Zahl der Städte mit schlechter Luft hat sich 2019 mehr als halbiert

München war im vergangenen Jahr die Stadt mit der stärksten Luftverschmutzung in Deutschland. Insgesamt sieht die Lage aber zunehmend besser aus. [BAHDANOVICH ALENA / Shutterstock]

Die deutsche Luft wird besser: Im vergangenen Jahr haben nur noch 25 statt 57 Städte die Grenzwerte für Stickstoffdioxid überschritten. Doch Experten warnen vor Kurzzeit-Effekten und möchten die Corona-Pandemie nutzen, den Verkehr umzuplanen.

Die Luft in deutschen Städten wird zunehmend besser – ganz unabhängig von den Einschränkungen der Corona-Pandemie. Das geht aus den offiziellen Zahlen des Umweltbundesamtes (UBA) für das Jahr 2019 hervor, die gestern am 09. Juni veröffentlicht worden sind. Demnach überschreiten noch 25 Städte den vorgegebenen Grenzwert für Stickstoffdioxid (NO2). Im Jahr zuvor waren es  mit 57 Städten noch mehr als doppelt so viele gewesen. Die Städte mit der schlechtesten Luft waren im Jahresdurchschnitt München, Darmstadt und Stuttgart.

Für das Jahr 2020 liegen noch keine belastbaren Zahlen vor, erste Messungen zeigten während der geltenden Ausgangssperre allerdings einen Rückgang der NO2-Belastungen um bis zu 40 Prozent. In vielen Großstädten war der Verkehr um 30 bis 50 Prozent weniger geworden.

Im Gegensatz dazu ist die Verbesserung der Luftqualität im Jahr 2019 vor allem politischen Maßnahmen zu verdanken, schlussfolgert das UBA. Dazu gehören Tempolimits und Fahrverbote wie in den Umweltzonen, die es inzwischen in 58 deutschen Städten gibt, aber auch die technische Verbesserung von Fahrzeugen und der verstärkte Einsatz von Elektrobussen im ÖPNV.

UBA-Präsident Dirk Messner betonte, dass es der richtige Moment sei, nun das Mobilitätsverhalten der Menschen zu ändern: „Diese positive Erkenntnis sollten wir unbedingt als weiteren Anlass für eine langfristige Verkehrswende aus dieser Krise mitnehmen.“ Seit den Lockerungen der Ausgangssperren hat der Verkehr in vielen europäischen Städten wieder schnell zugenommen, da viele Menschen noch immer Bus und Bahn meiden und stattdessen mit dem Auto fahren.

Internationales Städtebündnis will gegen Luftverschmutzung vorgehen

35 Städte haben sich der Verbesserung ihrer Luftwerte verschrieben. Bis 2030 wollen sie zahlreiche Maßnahmen unternehmen, um jährlich 40.000 Todesfälle zu verhindern. In der EU überschreiten Staaten und Regionen immer wieder die erlaubten Grenzwerte.

Paris sagt den Autos den Kampf an

Auch wenn die Belastung mit Feinstaub und Stickstoffdioxid sehr wetterabhängig ist und sich daher nur sehr bedingt eine längere Prognose machen lässt, hat die Corona-Pandemie an vielen Orten der Welt die Luft kurzzeitig deutlich verbessert. In China ging die Stickstoffdioxid-Konzentrationen im Februar um 10 bis 30 Prozent zurück.

Auch in Europa zeigten Aufnahmen eines Copernicus-Satelliten deutlich klarere Luftbilder, vor allem über Mailand, Paris und Madrid. Das französische Institut für industrielle Umwelt und Risiken (INERIS) gibt an, dass in Frankreichs Großstädten die Stickstoffdioxid-Belastung um 49 Prozent und der Feinstaub um 10 bis 12 Prozent abgenommen hatten. Paris hatte, wie einige andere Europäische Städte, die neuen Umstände zum Anlass genommen, weitere Maßnahmen gegen Autos in Innenstädten voranzubringen. So plant die Stadt, 300 Millionen Euro in neue Radwege mit einer Gesamtlänge von 680 Kilometern zu investieren und sperrte die traditionell stark befahrene Rue de Rivoli, die Paris von Ost nach West durchquert und vor dem Rathaus und dem Louvre verläuft, für Autos. In Zukunft wünscht sich die Pariser Bürgermeisterin sogar eine Halbierung des Autoverkehrs in der Innenstadt. So sollen an einigen Tagen nur Autos mit geraden Kennzahlen fahren dürfen, an anderen Tagen jene mit ungeraden.

Auch Präsident Emmanuel Macron hat sich für eine Mobilitätswende ausgesprochen: „Wenn wir diese Krise überwunden haben, werden die Menschen es nicht länger akzeptieren, schmutzige Luft einzuatmen“, sagte er jüngst.

Wird COVID-19 zum Triumph des Fahrrads?

Ausgangssperren haben den Verkehr in vielen Städten in den vergangenen Wochen lahmgelegt. Diese nutzen die Gelegenheit, die Revolution des Fahrrads voranzutreiben und Autos aus ihren Innenstädten zu verbannen. Ein Vergleich zwischen Paris, Brüssel und Berlin.

Deutsche Umwelthilfe verklagt Bundesregierung

Obwohl die Luftqualität europäischen Standards unterliegt – festgehalten in der sogenannten NEC-Richtlinie – übertreffen einige Mitgliedstaaten seit Jahren die Grenzwerte. 2018 verklagte die EU-Kommission deshalb sechs Länder, darunter Deutschland und Frankreich, da sie keine ausreichenden Maßnahmen ergreifen würden, um die Luftqualität zu verbessern.

In Deutschland soll das nationale Luftreinhalteprogramm die NEC-Richtlinie der EU umsetzen, doch Umweltschützern zufolge ist das Programm zu lasch. Von einem eindrucksvollen „Kniefall vor den Industriekonzernen“ spricht Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe mit Blick auf die deutschen Vorgaben. Das Luftreinhalteprogramm erschöpfe sich weitgehend in vagen Annahmen, ohne einen zeitlichen Horizont oder feste Zuständigkeiten zu benennen. In einer gemeinsamen Klage mit der NGO ClientEarth hatte die Deutsche Umwelthilfe am 20. Mai Klage gegen die Bundesregierung vor dem Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg eingereicht mit dem Ziel, das Luftreinhalteprogramm nachzuschärfen.

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