Störung hinaus.

EURACTIV erhielt Zahlen von der onkologischen Stiftung Alivia, die eine besorgniserregende Realität offenbaren. Der nationale Gesundheitsfonds (NFZ) finanziert nur 27 von 132 empfohlenen Medikamenten, während 59 nicht verfügbar sind. Patient:innen mit metastasiertem Brustkrebs können nur an 2 von der ESMO empfohlenen Therapien teilnehmen.

„Brustkrebs ist in 99 % der Fälle vorhersehbar“, erinnerte Arłukowicz. Es gibt jedoch Situationen, in denen die Krankheit atypisch ist oder metastasiert, bevor sie entdeckt werden kann.

Das BECA des Europäischen Parlaments fordert einen Mechanismus zum Austausch von Informationen zwischen Onkolog:innen in den EU-Mitgliedstaaten. Dieses System könnte das Sammeln und den Austausch von Fachwissen erleichtern, was besonders bei seltenen oder komplexen Fällen von Nutzen ist.

Es gibt bereits nationale Netzwerke von Onkolog:innen, wie die Polnische Vereinigung der Onkologen (PTO). Adam Maciejczyk ist Präsident der PTO.

„Wir konzentrieren uns besonders auf die Frage des Zugangs“, sagte er.

Zu den größeren strukturellen Herausforderungen gehören der Mangel an finanziellen Mitteln für die Diagnose und die Funktionalität von Brustkrebseinheiten (Breast Cancer Units, BCU). Diese spezialisierten Einheiten sind in einigen EU-Mitgliedstaaten weit verbreitet und wurden 2019 in Polen eingeführt.

Joanna Frątkczak-Kazana von Alivia fügt hinzu, dass es zu wenige BCUs im Land gibt (19) und „die Beteiligung an den Präventionsprogrammen dramatisch niedrig ist“. Tadeusz Piątkowski, ein führender Onkologieexperte, wies darauf hin, dass es etwa 70 BCUs geben sollte, um eine angemessene Versorgung der polnischen Bevölkerung zu gewährleisten.

Eine besondere Herausforderung stellen die Patient:innen dar, die außerhalb größerer Städte leben. „Unser Ziel ist es, dass sich der Wohnort nicht negativ auf den Zugang zur onkologischen Behandlung auswirkt“, so Maciejczyk.

‚Weiße Krankenhäuser‘

Die Lehren aus der Pandemie müssen gezogen werden „und dürfen sich nicht wiederholen“, sagte Arłukowicz und fügte hinzu, dass Diagnose und Krebsbehandlung nie wieder zum Stillstand kommen dürfen.

Arłukowiczs Idee ist es, ein Netz „weißer Krankenhäuser“ aufzubauen, die vollständig vor dem Coronavirus geschützt sind. In diesen Krankenhäusern könnten alle Krebspatient:innen ihre Behandlung fortsetzen.

Maciejczyk fügte hinzu, dass ein besseres Modell für die Verteilung der Finanzmittel dringend erforderlich sei. „Die besten onkologischen Krankenhäuser sollten zusätzliche finanzielle Unterstützung erhalten“, sagte er.

Das Geld sollte für die Schaffung eines Netzwerks von onkologischen Krankenhäusern, ein Repositorium, ein Register für onkologische Patient:innen und eine bessere Organisation der onkologischen Unterstützung auf der Grundlage genauer Daten verwendet werden. „Ich bleibe zuversichtlich, dass der technologische Fortschritt eine rasche Umsetzung dieser Aufgaben ermöglichen wird“, fügte Maciejczyk hinzu.

Arłukowiczs Hoffnungen für die medizinische Forschung sind sogar noch größer: „Ich hoffe auf eine Krebsimpfung“. Offenbar gibt es ein Unternehmen, das an einer solchen Lösung arbeitet. „Das könnte ein Durchbruch sein“, fügte er hinzu.

Beteiligung der EU

Auch die EU muss einbezogen werden. Beide Ärzte wollen, dass ein europäisches Netzwerk von onkologischen Krankenhäusern geschaffen wird. Eine neue Form der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit könnte die Bereitstellung von Zweitmeinungen von Ärzt:innen aus verschiedenen Ländern beinhalten, insbesondere bei schwierigen Fällen wie Metastasen.

Arłukowicz fügte hinzu, dass die EU mehr für die Krebsforschung ausgeben und ihre Empfehlung zur Krebsvorsorge aus dem Jahr 2003 aktualisieren sollte.

Die EU muss auch dafür sorgen, dass in der gesamten Union die gleichen Tests durchgeführt werden. „Investitionen in medizinische Geräte sind für die EU nichts Neues“, so der Europaabgeordnete Arłukowicz.

Die an metastasierendem Krebs erkrankte Ewa fragt sich unterdessen, warum das NFZ die Regeln für die Erstattung der Medikamente immer wieder ändert.

„Ich hatte Angst, dass ich die Behandlung verlieren könnte. Zum Glück wurde meine Therapie weiter finanziert, nur weil ich ein paar Wochen früher mit der Behandlung begonnen habe.“

Unfinanzierte Behandlungen und Medikamente sind keine Seltenheit. Jetzt sammelt Ewa Spenden für eine genetische Untersuchung (die von der NFZ nicht finanziert wird), die helfen könnte, die Mutation des Tumors zu erkennen und eine geeignetere Behandlung zu finden. „Das ist meine zukünftige Sicherheit, wenn die derzeitige Medizin nicht mehr wirkt“.

Die genetische Untersuchung kostet etwa 24 Tausend Zloty (5.300 €), mehr als das Achtfache des monatlichen Mindestlohns.

Für viele polnische Brustkrebs- und Metastasen-Patient:innen ist die Zeit bereits abgelaufen, aber wenn die politischen Entscheidungsträger schnell handeln, können viele Leben gerettet werden.

[Bearbeitet von Alice Taylor] 

Subscribe to our newsletters

Subscribe