Frauen schultern drei Viertel der Pflegearbeit in der EU

Informelle Pflegekräfte sind Menschen, die sich um einen kranken oder bedürftigen Verwandten kümmern, ohne dafür bezahlt zu werden, wie ein Kind, das sich täglich um seine alten Eltern kümmert. [Phovoir/Shutterstock]

Der Großteil der Pflegearbeit in der EU wird von Frauen, sogenannten „informellen Pflegekräften“, geleistet – ohne Gegenleistung. Die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern werde damit weiter verschärft, so ein Bericht der ungarischen Europaabgeordneten Katalin Cseh, Vizepräsidentin der Renew-Gruppe.

Der Bericht wurde am Dienstag, den 15. Februar, vom EU-Parlament angenommen (524 Ja-Stimmen, 33 Gegenstimmen, 143 Enthaltungen). Er befasst sich mit den Herausforderungen, denen sich städtische Gebiete nach der Corona-Krise stellen müssen, darunter auch das bekannte Problem der Geschlechterungleichheit.

Insgesamt werden demnach 80 Prozent aller Pflegeleistungen in der EU von informellen Pflegekräften erbracht, im Gegensatz zu den so genannten „formellen“ Pflegekräften wie Krankenpfleger:innen oder Pflegehelfer:innen. 75 Prozent von ihnen sind Frauen, wie der Bericht zeigt.

Informelle Pflegekräfte sind Menschen, die sich unentgeltlich um kranke oder bedürftige Angehörige kümmern. Die Profile sind vielfältig, von der Mutter, die sich einen Tag lang um ihr krankes Kind kümmert, bis hin zu einem Kind, das sich täglich um seine älteren Eltern kümmert.

„Es ist wie eine Pflegekraft, nur dass sie unbezahlt ist“, fasste Katalin Cseh in einem Interview mit EURACTIV zusammen.

Im März 2020 folgte Cseh, eine ausgebildete Ärztin, dem Aufruf des ungarischen Ministeriums für Humanressourcen nach Freiwilligen, da dieses zu dem Zeitpunkt mit einem gravierenden Mangel an Gesundheitspersonal konfrontiert war.

„Wenn jemand in ihrem Haushalt krank ist, wird von den Frauen erwartet, dass sie ohne jegliche Entschädigung zu Hause bleiben“, sagt Katalin Cseh. „Für manche Frauen ist das wie ein zweiter Job, etwas, das die Gesellschaft von ihnen erwartet.“

„Es ist eine Last, die auf ihren Schultern liegt“, betonte sie.

Die Pandemie hat dieses Phänomen noch verschärft, zum Teil wegen des eingeschränkten Zugangs zu den Gesundheitssystemen, aber auch, weil Menschen mit Corona-Symptomen sich zu Hause isolieren mussten, wo sich jemand um sie kümmerte.

„Ich sage nicht, dass wir uns nicht um unsere Angehörigen kümmern sollen. Aber diese Last wird von den Staaten nicht ausreichend anerkannt. Sie wird nicht bezahlt oder wertgeschätzt“, sagte sie.

„Wir brauchen einen Sozialvertrag für diejenigen, die ihr Leben damit verbringen, ihre Angehörigen zu pflegen. Sie sollten Hilfe und Unterstützung von Fachleuten erhalten, aber auch finanzielle Unterstützung, wenn sie zu Hause bleiben müssen“, argumentierte sie.

Das Gesundheitspersonal ist „erschöpft“

Laut Cseh könne das Phänomen der informellen Pflegekräfte teils durch kulturelles Erbe erklärt werden, es sei jedoch notwendig, „ein ganzes System des Zugangs zur Gesundheitsversorgung“ auf europäischer Ebene zu überdenken, bei dem „die Gehälter noch immer nicht auf der Höhe der Zeit sind“.

Der Personalmangel in den Gesundheitseinrichtungen, einschließlich der Krankenhäuser und Altenheime, sei ein Hinweis auf die unattraktiven Arbeitsbedingungen angesichts Stress, mangelnder Ausrüstung, fehlender personeller Ressourcen und niedriger Gehälter, betonte sie.

„Das Gesundheitspersonal ist erschöpft“, warnte die Abgeordnete.

Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern gebe es auch bei den so genannten „formalen“ Gesundheitsberufen, wo Frauen die meisten Pflegeleistungen erbringen, vor allem in den Berufen der Krankenpflege und der Pflegeassistenz.

Da die europäische Bevölkerung jedoch immer älter wird, werden dieses Phänomen und das damit verbundene Ungleichgewicht in den kommenden Jahren wahrscheinlich zunehmen.

Laut der Eurostat wirdder Anteil der über 80-Jährigen in der EU zwischen 2019 und 2100 voraussichtlich um das 2,5-fache steigen, von 5,8 Prozent auf 14,6 Prozent.

Die Europäische Kommission arbeitet derzeit an einem European Care Deal, dessen Arbeitsprogramm dem Parlament vor Ende 2022 vorgelegt werden soll.

„Es ist an der Zeit, dass die Kommission sich dieser Ungleichheit zwischen Frauen und Männern in der Pflegearbeit bewusst wird“, schließt Katalin Cseh, die die Fortschritte der Kommission aufmerksam verfolgen wird.

[Bearbeitet von Natasha Foote/ Alice Taylor]

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