Weltgesundheitsversammlung: Was kommt nach der Ausrottung des Polio-Virus?

Die Weltgesundheitsorganisation in Genf. [shutterstock/Michel Passet]

Die bevorstehende 70. Welt­­gesund­­­heits­­­ver­­samm­­lung fällt zu­­sammen mit einem mög­­lichen großen Erfolg: der welt­­weiten Aus­­rottung des Polio­­myelitis-Virus, der Kinder­­lähmung (Polio) hervorrufen kann. Das Ende des Polio-Programms stellt die Welt­­gesund­­heits­­orga­­ni­­sation jedoch auch vor ge­­wichtige Zukunfts­­fragen. Eine Analyse.

Im Jahr 2018 wurden nur noch zwölf Fälle von Kinderlähmung gemeldet, vor allem aus der Grenzregion zwischen Afghanistan und Pakistan und der Demokratischen Republik Kongo. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist zuversichtlich, dass Polio in naher Zukunft weltweit ausgerottet sein wird. Sie muss jetzt aber auch Strategien und Finanzierungsmechanismen entwickeln, um ihr erfahrenes Personal weiterhin beschäftigen zu können. Und sie muss betroffenen Ländern Wege aufzeigen, wie die Impfprogramme und Überwachungssysteme für andere Infektionskrankheiten zu bewahren sind.

Denkbare negative Auswirkungen des Erfolgs

Die Initiative zur Ausrottung der Kinderlähmung ist seit vielen Jahren eines der WHO-Gesundheitsprogramme, welches finanziell am besten ausgestattet ist. Ungefähr ein Fünftel des WHO-Budgets fließt in dieses Programm. Der Großteil dieser Finanzierung kommt aus freiwilligen Beiträgen der 194 WHO-Mitgliedsstaaten und von nichtstaatlichen Organisationen wie Rotary International. Diese Mittel stärken auch die nationalen Gesundheitsinfrastrukturen. In mindestens zwanzig Entwicklungsländern (überwiegend in der afrikanischen und der östlichen Mittelmeerregion) wird im Rahmen der Polioimpfprogramme beispielsweise auch gegen andere Erkrankungen geimpft und ein Überwachungssystem auch für andere Infektionskrankheiten aufgebaut. Außerdem werden ca. 770 festangestellte WHO-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und mehr als 2700 Vertragskräfte aus dem Polio-Budget bezahlt. In der WHO-Region Afrika sind dies etwa ein Drittel aller WHO-Angestellten. Mit der erfolgreichen Ausrottung der Kinderlähmung droht sowohl das Ende anderer wichtiger Gesundheitsprogramme als auch die Kündigung für erfahrenes WHO-Personal.

Die Weltgesundheitsversammlung (21.-26. Mai 2018) beginnt nun mit der Ungewissheit, ob die freiwilligen Beiträge nach der erfolgreichen Polioausrottung weiterhin gezahlt werden und wenn ja, ob diese Mittel überhaupt im Gesundheitssektor bleiben. Deutschlands Beitrag zur Polioausrottung beispielsweise stammt nicht vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG), welches üblicherweise für die Beiträge für die WHO zuständig ist, sondern vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Es ist denkbar, dass dieser Beitrag künftig etwa für Bildung und nicht Gesundheit eingeplant wird. Eine solche Umleitung der Mittel würde die Gesundheitsinfrastruktur vieler ärmerer Länder massiv schwächen.

Das Ende des Polio-Programms stellt die WHO vor Zukunftsfragen, die den Kern ihres Mandats betreffen. Soll die WHO nunmehr gar die Verantwortung dafür übernehmen, nationale Gesundheitssysteme aufrechtzuerhalten? Das wäre ein weit gehender Wechsel, da diese Verantwortlichkeit bislang bei den Nationalstaaten liegt. Wenn die Antwort angesichts der großen Herausforderungen „ja“ lauten sollte: Ist diese neue Verantwortung nur auf Länder begrenzt, die jüngst noch Fälle von Kinderlähmung berichteten, oder soll sie auf alle Länder mit schwachen Gesundheitssystemen erweitert werden?

Vorausschauende oder Notlösungen

Die Weltgesundheitsversammlung muss diese Fragen dringend beantworten. Andernfalls könnte sich die WHO gezwungen sehen, einen weiteren Krankheitserreger zur Ausrottung oder eine andere Gesundheitsgefahr Vorzug zu geben, um Mittel zur Stärkung schwacher Gesundheitssysteme zu mobilisieren. Dann wäre das neue Ausrottungsprogramm nicht das Resultat einer durchdachten und wissenschaftlich belegten Entscheidung, sondern lediglich eine Notlösung, um schwache Gesundheitssystemen am Laufen zu halten.

Eine vorausschauende Lösung hat die WHO bereits vorgeschlagen. So sollen Beitrage langfristig in Maßnahmen im Rahmen des WHO-Notfallprogramms fließen, die Gesundheitssysteme stärken. Die deutsche Politik muss entscheiden, welches Ressort in Zukunft für welche Anteile der WHO-Finanzierung verantwortlich ist. Dabei sollte der Beitrag für das Polio-Programm über die Übergangsphase hinaus aufrechterhalten und anschließend in das WHO-Notfallprogramm eingezahlt werden. Gleichzeitig müssen auch andere Länder von dieser Notwendigkeit überzeugen werden.

Schließlich sollte Deutschland, wie auch eine Reihe anderer Staaten, das von der WHO geforderte Ziel erreichen, 0,1% seines Bruttonationaleinkommens für gesundheitsbezogene Entwicklungshilfe zu investieren. Das trägt dazu bei, fragile und gefährdete Staaten beim Aufbau ihrer nationalen Gesundheitssysteme zu unterstützen und neben Polio in der Zukunft auch andere folgenschwere Krankheiten unter Kontrolle zu bringen.

Maike Voss, ist Wissenschaftlerin in der Forschungsgruppe „Globale Fragen“ der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), Prof. Dr. Oliver Razum ist Dekan der Fakultät für Gesundheitswissenschaften an der Universität Bielefeld. Die SWP berät Bundestag und Bundesrat in Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik. Der Beitrag erschien auf der Website der Stiftung in der Rubrik „kurz gesagt„. 

Hintergrund

Die Weltgesundheitsversammlung (WHA, World Health Assembly) ist das höchste Entscheidungsgremium der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und tritt jedes Jahr in Genf zusammen. Für ihre thematischen Schwerpunkte verabschiedet die WHA Resolutionen und setzt somit globale Strategierahmen.

Die 70. Weltgesundheitsversammlung fand vom 22. bis 31. Mai 2017 statt. Dort wurde Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus als Nachfolger von Dr. Margaret Chan zum Generaldirektor der WHO gewählt. Bei der 70. Weltgesundheitsversammlung diskutierten mehr als 4.000 Delegierte auf der Grundlage von 69 Berichten über die Rekordanzahl von 81 Tagesordnungspunkten.

Mit der Verabschiedung des Globalen Aktionsplans der WHO haben sich die WHO-Mitgliedstaaten 2015 verpflichtet, Nationale Aktionspläne zu entwickeln. Mit der Deutschen Antibiotika-Resistenzstrategie (DART 2020) ist Deutschland hier vorangegangen und unterstützt die Umsetzung des Globalen Aktionsplans.

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