Expertin: Entscheidungsträgern fehlt es an Wissen über fortgeschrittenen Brustkrebs

Schätzungen zufolge wurde im Jahr 2020 bei mehr als 355.000 Frauen in der EU Brustkrebs diagnostiziert. [Shutterstock/Chinnapong]

Dieser Artikel ist Teil des special reports Metastasierender Brustkrebs: Noch einiges zu tun

Jedes Jahr sind Tausende von Frauen in Europa von metastasierendem Brustkrebs (MBC) betroffen. Während die Behandlung Fortschritte gemacht hat und nun das Leben der Patient:innen erheblich verlängert werden kann, berücksichtigen die Entscheidungsträger:innen dies noch immer nicht in vollem Umfang, so eine Expertin gegenüber EURACTIV.

„Den Entscheidungsträgern fehlt es an Wissen“, sagte Dr. Fatima Cardoso, Präsidentin der ABC Global Alliance, einer Multi-Stakeholder-Plattform, die sich mit MBC beschäftigt. Obwohl es keine Heilung für MBC gibt, gibt es jetzt Behandlungen, die das Leben deutlich verlängern, in einigen Fällen bis zu fünf Jahre, erklärte Cardoso.

Trotz innovativer Errungenschaften, die MBC-Patient:innen eine bessere Chance bieten, die Krankheit zu stabilisieren und das Leben zu verlängern, weisen Kritiker:innen darauf hin, dass die politischen Entscheidungsträger die Innovationen weiterhin nur langsam annehmen.

Schätzungen zufolge wurde im Jahr 2020 bei mehr als 355 000 Frauen in der EU Brustkrebs diagnostiziert. Niemand kann jedoch genau sagen, wie viele Patient:innen an MBC erkranken, da sich die Krebsregister nur auf Diagnosen und Sterblichkeit, nicht aber auf Rückfälle konzentrieren.

Für Cardoso sind Screening und Früherkennung von Brustkrebs entscheidend für die Bekämpfung der Krankheit. „Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass selbst bei frühzeitiger Erkennung und bester Behandlung 30% der Brustkrebsfälle zu Metastasen werden“, so die Expertin.

Laut Elena Kountoura, einer EU-Gesetzgeberin von der linken GUE-NGL, haben die ersten Monate des Jahres 2020 einen großen Rückschlag für die Bemühungen der MBC gebracht. Brustkrebs-Screening-Programme und -Behandlungen wurden aufgrund des eingeschränkten Zugangs während der aufeinanderfolgenden Schließungen unterbrochen oder sogar ausgesetzt.

„Die Verzögerung und Unterbrechung solcher Dienste erhöhte das Risiko für Frauen, Monate später und in einem fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert zu werden“, erklärte sie gegenüber EURACTIV.

Stigmatisierung und Ungleichheiten

Das zweite Element ist die mit der Krankheit verbundene Stigmatisierung.

Laut Cardoso zögern einige Länder, „unsere Ressourcen für Menschen auszugeben, die sterben werden“.

„Ich weiß, das klingt sehr hart, aber das ist leider das, was unsere Patient:innen erleben“, fügte sie hinzu.

Die griechische Europaabgeordnete Kountoura rief die Gesellschaft dazu auf, sich von der verzerrten Vorstellung zu lösen, dass Frauen mit metastasiertem Krebs nichts zu erwarten hätten.

„Neuere, wirksamere Medikamente und Behandlungen sowie klinische Studien sind sehr vielversprechend. Es ist keine Seltenheit mehr, dass eine Frau mit metastasierendem Krebs mehr als ein Jahrzehnt mit einer stabilen Erkrankung leben kann. Hierfür sind gezielte Maßnahmen auf europäischer und nationaler Ebene erforderlich“, sagte sie.

Ein weiteres Problem in Europa ist die zunehmende Ungleichheit beim Zugang zu Therapien, nicht nur von Land zu Land, sondern auch innerhalb eines Landes.

„In vielen Ländern ist es üblich, Patient:innen je nach ihrer Krankenversicherung unterschiedlich zu behandeln“, so Cardoso.

Dr. Fiorita Poulakaki, Vorstandsmitglied von Europa Donna, der Europäischen Brustkrebskoalition, sagte, dass die Patient:innen nicht nur bei der Arbeit, sondern auch bei der privaten Versicherung diskriminiert werden.

„Die Erstattung zahlreicher medizinischer Kosten, einschließlich der Rehabilitationskosten, ist je nach Land und Art der Versicherung nicht immer gewährleistet,“ sagte sie.

Um den Wandel voranzutreiben, fügte Poulakaki hinzu, müsse sich zunächst die Einstellung der Gesellschaft ändern. „Patient:innen mit MBC sollten ermutigt werden, ihr Leben weiterzuleben und nicht diskriminiert zu werden,“ sagte sie.

MdEP: Vorgehen wie bei COVID-Impfstoffen

Anfang des Jahres veröffentlichte die Europäische Kommission einen Plan zur Krebsbekämpfung, der sich auf vier Säulen stützt: Prävention, Früherkennung, Behandlung und Nachsorge.

„Der Plan wird die Schaffung eines neuen Expertennetzwerks unterstützen, das sich mit schwer behandelbaren Krebsarten befasst und auch metastatische Erkrankungen einbezieht“, so ein Sprecher der Europäischen Kommission gegenüber EURACTIV.

Das Dossier wird derzeit im EU-Parlament diskutiert.

MBC-Patient:innen und Interessenvertreter haben ihre Hoffnungen auf den Plan der Kommission gesetzt, aber Cardoso warnte, dass der Plan MBC kaum berühre. Dennoch sei er „eine große Chance, die Diskriminierung bei fortgeschrittenen Krebserkrankungen zu beenden, mit den notwendigen Änderungen im Plan“, sagte sie.

Frances Fitzgerald, eine irische Europaabgeordnete der Fine Gael Partei (EVP), erklärte gegenüber EURACTIV, dass öffentlich-private Partnerschaften, die während der Pandemie auf EU-Ebene zwischen der Pharmaindustrie und den EU-Institutionen geschlossen wurden, den Weg aufzeigen, um Innovationen bei MBC zu fördern, „wie wir es bei den Impfstoffen getan haben“.

Die irische Europaabgeordnete sagte, dass es immer mehr Innovationen von Seiten der Pharmaunternehmen gebe, die aber sehr teuer seien.

„Wir müssen Anreize für die Erforschung und Entwicklung von Produkten mit dem höchsten therapeutischen Wert schaffen, die den Bedürfnissen dieser Patient:innen gerecht werden“, fügte sie hinzu.

Patienten und Betreuer sind ‚Leidensgenossen‘

Die Europäische Koalition der Krebspatienten (European Cancer Patient Coalition, ECPC) erkennt zwar die Fortschritte bei der Überlebensrate dank pharmazeutischer Innovationen an, sagt aber, dass sich die Lebensqualität von MBC-Patient:innen nicht verbessert hat.

Charis Girvalaki von der ECPC erklärte gegenüber EURACTIV, dass Patient:innen mit MBC nach wie vor akzeptieren und lernen müssen, mit einer unheilbaren Krankheit zu leben, was bei Patient:innen und ihren Betreuer:innen großen psychosozialen Stress auslösen kann.

„Wir sagen oft, dass Krebspatient:innen und Betreuer:innen Leidensgenossen auf dem Weg durch den Krebs sind“, fügte sie hinzu.

Um dieser kritischen Situation zu begegnen, sollten EU-weite Sensibilisierungskampagnen verstärkt werden und Brüssel sollte Leitlinien für Patient:innen und Betreuer:innen in einfacher Sprache ausarbeiten.

Abschließend erklärte die Expertin, dass es auch wichtig sei, maßgeschneiderte Palliativpflegedienste für MBC-Patient:innen zu entwickeln und bereitzustellen, und zwar als zentrale europäische Politik, die auf nationaler Ebene umgesetzt wird, um die Ungleichheiten in der Versorgung in Europa zu verringern.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]

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