Was ist Ihnen das Gemeinwohl wert?

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV Media network.

Eine positive Auswirkung könnte das Coronavirus haben: Wenn wir "wirklich gezwungen sind, schnell, angemessen und solidarisch zu reagieren." [EPA-EFE/PHILIPP GUELLAND]

Angesichts der rapiden Ausbreitung des Coronavirus müssen wir uns alle fragen, welche Mittel angebracht und/oder wünschenswert sind, um das Gemeinwohl und die öffentliche Gesundheit zu schützen, schreibt Claire Stam.  

Das Coronavirus verbreitet sich weiterhin sehr schnell. Und es zwingt uns alle, eine Realitätsprüfung vorzunehmen und der hässlichen Wahrheit ins Auge zu sehen. Es zwingt uns auch, unser Verhalten zum Wohle der Allgemeinheit anzupassen und zu ändern.

Denn genau um dieses Gemeinwohl geht es. Das ist es, was auf dem Spiel steht.

Eine aufrüttelnde, heftige Störung des Alltags ist eines der wenigen Dinge, die auch die größten Dickköpfe zum Handeln bewegen können, wie US-Präsident Donald Trump gestern Abend demonstrierte: Während er aktuell noch sein liebstes politisches Werkzeug einsetzt – die Vereinigten Staaten etwas mehr einzuigeln und die Europäische Union zum präferierten Sündenbock zu machen – wird er sich der hässlichen Wahrheit daheim in Amerika stellen müssen; eher früher als später.

Die USA sind eines der wenigen Länder in der Welt, die keine Bundesgesetzgebung für bezahlte Krankheitstage haben. Das bedeutet auch: Schlecht bezahlte Arbeitnehmende in der Dienstleistungsbranche können es sich schlichtweg nicht leisten, nicht zu arbeiten.

Derweil sind sie es, die am ehesten mit anderen Menschen in Kontakt kommen. Man denke nur an das Personal in Restaurants und Hotels – ganz zu schweigen von der ohnehin schwachen Infrastruktur im amerikanischen Gesundheitswesen.

Einige Menschen in den USA sind über ihren Arbeitgeber krankenversichert. Das ist beim Großteil der Schichtarbeiter aber nicht der Fall. Diejenigen, die nicht versichert sind, müssen den vollen – und hohen – Betrag für alle Gesundheitsausgaben aus eigener Tasche bezahlen. Dazu gehören eben auch Coronavirus-Tests.

Auf europäischer Seite verfällt man in solchen Fällen nicht selten in Schadenfreude über „die Amis“.

Das ist aktuell aber mehr als unangebracht. Denn das Coronavirus offenbart eine europäische Realität, die ebenfalls nicht schön anzusehen ist: Schulen ohne Seife oder Papierhandtücher sowie mit Toiletten in beklagenswertem hygienischen Zustand; schlecht ausgestattete Krankenhäuser; zu wenig Pflegepersonal, das darüber hinaus überlastet ist – und sich dennoch mit viel Einsatz voll und ganz seinen Aufgaben widmet.

Ein gutes Beispiel für diese missliche Lage gab es kürzlich in Frankreich, wo François Salachas, ein Neurologe im Krankenhaus Pitié-Salpêtrière, dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron versicherte, letzterer könne immer auf das medizinische Personal des Landes zählen. Das Gegenteil sei hingegen „noch zu beweisen“.

Erst gestern forderte der Europäische Gewerkschaftsbund bezahlte Krankheitstage für alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in ganz Europa, „da das Coronavirus eine ernste Gefahr für die öffentliche Gesundheit darstellt, die auch von den Kürzungen der Mitgliedsstaaten bei der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall ausgeht“.

Der Gewerkschaftsbund zitierte dabei Statistiken der EU-Kommission, die zeigen, dass die  große Mehrheit der Mitgliedsstaaten die Ausgaben für derartige Krankengeldzahlungen seit der Finanzkrise 2008 reduziert hat.

Zweiundzwanzig EU-Staaten gaben in den fünf Jahren nach der Finanzkrise weniger pro Person für Krankengelder aus als in den fünf Jahren vor der Krise. Die größten Einschnitte gab es in den Ländern, die auch am stärksten von Austeritätsmaßnahmen betroffen waren: Griechenland (-7,2 Prozent pro Jahr), Spanien (-2,3 Prozent), Zypern (-1,9 Prozent), Irland (-0,9 Prozent) und Italien (-0,5 Prozent).

Jetzt, da unsere persönliche Gesundheit (und offenbar auch unsere Geldbeutel) unmittelbar bedroht sind, würde es einer wirklich positiven Entwicklung aus der Coronavirus-Krise am nächsten kommen, wenn die BürgerInnen und Regierungen wirklich gezwungen sind, schnell, angemessen und solidarisch zu reagieren.

Zum Wohle der Allgemeinheit, zum Wohle der Menschen. Und nicht nur zum Wohle der Wirtschaft.

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