Deutschland muss bei Früherkennung von Alzheimer aufholen

Wie aus einem Report der Deutschen Alzheimer Gesellschaft hervorgeht, leiden derzeit rund 1,6 Millionen Menschen an Demenzerkrankungen in Deutschland, mit jährlich rund 300.000 zusätzlichen Neuerkrankungen. [SHUTTERSTOCK/LightField Studios]

Dieser Artikel ist Teil des special reports Alzheimer-Krankheit testet EU-Bereitschaft

Deutschland hat zur Bekämpfung von Alzheimer bereits zahlreiche Initiativen in Gang gesetzt. Aufholbedarf gibt es allerdings bei der Früherkennung, die für die zukünftige medizinische Behandlung essenziell werden könnte.

Wie aus einem Report der Deutschen Alzheimer Gesellschaft hervorgeht, leiden derzeit rund 1,6 Millionen Menschen an Demenzerkrankungen in Deutschland, mit jährlich rund 300.000 zusätzlichen Neuerkrankungen.

Aufgrund der sich verändernden Demografie und einer stetig alternden Gesellschaft wird erwartet, dass die Zahl der Betroffenen bis 2050 auf zwischen 2,4 und 2,8 Millionen ansteigen wird.

Bislang war der deutsche Ansatz bei der Bekämpfung von Demenz hauptsächlich darauf ausgerichtet, die Symptome zu behandeln und den Betroffenen die soziale und gesellschaftliche Partizipation zu ermöglichen.

Ein neues Medikament, das nun erstmals bei der Ursachenbekämpfung von Alzheimer – auf das rund zwei Drittel aller Demenzerkrankungen zurückgehen – ansetzt, könnte jedoch neue Möglichkeiten für die Behandlung setzen. Zentral ist dabei allerdings die Früherkennung

Derzeitiger Stand der Alzheimerbekämpfung

Deutschland hat in den vergangenen Jahren eine Reihe von Initiativen in Gang gesetzt, um sich für die wachsende Anzahl an Demenzerkrankten zu wappnen.

Besonders von der Nationalen Demenzstrategie, die im Juli 2020 verabschiedet wurde, erhofft sich die Bundesregierung die Lebenssituation von Demenzkranken nachhaltig zu verbessern und „tragfähige Strukturen für die Zukunft zu schaffen,“ sagte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums gegenüber EURACTIV.

Die Strategie wurde in enger Zusammenarbeit mit über 70 Stakeholdern erarbeitet und ist „bundesweit ausgerichtet, partnerschaftlich verankert, verbindlich in ihren Zielen und langfristig angelegt,“ sagte der Sprecher weiter.

Insgesamt beinhaltet die Strategie 27 Ziele und über 160 Maßnahmen, um die gesellschaftliche Teilhabe von Demenzkranken zu gewährleisten, die Angehörigen sowie die Betroffenen zu unterstützen und die medizinische und pflegerische Versorgung von Menschen mit Demenz weiterzuentwickeln.

Zudem führt das Gesundheitsministerium ein jährliches Monitoring durch, um den Umsetzungsstand zu eruieren und notwendige Anpassungen vorzunehmen.

Auch bei der medizinischen Infrastruktur schneidet Deutschland gut ab und ist „in Europa ganz vorne mit dabei,“ erklärte Lutz Frölich, Leiter des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit gegenüber EURACTIV.

Dies wird vor allem aus dem Vergleich mit anderen EU-Staaten ersichtlich. Wie aus einem Bericht von RAND hervorgeht, gibt es in Deutschland derzeit rund 24 Demenzspezialisten pro 100,000 Einwohner, mehr als dreimal so viele wie in Frankreich und 30 Prozent mehr als Italien.

Wie Frölich gegenüber EURACTIV betonte, müsste jedoch gerade im Bereich der Aufklärung mehr getan werden.

„Die nationale Demenzstrategie in Deutschland ist vor allem auf die pflegerische Versorgung von Demenzkranken zentriert,“ sagte Frölich und betonte, dass insbesondere die „allgemeine Information der Bevölkerung hinsichtlich der Frühdiagnostik und der Chancen der Therapie“ mehr in den Vordergrund gerückt werden müsste.

Neue Methoden zur Früherkennung

Besonders zentral für die Behandlung von Alzheimer ist die Früherkennung.

„Sie ist das sicher wichtigste und heißeste Thema überhaupt in der klinischen Alzheimer-Forschung,“ betonte Frölich gegenüber EURACTIV.

Bei der Früherkennung setzt Deutschland insbesondere auf die Verwendung von testpsychologischen Untersuchungen, um Ausmaß und Art der kognitiven Beeinträchtigung zu eruieren.

Gerade in den letzten zehn Jahren wurden jedoch völlig neue Methoden zur Diagnose von Alzheimer entwickelt.

War der endgültige medizinische Nachweis der Alzheimererkrankung noch vor zehn Jahren lediglich post mortem möglich, erlauben sogenannte Biomarker Tests inzwischen, die für die Alzheimererkrankung verantwortlichen Proteine – sogenannte amyloider Plaques – verlässlich nachzuweisen.

Die neuen Testmöglichkeiten erlauben eine Diagnose selbst vor Auftreten von Gedächtnisschwächen.

In Deutschland werden diese Testungen aufgrund der hohen Kosten jedoch lediglich in Ausnahmefällen durchgeführt, denn eine „Früherkennung der Alzheimer-Demenz in Gestalt eines Screenings bei Menschen ohne Symptome, wird aufgrund der auch heute noch unzureichenden therapeutischen Perspektiven nicht als sinnvoll angesehen,“ betonte das Gesundheitsministerium gegenüber EURACTIV.

Neue Behandlungsmöglichkeiten

Die medizinischen Möglichkeiten zur Behandlung von Alzheimer haben sich jedoch in den letzten Jahren rasant weiterentwickelt. Während die Behandlung in der Vergangenheit primär auf die Symptombekämpfung ausgerichtet war, erlaubt eine neue Immunisierungstherapie nun erstmals die Ursachenbekämpfung.

Zwar ist das neue Medikament bislang noch nicht in der EU zugelassen, die Wissenschaft zeigt sich aber zuversichtlich:

„Die Immunisierung gegen Amyloid sieht eigentlich nicht schlecht aus,“ sagte Christian Haass, Professor für Biochemie am Biomedizinischen Zentrum der Universität München gegenüber EURACTIV. Er verwies hierbei auf mehrere Studien, die den Abbau von Amyloid durch die Bildung von Antikörpern bereits nachweisen konnten.

Bislang lag die größte Herausforderung darin, die Kostenträger davon zu überzeugen, dass die Biomarker Diagnostik einen echten Mehrwert bietet.

Durch diese neue Immunisierungsmethode ist die Lage nun „paradigmatisch anders,“ sagte Frölich. Denn „der Nachweis der klinischen Relevanz der Biomarker Diagnostik hängt an den Therapieoptionen.“

Allerdings hat diese neue Behandlungsmethode auch einen Haken: um seine volle Wirksamkeit zu entfalten, müsste die Behandlung nämlich bereits ansetzen, bevor sich Symptome des Gedächtnisverlustes zeigen.

„Im Moment ist das große Problem, dass die Immunisierung viel zu spät startet. Wir wissen, dass die Erkrankung gut 20 Jahre bevor der Arzt Gedächtnissymptome feststellt, beginnt und das Gehirn bereits irreversibel schädigt,“ sagte Haass gegenüber EURACTIV und betonte, dass „dringend verlässliche Tests zur Früherkennung“ braucht.

Herausforderungen für die Infrastruktur

Sollte die Immunisierungstherapie gegen Alzheimer in der EU zugelassen werden, wäre das medizinische Versorgungssystem vor enorme Herausforderungen gestellt.

Dies gilt sowohl für die Biomarker Diagnostik, die sehr viel breiter und früher ansetzen müssten, als auch für die Immunisierungsbehandlung selbst.

Bei der Anwendung der Biomarker Tests stellt sich insbesondere die Frage nach der Finanzierung, denn die Kosten der Testungen belaufen sich je nach Methode auf zwischen €1.500 bis €4.000.

Zusätzlich fehlt es bei vielen Nervenärzten auch an den notwendigen Kompetenzen, um die für die Diagnose notwendige Lumbalpunktion durchzuführen.

Jedoch könnte eine weitere Medizinische Innovation hier Abhilfe schaffen. Die Biomarker können inzwischen nämlich auch im Blut nachgewiesen werden, was nicht nur die Diagnosemöglichkeiten enorm erleichtern würde, sondern auch helfen könnte die Kosten zu reduzieren.

Zwar sagte Frölich, dass bei den Bluttests bislang noch „die klinisch breiten Untersuchungen“ fehlen, jedoch könnten die Tests insbesondere bei Frühscreenings zum Einsatz kommen.

„Derzeit wird noch nicht die gesamte Diagnostik auf der Blutuntersuchung basieren, aber man kann Leute schon vorab aussortieren und braucht die aufwendigere Diagnose nur bei ca. 20 Prozent zu machen,“ erklärte Frölich.

Auch bei der neuen Immunisierungstherapie selbst müssten neue Strategien entwickelt werden, die Versorgung der Alzheimererkrankten zu gewährleisten.

Denn die betroffenen Patienten müssten über mehrere Monate hinweg mit intravenösen Infusionen versorgt werden. Zusätzlich muss der Verlauf der Infusion mittels MRT Untersuchungen überwacht werden und auf Nebenwirkungen getestet werden.

Damit das deutsche Gesundheitssystem dem gesteigerten Aufwand auch stemmen kann, müssen neue Modelle der Kooperation entwickelt werden, in der Krankenhäuser, Dialysezentren, Hausärzte und Gedächtnisambulanzen in enger Absprache zusammenarbeiten.

Denn „dann hätten wir eine Arbeitsteilung, die niemanden überlastet, aber dennoch mehr Patienten durchschleusen würde,“ sagte Frölich.

Zwar sei diese Kooperation mit großem kommunikativem Aufwand verbunden, „Man darf die Innovationskraft der ärztlichen Kollegen aber auch nicht unterschätzen, das ist alles kein Hexenwerk,“ fasste er zusammen.

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