2022: Die Lehren aus der Pandemie in die Tat umsetzen

Die EU-Gesundheitsagenda ist im Jahr 2022 so umfangreich wie nie zuvor, von der Pandemiebekämpfung bis zum Aufbau der Europäischen Gesundheitsunion. [Shutterstock / Haris Mm]

Dieser Artikel ist Teil des special reports Was 2022 in der EU-Politik ansteht

In den letzten zwei Jahren hat COVID-19 viele Veränderungen im Leben der Europäer:innen, aber auch in der EU-Agenda angestoßen und dafür gesorgt, dass der Gesundheitsbereich weiter im Fokus bleibt.

Vom Aufbau der Europäischen Gesundheitsunion bis zur Bekämpfung antimikrobieller Resistenzen – all das steht 2022 an.

Alle Augen richten sich auf die neueste, hochgradig übertragbare Corona-Variante Omikron, die die Staats- und Regierungschefs der Welt dazu veranlasst hat, die Hygienemaßnahmen zu überdenken, und die gezeigt hat, dass die Impfkampagne allein nicht ausreicht.

Es ist auch eine Erinnerung daran, wie wichtig es ist, sich impfen zu lassen, um Mutationen zu vermeiden. „Niemand ist sicher, solange nicht alle sicher sind“ – der berühmte Slogan bewahrheitet sich einmal mehr.

Doch obwohl wir wissen, dass mehr Mutationen zu erwarten sind, je länger das Virus zirkuliert, haben nur 8 Prozent der Menschen in Ländern mit niedrigem Einkommen mindestens eine Dosis erhalten. Im Vergleich dazu ist diese Zahl in der EU mit 73 Prozent neunmal so hoch.

Um das Problem zu lösen, schlugen Südafrika und Indien der Welthandelsorganisation vor, die Rechte am geistigen Eigentum für Corona-Behandlungen und -Impfstoffe im Oktober 2020 auszusetzen, mit dem Argument, dass dies den Zugang zu Impfstoffen in ärmeren Ländern beschleunigen könnte.

Die TRIPS-Ausnahme sollte auf der WTO-Ministerkonferenz Ende November letzten Jahres diskutiert werden, wurde aber wegen der Verbreitung der neuen Variante verschoben.

Vielleicht ist 2022 das Jahr, in dem die laufende Diskussion endlich beendet werden kann. Es gibt jedoch Bedenken, dass eine Ausnahmeregelung für geistiges Eigentum ohne „Know-how“ und Technologietransfer die Probleme nicht lösen wird.

Neue Impfstoffe und Behandlungen  

In der Zwischenzeit wurde für diejenigen, die sich in der EU nicht impfen lassen wollen, der erste Impfstoff auf Proteinbasis, Novavax, kurz vor den Winterferien zugelassen.

Proteinbasierte Impfstoffe sind eine „viel traditionellere“ Impfstoffplattform, wie Adam Finn von der European Technical Advisory Group of Experts on Immunisation (ETAGE) und Lehrstuhlinhaber für Pädiatrie an der Universität Bristol gegenüber EURACTIV erklärte.

Man hofft, dass diese bewährte Technologie, die es seit fast 30 Jahren gibt, mehr Menschen dazu bewegen wird, sich impfen zu lassen.

Impfstoffe auf Proteinbasis haben einen weiteren Vorteil: Sie können bei höheren Temperaturen transportiert werden als mRNA-Impfstoffe, was ihre Kosten senkt und gleichzeitig die Zugänglichkeit verbessert.

Weitere Impfstoffe befinden sich derzeit in der Rolling-Review-Phase: Sputnik V, COVID-19 Vaccine (Vero Cell) Inactivated, Vidprevtyn und VLA2001. Das Rolling-Review-Verfahren ist ein von der EMA eingesetztes Instrument, um die Bewertung eines Medikaments oder Impfstoffs zu beschleunigen.

Doch während Impfstoffe eine entscheidende Rolle im Kampf gegen COVID-19 spielen, werden auch Therapeutika benötigt, um die Notwendigkeit von Krankenhausaufenthalten zu begrenzen, die Genesungszeiten zu verkürzen, die Sterblichkeit zu verringern und Long-COVID zu mildern.

Die im Mai 2021 verabschiedete Strategie der Europäischen Kommission für COVID-19-Therapeutika deckt den gesamten Lebenszyklus von Arzneimitteln ab – von der Forschung und Entwicklung über die Auswahl vielversprechender Kandidaten, die rasche Zulassung, die Herstellung und den Einsatz bis hin zur endgültigen Anwendung.

Sechs Therapeutika sind inzwischen in der EU zugelassen. Zwei Unternehmen haben Zulassungsanträge eingereicht und zwei weitere befinden sich derzeit in der Rolling-Review-Phase.

Aber natürlich geht es bei der Gesundheitsagenda nicht nur um COVID.

Pharmazeutika, in vitro, digitale Gesundheit

Die lang erwartete Initiative zur Überarbeitung des geltenden EU-Arzneimittelrechts soll laut dem Entwurf des Arbeitsprogramms der Kommission Ende 2022 vorgelegt werden.

Wie in ihrer 2020 vorgestellten pharmazeutischen Strategie hervorgehoben, möchte die Kommission ein neues System pharmazeutischer Anreize einführen, um Innovationen in Bereichen mit ungedecktem medizinischem Bedarf zu fördern, wie zum Beispiel bei neurodegenerativen und seltenen Krankheiten und Kinderkrebs.

Ein Beispiel für ungedeckten medizinischen Bedarf, der in dem Dokument erwähnt wird, ist die antimikrobielle Resistenz (AMR), die die Möglichkeiten der Ärzte zur Behandlung von Infektionskrankheiten und zur Durchführung von Routineoperationen einschränkt.

Wichtige Entwicklungen stehen bei den In-vitro-Diagnostika an, das heißt bei Tests, die an biologischen Proben durchgeführt werden, um den Gesundheitszustand einer Person zu bestimmen.

Die neue Verordnung über In-vitro-Diagnostika (IVD-Verordnung) soll ab dem 26. Mai 2022 gelten, aber die Kommission hat kürzlich eine „schrittweise Einführung“ empfohlen.

„Wir schlagen einen schrittweisen Ansatz vor, bei dem jedes Jahr mehr oder weniger eine neue Klasse eingeführt wird“, sagte Anna Eva Ampelas, Leiterin des Referats für Medizinprodukte und Gesundheitstechnologiebewertung in der Generaldirektion Gesundheit der Kommission, am 27. Oktober vor dem Gesundheitsausschuss des Europäischen Parlaments.

Ein weiterer wichtiger Punkt der politischen Agenda 2022 wird der Vorschlag sein, die Empfehlungen an die Mitgliedstaaten zur Krebsvorsorge zu aktualisieren, die sich derzeit auf Brust-, Darm- und Gebärmutterhalskrebs beschränken.

Ein lang erwarteter Legislativvorschlag zur Einrichtung eines Gesundheitsdatenraums soll ebenfalls 2022 angenommen werden.

Mit dem Vorschlag für den Gesundheitsdatenraum wird die EU-Exekutive versuchen, den Austausch von und den Zugang zu Gesundheitsdaten für verschiedene Anwendungsfälle zu vereinfachen, darunter Gesundheitsversorgung, digitale Gesundheitsdienste und Forschung.

Französische Ratspräsidentschaft

Frankreich wird in der ersten Hälfte des Jahres 2022 die EU-Ratspräsidentschaft innehaben, und Präsident Emmanuel Macron kündigte bei der Vorstellung der Prioritäten der Ratspräsidentschaft drei Herausforderungen im Gesundheitsbereich an.

Beginnend mit den Beziehungen zwischen der EU und Afrika sagte Macron, er werde die Rolle Europas als „Vorreiter“ betonen, um Afrika zu helfen, wo nur 6 Prozent der Bevölkerung geimpft sind. Macron möchte „eine wirkliche Gesundheitsagenda aufstellen, die darin besteht, viel schnellere und stärkere Strukturen für die Herstellung von Impfstoffen und ein System medizinischer Grundversorgung einzurichten“.

Macron möchte auch die lokale Produktion von Medikamenten und medizinischen Hilfsmitteln wie OP-Masken oder Atemschutzmasken in der EU stärken, was seiner Vision von einer strategischen Autonomie Europas entspricht. „Diese französische Präsidentschaft muss die Gelegenheit bieten, sich ein neues europäisches Modell vorzustellen, das ein Modell der Produktion, aber auch der Solidarität und der Regulierung ist“, sagte er.

Die dritte Priorität im Gesundheitsbereich ist die Entwicklung der digitalen Gesundheit.

Macron erwartet von der französischen Ratspräsidentschaft, „dass es uns gelingt, europäische Finanzmittel für unsere innovativsten Start-ups und digitalen Akteure zu erhalten, indem wir unsere institutionellen Anleger mobilisieren.“

Laut Macron sollten auch eine „echte gemeinsame Forschungsagentur und große Forschungspläne, zum Beispiel zur Alzheimer-Krankheit“ auf der Tagesordnung stehen.

[Bearbeitet von Gerardo Fortuna/Alice Taylor/Zoran Radosavljevic]

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