EU-Kommissarin will ältere Menschen stärker in Gesellschaft einbinden

Vizepräsidentin der Europäischen Kommission für Demokratie und Demografie, Dubravka Šuica. [EPA-EFE/RONALD WITTEK]

Solidarität und Fairness zwischen Generationen müssten die Eckpfeiler und Richtschnur für uns als Gesellschaft sein, insbesondere für die Politik, so Kommissionsvizepräsidentin Dubravka Šuica gegenüber EURACTIV.

Dies müsse sichergestellt werden, wenn wir wollen, dass eine immer älter werdende Bevölkerung von den Beziehungen zwischen verschiedenen Generationen profitiert, so die für Demokratie und Demografie zuständige kroatische Kommissarin.

Das Durchschnittsalter der Europäer:innen steigt, bis 2040 werden voraussichtlich 155 Millionen Menschen über 65 Jahre alt sein. Für Šuica bedeutet dies, dass wir einen Ansatz brauchen, der die Erfahrung und den Wert jedes Einzelnen in der Gesellschaft anerkennt.

„Ich glaube, dass dies am besten durch die Schaffung von Bedingungen erreicht werden kann, unter denen ältere Menschen aktiv zum gesellschaftlichen Leben beitragen, und durch diese aktive Zusammenarbeit werden die Beziehungen zwischen den Generationen verbessert“, sagte sie.

Einem neuen Bericht zufolge, der auf einer von Edwards Life Sciences am Dienstag (21. Juni) veröffentlichten Umfrage unter 12.850 europäischen Bürger:innen beruht, leisten ältere Menschen einen großen Beitrag zum gesellschaftlichen Leben, indem sie sich ehrenamtlich engagieren, an lokalen demokratischen Prozessen teilhaben oder ihrer Familie bei den täglichen Aufgaben helfen.

Die Umfrage zeigt, dass 71 Prozent der über 65-Jährigen jüngere Menschen finanziell unterstützen, während vier von fünf Befragten im Alter von 18 bis 40 Jahren sagen, die Unterstützung durch die ältere Generation sei wichtig.

Trotz der eindeutigen Vorteile werde die alternde Bevölkerung oft als „demografische Herausforderung“ bezeichnet, heißt es in dem Bericht, obwohl die eigene Umfrage darauf hindeutet, dass „kein solcher Konflikt zwischen den Generationen besteht, sondern ein starker Wunsch nach mehr Interaktionen zwischen den Generationen.“

„Die Studie legt nahe, dass generationenübergreifende Interaktionen in der Gesellschaft vorhanden sind und von allen Altersgruppen geschätzt werden. Es ist wichtig, dass politische Maßnahmen und Strategien entwickelt werden, die dazu beitragen, diese Beziehungen auch in Zukunft aufrechtzuerhalten und zu stärken“, so George Leeson, Professor an der Universität Oxford, in dem Bericht.

Nach Ansicht der Kommissarin sollte Europa den gesamten Lebenszyklus betrachten und alle Altersgruppen ansprechen, um die Herausforderungen der alternden Bevölkerung bestmöglich in Chancen zu verwandeln.

Dazu gehören die Förderung des gesunden Alterns, die Ausrichtung auf eine größere Nachfrage nach Gesundheitsleistungen, die Aufrechterhaltung der Sozialschutzsysteme, die Steigerung der Produktivität und die Unterstützung einer höheren Erwerbsbeteiligung.

„Die Bewältigung dieser Probleme ist unerlässlich, um den Wohlstand zu erhalten, Solidarität und Fairness zwischen den Generationen zu gewährleisten und zu einem stärkeren gesellschaftlichen Zusammenhalt beizutragen“, sagte Šuica.

„Wir arbeiten aus einer starken Position heraus, aber wir arbeiten gegen die Zeit. Deshalb sind zusätzliche Anstrengungen in all diesen Bereichen jetzt notwendig, nicht später“, fügte sie hinzu.

Pandemie verhinderte Kontakt zwischen Generationen

Zuletzt hatte allerdings die Corona-Pandemie eine Herausforderung für die Einbindung älterer Menschen dargestellt.

Ältere Menschen waren anfälliger für das Virus und wurden vielerorts stärker isoliert, da viele Regionen von Lockdowns betroffen waren oder mit strengen Restriktionen und stark ansteigenden Fallzahlen zu kämpfen hatten.

Dem Bericht zufolge wirkte sich dies negativ auf die Interaktionen zwischen den Generationen aus, da es in besonders schwierigen Zeiten nur wenige Möglichkeiten gab, Familienmitglieder und Freunde zu treffen.

Für 38 Prozent der Befragten scheint die Pandemie die Hauptursache für die Barrieren zu sein, die weitere Interaktionen zwischen den Generationen verhindern. Für 40 Prozent der Befragten hat sich die Zeit, die sie mit Menschen einer anderen Generation verbringen, seit der Pandemie verringert.

„Die Corona-Pandemie hat viele Schwachstellen aufgedeckt und viele unserer Stärken aufgezeigt“, kommentierte Šuica die letzten zweieinhalb Jahre.

Ihr zufolge haben die Europäer:innen während der Pandemie in noch nie dagewesener Weise zusammengearbeitet, um die Schwächsten in unseren Gemeinschaften zu schützen und zu unterstützen.

Dies zeige, wie wichtig eine starke Solidarität zwischen den Generationen sei und welche Vorteile sie der gesamten Gesellschaft bringe, so Šuica. Sie hob auch hervor, wie wichtig es sei, zusammenzuarbeiten, wenn man vor großen Herausforderungen stehe.

Trotz der negativen Auswirkungen weist der Bericht auf einige Möglichkeiten hin, die Zahl der Begegnungsmöglichkeiten zwischen den Generationen zu erhöhen. Dazu gehören Vorschläge für mehr physische Begegnungsräume, eine höhere Präsenz älterer Menschen in den sozialen Medien und generationenübergreifendes Wohnen.

„Es besteht ein echter Bedarf, physische Räume zu schaffen, in denen alle Generationen physisch miteinander interagieren können, insbesondere nach der Pandemie, bei der alle so lange voneinander isoliert waren“, erklärte Guillaume Fowler, Student an der Sciences Po Paris, auf der Auftaktveranstaltung des Berichts.

Für Anna Wanka vom Goethe-Institut zeigt der Bericht auch, dass die Beziehungen zwischen Generationen in die Politik einbezogen werden müssen.

„Die Studie zeigt, dass wir eindeutig ein Mainstreaming der Erleichterung von Generationenbeziehungen in vielen Politikbereichen brauchen, von der Landschaftsplanung bis zur Digitalisierung.“

[Bearbeitet von Gerardo Fortuna/Alice Taylor]

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