Deutschlands neuer Gesundheitsminister ist als lautstarker Befürworter strikter Corona-Maßnahmen bekannt geworden. Der ausgebildete Epidemiologe Karl Lauterbach ist außerdem langjähriger Gesundheitspolitiker und Verfechter eines gleichberechtigten Gesundheitssystems.
Lauterbach ist einer von sieben SPD-Ministern – ohne Scholz als Kanzler – in der neuen Ampelregierung in Deutschland.
Scholz betonte, dass ein „gutes Gesundheitssystem mit guten Arbeitsbedingungen und guten Angeboten für die Bürgerinnen und Bürger“ für seine Regierung „oberste Priorität“ habe, da die Pandemie Schwachstellen im derzeitigen System offengelegt habe.
“Und deshalb haben sich bestimmt die meisten Bürgerinnen und Bürger dieses Landes gewünscht, dass der nächste Gesundheitsminister vom Fach ist, das er das wirklich gut kann, und dass er Karl Lauterbach heißt – er wird es”, sagte der neue Bundeskanzler Olaf Scholz bei der Bekanntgabe der Ministerriege seiner Partei am Montag (6. Dezember).
Der ausgebildete Epidemiologe, derzeit Bundestagsabgeordneter und außerordentlicher Professor für Gesundheitspolitik und -management an der Harvard School of Public Health, ist seit Beginn der Corona-Pandemie in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt.
In den letzten 18 Monaten hat Lauterbach die deutsche Öffentlichkeit polarisiert, indem er in Talkshows und Interviews immer wieder vor kommenden Pandemiewellen warnte und entschlossene und weitreichende Maßnahmen forderte.
In der Öffentlichkeit wird er jedoch von einigen Stimmen scharf kritisiert, die ihm Panikmache oder einen technokratischen Ansatz vorwerfen. Nach eigener Aussage erhält Lauterbach sogar regelmäßig Morddrohungen, seit er sich über das Virus äußert.
„Kampf“ gegen das Virus
In der Zwischenzeit hat er unter anderem eine enorme Popularität erlangt. Viele haben seine Ernennung zum Gesundheitsminister gefordert, was so weit ging, dass der Hashtag #wirwollenKarl auf Twitter in Deutschland ein Trending war.
„Wir müssen diese Pandemie bekämpfen – sie wird länger dauern als Viele denken. Wir werden das aber schaffen“, sagte Lauterbach auf einer Pressekonferenz. Der Epidemiologe ist ein entschiedener Befürworter von Pflichtimpfungen, die seiner Meinung nach strikt durchgesetzt werden sollten.
Am Montag (6. Dezember) hatten die neuen Koalitionsparteien einen Gesetzesentwurf vorgelegt, der ab Mitte März eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen wie das Personal in Krankenhäusern und Pflegeheimen vorsieht.
Auch mehrere hochrangige Vertreter der Ampelparteien, darunter Scholz, haben sich für eine allgemeine Impfpflicht ausgesprochen.
Lauterbach forderte außerdem eine schnellere Ausbringung von Auffrischungsimpfungen und eine bessere Durchsetzung der Beschränkungen für Ungeimpfte, auch durch höhere Strafen bei Verstößen.
Jenseits der Pandemiepolitik will der langjährige Gesundheitspolitiker das Gesundheitssystem insgesamt stärken. „Mit uns wird es keine Leistungskürzungen im Gesundheitswesen geben“, sagte Lauterbach am Montag. „Im Gegenteil – wir werden das System wieder robuster machen“.
Als bekannte und lautstarke Persönlichkeit des öffentlichen Lebens könnte Lauterbach die Chance haben, diesen politischen Fokus auf den Gesundheitssektor auch über die unmittelbaren Pandemiemaßnahmen hinaus aufrechtzuerhalten.
Lauterbach ist seit 2005 Bundestagsabgeordneter und war in seiner sechsjährigen Amtszeit als Vizevorsitzender der SPD-Fraktion unter anderem für die Bereiche Gesundheit und Forschung zuständig.
Ein „versierter Kenner“
Während seiner Zeit im Bundestag hat er sich für einen Abbau der Ungleichheit innerhalb des Gesundheitssystems eingesetzt. So schlug Lauterbach eine allgemeine Bürgerversicherung anstelle des derzeitigen zweigliedrigen Gesundheitssystems vor, das in eine öffentliche und eine (teurere) private Versicherung unterteilt ist.
Er hat sich auch dafür eingesetzt, dass die Arbeitgeber:innen einen größeren Anteil an den Krankenversicherungsbeiträgen der Arbeitnehmer:innen übernehmen, und hat sich für die Legalisierung von Cannabis eingesetzt – etwas, das die Ampelkoalition in ihrem Koalitionsvertrag zugesagt hat.
Die Ernennung Lauterbachs wurde von Interessenvertretern weitgehend begrüßt.
„Mit Herrn Lauterbach steht künftig ein versierter Kenner des komplexen Gesundheitswesens an der Spitze des Ministeriums“, sagte Andreas Gassen, Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung.
Der Präsident des niedergelassenen Ärzteverbandes Virchowbund, Dirk Heinrich, nannte die Wahl der SPD „die richtige Antwort auf die Herausforderungen der Pandemie“ und fügte hinzu, dass eine sachorientierte und entschlossene Politik notwendig sei.
Auch Vertreter anderer Parteien gratulierten dem neuen Minister. „Die Bürger:innen haben aufgrund seiner Persönlichkeit, seines Intellekts und seines Engagements ein unglaubliches Vertrauen in Karl Lauterbach entwickelt“, sagte Norbert Röttgen von der CDU.
Der Gesundheitsexperte der Grünen, Janosch Dahmen, lobte Lauterbachs „Expertise und wissenschaftliche Herangehensweise“ sowie seinen „Einsatz für Menschen ohne große Lobby im Gesundheitswesen“.
In Anspielung auf die regelmäßige Medienpräsenz Lauterbachs seit Beginn der Pandemie äußerte sich der Co-Vorsitzende der FDP, Wolfgang Kubicki, etwas anders.
„Ich habe Karl Lauterbach schon gratuliert“, sagte er der Bild-Zeitung. „Die deutsche Talkshowszene wird jetzt häufiger auf ihn verzichten müssen“.
[Bearbeitet von Gerardo Fortuna / Alice Taylor]



