EU und WHO bemühen sich um psychische Gesundheit von Ukrainer:innen

Der Krieg in der Ukraine hat laut EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides die bereits bestehenden psychischen Probleme in der EU verschärft und bei vielen Flüchtlingen ein "Trauma" ausgelöst. [ROMAN PILIPEY/EPA]

Die psychische Gesundheit geflüchteter Ukrainer:innen stand am Mittwoch (4. Mai) zum ersten Mal im Mittelpunkt der Gespräche der WHO-Koalition für psychische Gesundheit, an denen auch EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides teilnahm. EURACTIV Frankreich berichtet.

Seit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine am 24. Februar sind mehr als fünf Millionen Menschen vor dem Krieg geflohen, hauptsächlich in an die Ukraine angrenzende Länder wie Polen, Moldawien, Rumänien und die Slowakei.

„Zehn Wochen Krieg in der Ukraine haben unsägliche Ungewissheit, Unsicherheit, Trauer und Verlust gebracht“, sagte Hans Kluge, Europachef der Weltgesundheitsorganisation (WHO), bei der Eröffnung der Gespräche.

Die im Jahr 2021 vorgestellte Koalition hat zum Ziel, die Qualität der psychischen Gesundheitsversorgung zu verbessern und eine lebenslange psychische Betreuung in ganz Europa zu gewährleisten.

Laut Kluge haben die Länder, die Flüchtlinge aufnehmen, „aufgrund des großen Zustroms einen Anstieg der Nachfrage nach Gesundheits- und psychosozialen Diensten“ verzeichnet.

„Die WHO für Europa und Zentralasien hat Expert:innenen für psychische Gesundheit und psychosoziale Unterstützung entsandt, die mit den nationalen Behörden zusammenarbeiten, um die psychischen Bedürfnisse der aus der Ukraine geflohenen Menschen zu bewältigen“, so Kluge weiter.

Der Krieg in der Ukraine habe die in der EU bereits vorhandenen psychischen Probleme verschärft und bei den Flüchtlingen ein Trauma ausgelöst, so Kyriakides. Sie kündigte an, dass die EU zwei Millionen Euro für die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden von Migrant:innen und Flüchtlingen bereitstellen werde.

„Wir tun alles, was in unserer Macht steht, um auf die Bedürfnisse der psychischen Gesundheit dieser Menschen einzugehen“, fügte die Kommissarin hinzu. Sie warnte, dass die derzeitigen psychischen Probleme „uns noch viele Jahre lang begleiten werden.“

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Schwierigkeiten

Die Koalition wolle den Ukrainer:innen, den medizinischen Teams vor Ort und allen vom Krieg Betroffenen helfen.

„Es ist schwer zu beschreiben, was die Kolleg:innen durchmachen“, sagte Jarno Habicht, WHO-Vertreter in der Ukraine. Er fügte hinzu, dass das Trauma sowohl für die medizinischen Teams als auch für die Geflüchteten „noch zwei oder drei Generationen lang nachwirken wird.“

Habicht wies auch darauf hin, wie schwierig es für die Mediziner:innen vor Ort und in den Nachbarländern sei, den Ukrainer:innen psychologische Hilfe zukommen zu lassen, die vor dem Krieg fliehen.

„Wie können wir sie erreichen? Wie können wir das Vertrauen wiederherstellen?“, fragte er. „Die Menschen haben Angst, in ihre Häuser zurückzukehren. Wasser und Strom gibt es nicht immer. Häuser können jederzeit bombardiert werden“, fuhr er fort.

Habicht wies auch auf die wertvolle Hilfe von Mediziner:innen von Nichtregierungsorganisationen wie dem Roten Kreuz und Ärzte ohne Grenzen hin.

„Dies ist eine riesige Aufgabe, die seit Jahrzehnten auf uns wartet und die sich niemand von uns vorstellen konnte, als die Koalition ins Leben gerufen wurde“, meinte er weiter.

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Psychische Gesundheit von Migrant:innen 

Die psychische Gesundheit scheint in diesen Tagen zu den Prioritäten der WHO zu gehören. Am Mittwoch veröffentlichte die Gesundheitsbehörde der Vereinten Nationen einen Bericht, in dem sie vor den Auswirkungen von Haft auf die psychische Gesundheit von Migrant:innen einging.

Der Bericht betont, dass sich die Haftbedingungen während und nach der Entlassung negativ auf die psychische Gesundheit auswirken können. Je länger die Inhaftierung dauert, desto stärker wird demnach die psychische Gesundheit der Inhaftierten beeinträchtigt.

Zumal die psychischen Gesundheitsprobleme von Migrant:innen zwar „gut dokumentiert“ seien, es aber „oft an psychologischer Pflege und Unterstützung“ mangele, wie es in dem Report heißt.

„Die mentale Gesundheit von Migrant:innen und Flüchtlingen sollte von den üblichen Einrichtungen für mentale Gesundheit des jeweiligen Landes betreut werden, wie es in den Nachbarländern [der Ukraine] der Fall ist“, sagte Hans Kluge bei den Gesprächen der Koalition.

Generell fordert die WHO die EU-Mitgliedstaaten auf, sich der Frage der psychischen Gesundheit der Bürger:innen anzunehmen, und weist darauf hin, dass sich in der Region jedes Jahr fast 130 000 Menschen das Leben nehmen – eine „inakzeptable Zahl“, zumal die Pandemie die Situation „noch verschlimmert“ habe, wie der WHO-Vertreter anmerkte.

„Die psychische Gesundheit ist ein komplexer Bereich, den das nationale Gesundheitssystem nicht allein bewältigen kann“, schloss Kluge.

Einige Länder haben bereits Strategien entwickelt, wie etwa Frankreich, das am Montag (2. Mai) eine große nationale Erhebung zur Gesundheit von Kindern im Alter von 3 bis 11 Jahren gestartet hat.

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[Bearbeitet von Alice Taylor]

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