Mit dem neuen Europäischen Krebsmanifests haben EU-Vertreter und Interessenvertreter deutlich gemacht, wie wichtig es sei, die Präventions- und Vorsorgemaßnahmen in ganz Europa zu verbessern. Die Politik wurde aufgefordert, auf die Wissenschaft zu hören.
Die Bekämpfung von Krebs war in den letzten Jahren eine der wichtigsten gesundheitspolitischen Prioritäten auf europäische Ebene. Initiativen wie der BECA-Bericht des Europäischen Parlaments und der EU-Plan zur Krebsbekämpfung der Europäischen Kommission haben dieses Thema ganz oben auf die Tagesordnung gesetzt.
„Manchmal, wenn ich spreche, ist mir klar, dass das, was ich sage, vielleicht zu enthusiastisch, zu ehrgeizig oder zu optimistisch klingt, aber wir müssen die Messlatte hoch legen, wenn wir versuchen, die Realitäten des Krebses zu verändern“, sagte Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides auf dem EU-Krebsgipfel von letzter Woche (15./16. November).
Einer der Hauptschwerpunkte des Gesprächs liegt jetzt auf Prävention und Früherkennung, wie es im EU-Plan zur Krebsbekämpfung heißt: „Vorbeugung ist wirksamer als jede Heilung.“
Auch die Europäische Krebsorganisation (ECO) hat dies in ihrem kürzlich veröffentlichten Manifest „Time to Accelerate: Together Against Cancer“ (Zeit, die Dinge zu beschleunigen: Gemeinsam gegen Krebs) hervorgehoben. Darin werden Empfehlungen für die Zukunft der europäischen Krebspolitik unter dem nächsten Mandat der Europäischen Kommission (2024-2029) ausgesprochen.
Nach Angaben der Gemeinsamen Forschungsstelle der EU-Kommission wurde im Jahr 2020 bei 2,7 Millionen Menschen in der EU Krebs diagnostiziert, und 1,3 Millionen Menschen starben daran.
Jedoch sind mehr als 40 Prozent der Krebsfälle in Europa vermeidbar, und auch die Sterblichkeitsrate kann durch eine frühere Diagnose und die Bereitstellung rechtzeitiger und wirksamerer Behandlungen gesenkt werden.
Fokus auf Prävention
Derzeit konzentrieren sich die Bemühungen der EU auf die Regulierung von Krebsrisikofaktoren. „Die Hauptrisikofaktoren sind gut bekannt, doch für die meisten gibt es noch immer keine angemessene politische Antwort“, heißt es im Manifest der Europäischen Krebsorganisation.
In der Hoffnung, dies zu ändern, bereitet das Europäische Parlament einen Bericht über nicht übertragbare Krankheiten (NCDs) vor, der sich auf die Hauptrisikofaktoren für Krebs konzentriert: Tabak- und Alkoholkonsum, ungesunde Ernährung, Umwelteinflüsse und Bewegungsmangel.
Die Einbeziehung von Alkohol ist das heikelste Thema in den Diskussionen der EU-Abgeordneten. Zwar sind sich alle einig, dass er Teil des Berichts sein sollte, aber die Debatte dreht sich um die Formulierung, ob ein bestimmter Grenzwert des Alkoholkonsums als „schädlich“ bezeichnet werden sollte.
„Ich denke, es liegt daran, dass die Dynamik der bevorstehenden Wahlen die Temperatur im Parlament erhöht und die Prävention zu einem Schlachtfeld zwischen den Fraktionen geworden ist“, erklärte Sara Cerdas, sozialdemokratische Europaabgeordnete aus Portugal.
Während des Gipfels wies ECO darauf hin, dass es laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) „keine sichere Menge an Alkoholkonsum“ gibt.
Nach Angaben der WHO wird die Hälfte der alkoholbedingten Krebserkrankungen in der EU durch leichten und mäßigen Alkoholkonsum verursacht, also durch weniger als 1,5 Liter Wein oder weniger als 3,5 Liter Bier pro Woche.
„Hören Sie auf die Wissenschaft. Lassen Sie die Politik von der Wissenschaft leiten, insbesondere im Bereich der Gesundheit“, betonte die italienische sozialdemokratische EU-Abgeordnete Alessandra Moretti.
Sie erinnerte daran, dass das Rauchverbot in öffentlichen Räumen erst Jahre später eingeführt wurde, nachdem Gesundheitsexperten vor den Gefahren des Rauchens gewarnt hatten. „Wir hätten so viele Leben retten können, wenn wir als Politiker nur früher gehandelt und auf die Wissenschaft gehört hätten“, fügte sie hinzu.
In Bezug auf den Alkoholkonsum unterstützt ECO die Position des EU-Plans zur Krebsbekämpfung, wonach Gesetzesvorschläge für eine obligatorische Kennzeichnung der Inhaltsstoffe und Nährwertangaben sowie für Gesundheitswarnungen auf alkoholischen Getränken vorgelegt werden sollen.
ECO warnt jedoch vor der starken Lobbyarbeit der Industrie gegen diese Maßnahmen, was Cerdas auf dem Gipfel ebenfalls erwähnte.
„Besonders besorgniserregend ist die Einmischung der Industrie bei der Verbreitung von Fehlinformationen über die Gesundheit, die im Widerspruch zu den besten verfügbaren Erkenntnissen stehen, und dies spiegelt sich nun im Bericht des Unterausschusses für öffentliche Gesundheit [über NCD] wider“, sagte sie.
Früherkennung in Europa
Ein weiterer Teil des EU-Krebsbekämpfungsplans ist die Umsetzung von Früherkennungsmaßnahmen in Europa, die die Gleichheit zwischen den Mitgliedstaaten gewährleisten.
„Wir sehen zum ersten Mal, dass neue Screening-Empfehlungen in der gesamten EU eingeführt werden, mit ehrgeizigen Zielen für das Screening zur Verbesserung der Früherkennung“, sagte Kommissarin Kyriakides.
In ihrem Plan zur Krebsbekämpfung kündigte die Kommission an, die Mitgliedstaaten dabei zu unterstützen, dafür zu sorgen, dass 90 Prozent der EU-Bevölkerung, die für Brust-, Gebärmutterhals- und Darmkrebsvorsorgeuntersuchungen in Frage kommen, bis 2025 ein entsprechendes Angebot erhalten.
Kyriakides feierte auch die Aktualisierung der aktuellen Früherkennungsleitlinien durch den Europäischen Rat nach 19 Jahren. Sie räumte jedoch ein, dass „wir sie [zwar jetzt] haben, aber es gibt noch viel mehr zu tun.“
Die früheren Empfehlungen aus dem Jahr 2003 beschränkten sich auf Brust-, Gebärmutterhals- und Darmkrebs, während die aktuellen den Fokus auch auf Lungen-, Prostata- und Magenkrebs ausweiten.
Nach Angaben der Europäischen Kommission schwankte im Jahr 2021 die Zahl der Frauen, die sich einer Mammographie zur Brustkrebsvorsorge unterzogen, zwischen 83 Prozent in Dänemark und 82 Prozent in Finnland bis hin zu 20,6 Prozent in Bulgarien und 24,6 Prozent in Zypern.
Die gleichen Unterschiede gibt es bei der Gebärmutterhalskrebsvorsorge, wo der Anteil zwischen 78,5 Prozent in Schweden und 3,9 Prozent in Rumänien variierte.
Trotz der Bemühungen der EU, eine umfassendere Früherkennungsstrategie umzusetzen und Ungleichheiten zu beseitigen, ist die Situation in Europa noch ausbaufähig.
Kyriakides kündigte außerdem an, dass die Kommission 2024 eine Studie vorlegen werde, um die tatsächliche Wirkung des Plans zur Krebsbekämpfung zu bewerten, „weil Rechenschaftspflicht wichtig ist.“
„Es reicht nicht aus, nur davon auszugehen, dass [der Plan] vorangeht und umgesetzt wird“, fügte sie hinzu.
[Bearbeitet von Giedrė Peseckytė/Nathalie Weatherald/Kjeld Neubert]



