Adipositas-Community möchte „lauter“ werden

Adipositas ist eine komplexe, multifaktorielle Krankheit, von der laut WHO fast 60 Prozent der Erwachsenen und eines von drei Kindern betroffen sind. Sie wurde von der Europäischen Kommission im Jahr 2021 als chronische Krankheit eingestuft. [SHUTTERSTOCK/kwanchai.c]

Adipositas ist eine komplexe, multifaktorielle Krankheit, von der fast 60 Prozent der Erwachsenen und eines von drei Kindern in Europa betroffen sind. Die Adipositas-Community müsse lauter werden und vom schädlichen Narrativ nach dem Motto „weniger essen, mehr bewegen“ wegkommen, sagte Jacqueline Bowman-Busato in einem Interview mit EURACTIV.

Jacqueline Bowman-Busato ist Leiterin der Abteilung für EU-Politik bei EASO, der Europäischen Gesellschaft zum Studium der Adipositas, und Co-Leiterin des wissenschaftlichen Sekretariats der Arbeitsgruppe Adipositas des Europäischen Parlaments.

Kein einziges EU-Land ist auf einem guten Weg, das Ziel zu erreichen, die Fettleibigkeitsrate bis 2025 zu senken. Welche sind Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen oder Probleme? 

Viele Menschen glauben, dass sich Fettleibigkeit nur auf die Körpermasse beschränkt und dass es dabei allein darum ginge, ‚weniger zu essen und sich mehr zu bewegen.‘ Und das ist in der Tat eine ziemlich irrtümliche und schädliche Annahme seitens der Politik. Es ist einfach falsch. Es herrscht viel Unwissenheit und jedes Mal, wenn wir versuchen, dies zu korrigieren, werden die Stimmen lauter, die aus verschiedenen Gründen sagen: Nein, es ist in Ordnung, die vierthöchste, unabhängige Ursache für vorzeitige Sterblichkeit zu sein. Das ist die Haltung, mit der wir konfrontiert sind. Das ist furchtbar. Und ich sage immer zu meinen Kolleg:innen, sowohl zu den politischen Entscheidungsträger:innen im Europäischen Parlament als auch zu meinen Kollegen im EASO, dass die Adipositas-Community die höflichste und ruhigste von allen großen Krankheitsgemeinschaften ist.

Glauben Sie, dass die Adipositas-Community aus dem Beispiel anderer Gruppierungen Lehren ziehen kann, um „lauter“ zu werden?

Ich bin seit 1995 hier und ich erinnere mich noch an die Zeit, als Krebs nicht sexy war. Ich erinnere mich, dass Krebs damals geächtet wurde. Und dann begann die Krebsgemeinschaft, also alle verschiedenen Interessengruppen, ihre Ansichten in Einklang zu bringen, und sie fingen an, ihre Stimme zu erheben und ihre Aussagen mit Beweisen zu untermauern. Wir haben ebenfalls damit begonnen, allerdings sind wir 20 Jahre im Rückstand. Daran arbeiten wir also, und das ist schwierig. Es ist wirklich schwer, das zu tun.

COVID hat Gesundheitsfragen stärker in den Mittelpunkt gerückt, hat es auch der Adipositas-Community geholfen?

Die Corona-Pandemie hat uns einen kleinen Vorsprung verschafft. Wir erhielten Daten aus Studien über das biologische Risiko für Menschen mit schwerer Fettleibigkeit, die zeigten, dass [der Verlauf einer] Coronavirus[-Erkrankung] umso schwerer ist, je ausgeprägter die Fettleibigkeit ist. Es ging nicht um die Körpermasse, sondern um Entzündungen und ein geschwächtes Immunsystem, genau wie bei allen anderen gefährdeten Gruppen. Plötzlich mussten also alle innehalten: politische Entscheidungsträger:innen, Fachleute, die keine Adipositas-Spezialisten waren, und Menschen, die mit Fettleibigkeit leben, mussten ihre Erzählung überdenken und sagen: Aber Moment mal, das ergibt doch keinen Sinn.

Denn wir sind es gewohnt, über Ernährung und Bewegung zu sprechen, und plötzlich sprechen wir über Zytokinstürme – ein lebensbedrohliches systemisches Entzündungssyndrom mit erhöhten Spiegeln zirkulierender Zytokine und Hyperaktivierung von Immunzellen, die durch verschiedene Gesundheitszustände ausgelöst werden können. Wie passt das nun mit der individuellen Schuld, der persönlichen Verantwortung und der Zuckersteuer zusammen, die wir seit Jahrzehnten predigen? Dies war eine Art Heureka-Moment für die politischen Entscheidungsträger:innen in verschiedenen Bereichen der Institutionen. Sie erkannten, dass wir vielleicht einen neuen Ansatz brauchen und dass wir uns an der Wissenschaft orientieren müssen. Und vielleicht müssen wir auch damit beginnen, andere nicht-übertragbare Krankheiten zu bekämpfen, anstatt nur nach dem Motto ‚weniger essen, mehr bewegen‘ vorzugehen.

Sie haben sich den Bericht der Weltgesundheitsorganisation angesehen, der kürzlich veröffentlicht wurde. Was halten Sie davon?

Ich denke, dass dieser Bericht sehr hilfreich ist, da er den aktuellen Stand der Dinge aufzeigt. So gesehen ist es sinnvoll, eine aktuellere Ausgangsbasis zu haben, auf der man aufbauen kann, und dann weitere institutionelle, insbesondere institutionelle Dokumente auf EU-Ebene zu berücksichtigen, wie zum Beispiel den Bericht der Strategischen Vorausschau 2020, in dem Krebs und Fettleibigkeit ausdrücklich als die beiden nichtübertragbaren Krankheiten aufgeführt werden, die für gefährdete Bevölkerungsgruppen eine große Herausforderung darstellen. Bei Krebs wurde eindeutig viel unternommen, bei Adipositas, würde ich sagen, gar nichts. Für uns als Arbeitsgruppe des Europäischen Parlaments und für die Adipositas-Community im Allgemeinen ist dies also ein guter Ausgangspunkt. Es ist auch sehr ermutigend, dass die Mitgliedstaaten gesagt haben, wir brauchen Hilfe, dass so viel politischer Wille besteht, etwas gegen Fettleibigkeit zu unternehmen.

Von welcher Art von Hilfe ist hier die Rede?

Die Mitgliedstaaten wollen durchweg effizient und effektiv und multisektoral vorgehen. Womit sie aber offensichtlich kämpfen, ist die Frage, wie sie die Politik auf nationaler Ebene tatsächlich umsetzen können. Auf EU-Ebene können wir ein günstiges Umfeld schaffen. Sie sehen nämlich, dass viele politische Maßnahmen, die sich auf die gesundheitlichen Folgen von Adipositas auswirken, eigentlich keine gesundheitspolitischen Maßnahmen an sich sind. Sie wirken sich also nur auf die gesundheitlichen Folgen aus, und das ist es, was wir beziehungsweise die Abgeordneten des Europäischen Parlaments auf EU-Ebene in Betracht ziehen und was andere EU-Institutionen sowie die nationale Ebene ermutigen kann. Deshalb arbeiten sie viel mit nationalen Interessengruppen zusammen, um herauszufinden, was wohin gehört.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]

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