Gefälschte COVID-Pässe breiten sich in Südosteuropa aus

Die bulgarische Polizei hat bereits mehrere Sondereinsätze durchgeführt, bei denen Dutzende von Bulgaren festgenommen wurden, die im Verdacht stehen, gefälschte Impfungen zu besitzen oder auszustellen. [EPA-EFE/VASSIL DONEV]

Während sich die Europäische Kommission und die EU-Länder bemühen, die neuesten Corona-Infektionswelle einzudämmen, zahlen Tausende von impfscheuen Europäern für gefälschte COVID-Pässe anstatt sich impfen zu lassen. EURACTIV Network berichtet.

Den Medien sind ein Dutzend Länder, von Deutschland, wo Fälschungen auf Instagram verkauft werden, über Österreich und Italien bis hin zu osteuropäischen und Balkanländern, davon betroffen. Der Preis für einen gefälschten Test oder einen nicht verabreichten Impfstoff liegt zwischen 100 und 500 Euro, die teilweise in Kryptowährung zu zahlen sind.

EURACTIVs kroatischer Partner, Jutarnji list, hat eine eigene Untersuchung durchgeführt und die entsprechenden Ergebnisse diese Woche veröffentlicht.

Demnach wurden mehrere Allgemeinarztpraxen gefunden, in denen Zertifikate gekauft werden können. Anstatt den Impfstoff zu verabreichen, wird dieser jedoch entsorgt. Die jeweiligen Personen bekommen also ein EU-weit gültiges Impfzertifikat, ohne die Impfung auch erhalten zu haben. Deshalb ist es besonders schwierig, diese Praktiken aufzudecken, denn formal läuft das Prozedere vorschriftskonform ab. Der bevorzugte Impfstoff für Betrügereien ist der von Johnson & Johnson, da für das Zertifikat nur eine Dosis erforderlich ist.

Ein kroatischer Mann, der mit EURACTIV unter der Bedingung der Anonymität sprach, sagte, er habe „eine Abneigung gegen die Impfung“, habe aber von einem Freund gehört, dass das Problem  „für 1.000 Kuna (130 Euro) gelöst werden kann“.

Zwei Wochen später wurde ihm mitgeteilt, er solle sich in eine Arztpraxis an der Adriaküste begeben. Er meldete sich für die Impfung an, ging hinein und legte das Geld bereitwillig unter ein Buch, das auf einem Tisch lag – ein toter Winkel, der von Überwachungskameras nicht erfasst wird, wie man ihm sagte.

„Die Krankenschwester kam, sagte mir, ich solle meinen Ärmel hochkrempeln, nahm einen Wattebausch, tränkte ihn in Alkohol und nahm dann eine Spritze von Johnson & Johnson. Sie führte sie an meine Schulter, als wollte sie mich stechen, stieß sie aber in der Nähe meiner Schulter in die Luft aus. Dann gab sie meine Daten in das System ein, als ob ich ordnungsgemäß geimpft worden wäre“.

Erster Todesfall in Bulgarien

In der bulgarischen Hauptstadt Sofia starb am 26. November ein junger Mann mit einem gefälschten Impfpass im Krankenhaus. Dr. Lyudmil Shopov von der COVID-Station des Krankenhauses sagte, der Patient habe eine Sauerstoffbehandlung abgelehnt, weil er befürchtete, dass medizinischer Sauerstoff seine Lungen schädigen würde.

Der 27-jährige Mann, der keine bekannten chronischen Krankheiten hatte, erklärte den Ärzten zunächst, er sei geimpft und habe ein grünes Zertifikat. Sein Zustand verschlechterte sich jedoch rapide, und es kam zu einem Atemstillstand, was die Ärzte veranlasste, seinen Impfstatus in Frage zu stellen.

Nach einem Gespräch unter vier Augen mit einem Arzt gab der Patient zu, dass sein COVID-Zertifikat gefälscht war. Auf die Frage, warum er nicht geimpft worden sei, antwortete er, er befürchte, der Impfstoff könne ihn sexuell impotent machen.

„Er wusste einfach nicht, wie schwer krank er war“, so die Ärzte.

Ein ähnlicher Todesfall wurde aus Rumänien gemeldet, wo ein medizinischer Angestellter in Suceava (im Nordosten Rumäniens) Anfang November an COVID-19 starb. Später stellte sich heraus, dass er nicht geimpft worden war, obwohl er über ein Impfzertifikat verfugte.

Quellen von EURACTIV Bulgarien haben ergeben, dass der übliche Preis für gefälschte Zertifikate zwischen 100 und 300 Euro liegt. Der 300-Euro-Pass ist für Ausländer bestimmt, vor allem für jene aus Nordgriechenland.

…und erste Verhaftungen

Die bulgarische Polizei hat bereits mehrere Sondereinsätze durchgeführt, bei denen Dutzende von Bulgaren festgenommen wurden, die im Verdacht stehen, gefälschte Impfungen zu besitzen oder auszustellen.

Wie in Kroatien bevorzugen einige bulgarische Ärzte die Verwendung des Covid-19-Einwegimpfstoffs von Johnson & Johnson für die Ausstellung des grünen Zertifikats. Dieses Dokument ist für die Mitarbeiter vieler Unternehmen im ganzen Land erforderlich.

Die Polizei führte am Abend des 29. November eine Sonderaktion in zwei Krankenhäusern in den südbulgarischen Kleinstädten Aenovgrad und Rakovski durch: Drei Ärzte und ein Zahnarzt wurden verhaftet, und in einem ihrer Autos wurden mehrere gefälschte Zertifikate gefunden.

Zwei Ärzte wurden auch in Slowenien verhaftet, weil sie gefälschte Atteste ausgestellt hatten, berichtete EURACTIVs Partneragentur STA. An der polizeilichen Untersuchung waren mehr als hundert Ermittler von Polizeidienststellen aus sieben Städten beteiligt, sagte Beno Meglič, der Leiter der Kriminalpolizei in Maribor, am Dienstag (29. November).

In Deutschland haben die meisten Landeskriminalämter neulich davor gewarnt, dass der Handel mit gefälschten Zertifikaten nach der Einführung der 2G-Regel deutlich zugenommen hat.

Mit Stand vom 27. November waren in Deutschland rund 2.500 Fälle von gefälschten Zertifikaten bekannt, die Hälfte davon in Bayern, wobei die Zertifikate über Instagram erhältlich waren.

Am anderen Ende Europas, in Albanien, erklärte ein Lehrer gegenüber EURACTIV, dass der PCR-Test „für Reisen“ oft nicht ordnungsgemäß durchgeführt werde. Stattdessen werden pro forma Abstriche außerhalb der Nase und an den Lippen durchgeführt.

„Ich kenne mehr Menschen mit einem gefälschten Zertifikat als mit dem Impfstoff“, sagte der Lehrer.

Eine mit der Thematik vertraute EU-Quelle erklärte gegenüber EURACTIV, dass die Europäische Kommission einen Zugang für Zertifikate eingerichtet habe, damit diese in der gesamten Union anerkannt werden können, und zwar in kürzester Zeit, aber mit den höchstmöglichen Sicherheitsstandards.

Technisch gesehen, so die Quelle, habe jedes Land ein anderes Kontrollsystem für die Ausstellung von Zertifikaten, weshalb die EU-Mitgliedsstaaten den Zugang dazu besser kontrollieren müssten, und fügte hinzu, dass Betrug in solchen Fällen auf nationaler Ebene angegangen werden sollte, wie dies bereits in vielen Ländern der Fall sei.

Bei mehr als 710 Millionen Zertifikaten, die bisher in der EU ausgestellt wurden, sei mit Betrugsversuchen zu rechnen, so die Quelle.

Aber ohne ein digitales Zertifikat wäre es unmöglich, solchen Betrugsversuchen auf die Schliche zu kommen. Denn eine Papierversion lässt sich noch um einiges leichter fälschen und erschwert es Betrug zu erkennen, so das Fazit der Quelle.

[Bearbeitet von Alice Taylor und Benjamin Fox]

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