EU-Abgeordnete drängen Kommission zum Ausstieg aus Tierversuchen

Nach Angaben der Kommission wurde die Verwendung von Tieren zu wissenschaftlichen Zwecken im Jahr 2017 in Europa 9,58 Millionen Mal gemeldet. [SHUTTERSTOCK]

Die Abgeordneten des Europäischen Parlaments haben einen nicht bindenden Beschluss angenommen, der die EU-Exekutive auffordert, einen Aktionsplan zur schrittweisen Abschaffung von wissenschaftlichen Tierversuchen vorzulegen.

Der endgültige Text wurde am Donnerstag (16. September) in Straßburg mit 667 Ja-Stimmen und nur vier Gegenstimmen formell angenommen.

Der geforderte Aktionsplan „sollte ehrgeizige und erreichbare Ziele, Reduktionsvorgaben und Fristen enthalten“ sowie „konkrete und koordinierte Maßnahmen mit Indikatoren, wie sie auch in anderen EU-Politikbereichen angewandt werden“, heißt es in dem Beschluss.

Der Text besteht aus einer Reihe von Vorschlägen an die EU-Exekutive und trägt zur Debatte über Alternativen zu Tierversuchen bei.

Der angenommene Beschluss verpflichtet die Kommission nicht zum Handeln, da das Europäische Parlament im EU-System nicht über das legislative Initiativrecht verfügt.

Die Abgeordneten befürworten das so genannte „3-R“-Konzept für Tierversuche, da der Aktionsplan darauf abzielen soll, Verfahren an lebenden Tieren zu wissenschaftlichen Zwecken zu reduzieren, zu verbessern und zu ersetzen [„reduce, refine and replace“].

Das „3-R“-Konzept – Ersatz, Verringerung und Verbesserung von Tierversuchen – wurde vor 60 Jahren von den Wissenschaftlern W.M.S. Russel und R.L. Burch in ihrem grundlegenden Werk „The Principles of Human Experimental Technique“ eingeführt.

Seitdem haben sich die wissenschaftliche Gemeinschaft, Nichtregierungsorganisationen, Politiker und sogar die breite Öffentlichkeit das Konzept angeeignet und weiterentwickelt.

Neben der Bekräftigung des 3-R-Konzepts wollen die Gesetzgeber auch, dass der Plan dazu beiträgt, die Entwicklung alternativer tierfreier Methoden, Technologien und Instrumente zu beschleunigen, die für den Wandel erforderlich sind.

Seit 1986 gibt es in der EU spezifische Rechtsvorschriften für den Schutz von Tieren, die für wissenschaftliche Zwecke verwendet werden; die letzte Überarbeitung liegt nun 10 Jahre zurück.

Dennoch müssen Tiere nach wie vor systematisch für die Prüfung von Chemikalien und in klinischen Versuchen verwendet werden, da der bestehende Rahmen Tierversuche als letztes Mittel nicht ausschließt.

Nach Angaben der Kommission wurden im Jahr 2017 9,58 Millionen Tiere für wissenschaftliche Zwecke verwendet, die meisten davon für Forschungszwecke (69 %), gefolgt von der Verwendung für regulatorische Zwecke zur Erfüllung gesetzlicher Anforderungen (23 %) und für die Routineproduktion (5 %).

Von den 2017 zu regulatorischen Zwecken durchgeführten Versuchen betrafen 61 % Medizinprodukte für den Menschen und 15 % Tierarzneimittel.

Mehr als 230.000 Tierversuche wurden 2017 in der EU durchgeführt, um die Anforderungen der Verordnung zur Bewertung und Zulassung von Chemikalien (REACH) zu erfüllen.

Für kosmetische Fertigprodukte allerdings sind Tierversuche in der EU seit 2004 und für kosmetische Inhaltsstoffe seit 2009 verboten.

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Noch in diesem Jahr will das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) höhere Tierwohlstandards einführen. Die Initiative zum Umbau der Nutztierhaltung übertrifft die Bemühungen auf europäischer Ebene – aber sie hat auch ihren Preis.

Für die niederländische linke EU-Abgeordnete Anja Hazekamp werden Tierversuche immer noch in vielen verschiedenen Verantwortungsbereichen der Kommission eingesetzt, weshalb ein kohärenter Ansatz unerlässlich ist, um Sicherheit und Nachhaltigkeit ohne Tierversuche zu erreichen.

Die luxemburgische EU-Abgeordnete der Grünen, Tilly Metz, sagte, dass es keine Entschuldigung dafür gebe, weiterhin auf Tierversuche zurückzugreifen. Sie fügte hinzu, dass ein ehrgeiziger Ausstiegsplan mit klaren Meilensteinen und erreichbaren Zielen der nächste Schritt sei, um den Einsatz von Tieren in der Wissenschaft merklich zu reduzieren.

Die sozialdemokratische Fraktion im Europäischen Parlament betonte in einer Mitteilung, dass der Hauptzweck der Entschließung darin bestehe, mehr Möglichkeiten für Tests zu schaffen und den Übergang zu Innovationen für eine tierfreie Wissenschaft zu beschleunigen.

„Unser Beschluss besteht darauf, dass dort, wo tierversuchsfreie Modelle zur Verfügung stehen, diese auch verwendet werden müssen“, schrieben die Sozialdemokraten.

Tierschutzgruppen, die sich für die Annahme des Beschlusses eingesetzt hatten, begrüßten das positive Ergebnis.

„Mit dieser historischen Abstimmung fordert das Europäische Parlament eine proaktive und kohärente Politik zur schrittweisen Abschaffung von Tierversuchen, wie beispielsweise die bevorzugte Finanzierung von tierversuchsfreien Methoden, die Ausbildung von Wissenschaftlern in neuen Technologien und wichtige regulatorische Änderungen in der Chemikaliengesetzgebung“, sagte Troy Seidle, Vizepräsident für Forschung und Toxikologie der Human Society International (HSI).

[Edited by Zoran Radosavljevic]

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