1,2 Millionen Todesfälle in Europa jährlich wegen Fettleibigkeit

Adipositas verursacht mindestens 13 verschiedene Krebsarten wie Brust-, Dickdarm-, Nieren-, Leber- und Eierstockkrebs. In der Europäischen Region der WHO werden jährlich 200.000 neue Krebsfälle mit Adipositas in Verbindung gebracht. [SHUTTERSTOCK/Africa Studio]

Laut einem neuen Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) führt Übergewicht jährlich zu 1,2 Millionen Todesfällen in Europa. Keines der EU-Länder ist auf einem guten Weg, die Verbreitung von Adipositas bis 2025 zu stoppen.

Adipositas ist eine komplexe, multifaktorielle Krankheit, von der laut WHO fast 60 Prozent der Erwachsenen und eines von drei Kindern betroffen sind. Sie wurde von der Europäischen Kommission im Jahr 2021 als chronische Krankheit eingestuft.

Kremlin Wickramasinghe, stellvertretende Leiterin des Bereichs Prävention und Bekämpfung nichtübertragbarer Krankheiten beim europäischen Büro der WHO, bezeichnete die Krise als „Adipositas-Tsunami“ und ruft dazu auf, die Welle mit allen Kräften zu stoppen.

Auf der Veranstaltung zur Vorstellung des Berichts am Dienstag (3. Mai) hob Francesco Branca, Direktor für Ernährung und Lebensmittelsicherheit bei der WHO, hervor, dass Fettleibigkeit nicht nur für nicht übertragbare Krankheiten verantwortlich sei, sondern auch das Risiko von Infektionskrankheiten erhöhe. Während der Pandemie hatten Menschen mit Adipositas ein um das Vierfache erhöhtes Risiko für schwere Komplikationen.

EU-Abgeordnete für einjährige Verlängerung des Corona-Zertifikats

Die EU-Abgeordneten unterstützten am Donnerstag (5. Mai) einen Vorschlag des Ausschusses für bürgerliche Freiheiten des EU-Parlaments, das digitale Corona-Zertifikat der EU, das diesen Sommer auslaufen würde, bis Juni 2023 zu verlängern. 

Einzelmaßnahmen

Derzeit ist kein Mitgliedstaat auf dem Weg, das EU-Ziel zu erreichen, den Anstieg der Adipositas bis 2025 zu stoppen, trotz politischer Maßnahmen und Aktionsplänen der WHO.

„Die Maßnahmen, die wir ergriffen haben, reichen nicht aus, um die Kurve zu korrigieren, sie steigt weiter an“, sagte Wickramasinghe. „Deshalb müssen wir unser Vorgehen wirklich ändern und neue Wege finden, um unsere Bemühungen zur Bekämpfung der Fettleibigkeit zu beschleunigen.“

Wickramasinghe wies darauf hin, dass es problematisch sei, wenn die Länder nur einzelne Maßnahmen einführten, während es sich um eine Krankheit „mit vielen Faktoren handelt, sodass eine einzelne Maßnahme nicht zu einer Verbesserung der Fettleibigkeit führen kann.“

Johanna Ralston, Geschäftsführerin der World Obesity Federation, sprach die Ursachen der Adipositas an und erklärte, dass sie immer wieder gefragt werde: „Worin besteht das Problem? Ist es eine Ernährungsfrage? Liegt es an der Genetik? Ist es klinisch? Ist es medizinisch bedingt? Ist es vererbbar? Ist es, Sie wissen schon, ein psychisches Problem?“

Sie antwortete: „In gewisser Weise treffen alle diese Punkte zu.“

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Europa wird immer dicker: Das Europäische Parlament hat Mitte April bessere Behandlungsmöglichkeiten und verstärkte Vorbeugung gegen Übergewicht angemahnt. Die durchschnittliche Adipositasrate in der EU ist seit 1975 um 161 Prozent gestiegen. EURACTIV Frankreich berichtet.

Anerkennung als nichtübertragbare Krankheit

Am 4. März veröffentlichte die interfraktionelle Arbeitsgruppe Adipositas des Europäischen Parlaments eine gemeinsame Erklärung, in der sie die verpflichtende Anerkennung der Adipositas als nichtübertragbare Krankheit sowie die Integration der entsprechenden Thematik in die Medizinausbildung im Rahmen der EU-Berufsanerkennungsrichtlinie fordert.

Die Einstufung von Fettleibigkeit als nichtübertragbare Krankheit im jüngsten WHO-Bericht „öffnet die Tür für die Begründung der dringenden Notwendigkeit, Fettleibigkeit in den NCD-Rahmen einzubeziehen“, sagte Jason Halford, Präsident der Europäischen Gesellschaft zum Studium der Adipositas (EASO).

Halford betonte die Notwendigkeit, einen formellen Rahmen für Frühdiagnose und -erkennung, Behandlung und langfristige Betreuung zu schaffen. „Es wird die professionelle Ausbildung und Tätigkeit neu gestalten, die für eine wirksame Behandlung von Menschen, die unter Fettleibigkeit leiden, erforderlich ist, und es wird auch dafür sorgen, dass diese Dienste mit angemessenen Ressourcen und Mitteln ausgestattet sind“, sagte er.

Jacqueline Bowman-Busato, die für die EU-Politik des EASO zuständig ist und das wissenschaftliche Sekretariat der Arbeitsgruppe Adipositas im Europäischen Parlament leitet, erklärte gegenüber EURACTIV, dass, solange nichts unternommen wird, die Fettleibigkeit weiterhin zu spät diagnostiziert werden werde.

Dies liege unter anderem daran, dass Adipositas bisher abhängig von der Körpergröße diagnostiziert werde, die sich erst im Erwachsenenalter endgültig zeigt, so Bowman-Busato.

„Viele Menschen denken, dass es bei Fettleibigkeit um die Größe geht und dass es darum geht, weniger zu essen und sich mehr zu bewegen. Und das stellt in der Tat eine völlig falsche und schädliche Behauptung der politischen Entscheidungsträger:innen dar“, fügte sie hinzu.

Die dänische Abgeordnete der Christdemokraten im Europäischen Parlament und Vorsitzende der Adipositas-Arbeitsgruppe, Pernille Weiss, forderte eine Erweiterung der Diagnoseinstrumente für Fettleibigkeit, „sodass wir uns nicht nur auf den Body-Mass-Index beschränken, sondern auch innovative Technologien zur Frühdiagnose und Behandlung einbeziehen, wie zum Beispiel Biomarker und psychische Gesundheitsuntersuchungen.“

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Zugang zu Pflege und Behandlung

In der EU sind die wichtigsten Initiativen zur Bekämpfung von Fettleibigkeit und zur Förderung gesunder Ernährung der europäische Plan zur Bekämpfung von Krebs sowie die „Farm-to-Fork“-Strategie. Darüber hinaus hat die Kommission im Dezember 2021 die Initiative Healthier Together gestartet, deren Schwerpunkt auf nichtübertragbaren Krankheiten liegt.

Adipositas fordert jedoch weiterhin einen hohen Zoll von den Gesundheitssystemen in ganz Europa.

Der WHO-Regionaldirektor für Europa, Hans Kluge, betonte, es sei unklar, „ob unsere Gesundheitssysteme in der Lage sind, darauf zu reagieren“, da die Zahl der Fälle zunehme.

„Wir müssen die Kapazitäten unseres Gesundheitspersonals stärken und ein effektives Management in die primären Gesundheitssysteme als Teil der allgemeinen Gesundheitsversorgung integrieren“, sagte er.

Branca unterstrich ebenfalls die Notwendigkeit einer primären Gesundheitsversorgung, die Maßnahmen zur Vorbeugung und Kontrolle von Fettleibigkeit ergreifen kann.

„Es ist inakzeptabel, dass dies als Aufgabe des Einzelnen betrachtet wird und nicht als Schlüsselelement des Hauptleistungspakets der Gesundheitsversorgung“, sagte er.

[Bearbeitet von Alice Taylor und Nathalie Weatherald]

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