Welche Folgen haben die steigenden Corona-Neuinfektionen?

Corona-Teststation am Hauptbahnhof in Berlin. [EPA-EFE/FILIP SINGER]

Die Zahl der Corona-Neuinfektionen in Deutschland ist in den vergangenen Tagen erheblich gestiegen.

Welche Erklärungen gibt es dafür und welche Konsequenzen hat das? Ein Fragenkatalog:

WIE GEFÄHRLICH IST DER ANSTIEG – FÜR DIE GESUNDHEITSÄMTER?

RKI-Vize Lars Schaade sagte, dass die Gesundheitsämter auch Neuinfektions-Zahlen von 1707 wie am Donnerstag gut bewältigen könnten. Zum einen seien die Zahlen im Frühjahr mit über 6000 Neuinfektionen am Tag viel größer gewesen. Zum anderen seien die Gesundheitsämter heute viel besser personell ausgerüstet, um Infektionsketten nachzuverfolgen. Das RKI verfügt zudem noch über eine Eingreifreserve an Personal, die von überforderten Gesundheitsämtern angefordert werden kann. Schaade nannte keinen Schwellewert, ab dem die Gesundheitsämter überfordert sein könnten. Die Corona-Warn-App mit rund 17 Millionen Nutzern gilt als weiteres Hilfsmittel, um Infektionsketten erkennen und unterbrechen zu können.

WIE GEFÄHRLICH IST DER ANSTIEG – FÜR DAS GESUNDHEITSSYSTEM?

Die Bundesregierung und die Landesregierungen betonen, dass das deutsche Gesundheitssystem derzeit nicht überfordert sei. Die Krankenhäuser haben ihre Kapazitäten für die Behandlung von Corona-Kranken – mit finanzieller Unterstützung des Bundes – erheblich ausgebaut. Außerdem war die Zahl der aktiv Corona-Erkrankten in den vergangenen Monaten erheblich gesunken. Was das für das Gesundheitssystem bedeutet, zeigt eine Zahl aus Nordrhein-Westfalen: Dort befanden sich am Mittwoch 337 Infizierte in stationärer Behandlung, 107 wurden intensivmedizinisch betreut, 54 beamtet. Zum Vergleich: Mitte April waren noch 2100 Patienten in stationärer Behandlung, 700 auf der Intensivstation und 550 wurden beamtet.

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WARUM STEIGT DIE ZAHL DER CORONA-TOTEN NICHT AUCH DRASTISCH?

Das Robert Koch Institut erklärt dies vor allem mit dem niedrigeren Durchschnittsalter der Infizierten, das zuletzt von 50 auf 32 Jahre gesunken ist. Unter den Neuinfizierten sind also wesentlich mehr jüngere Patienten. Diese zeigen im Schnitt weniger schwere Krankheitsverläufe oder weisen gar keine Symptome auf. Allerdings gebe es auch unter ihnen schwere Erkrankungen bis hin zum Todesfall, warnt das RKI. Verbesserte Behandlungsmethoden hält das RKI für einen weniger entscheidenden Grund für die geringeren Todeszahlen. Denn es gebe weiter keine Medikamente zu Heilung einer Corona-Infektion. Das RKI warnt zudem vor Fehlschlüssen: Die Zahl der Toten könne in den folgenden Wochen sehr wohl steigen – zeitverzögert, weil sich der Verlauf der Erkrankung bei Neuinfizierten teilweise erst innerhalb von Wochen dramatisch entwickele.

STEIGT DIE ANZAHL DER NEUINFIZIERTEN DURCH MEHR TESTS?

Seit der Einführung der obligatorischen Tests für Rückkehrer aus Risikogebieten ist die Zahl der Testungen in Deutschland drastisch gestiegen. So melden beispielsweise die kassenärztlichen Vereinigungen Nordrhein und Westfalen-Lippe, dass die Zahlen von der 31. bis zu 32. Kalenderwoche um fast 50 Prozent zunahm. Es werden in den Bundesländern aber nicht nur mehr Rückkehrer getestet. Auch das Personal von Medizin- oder Pflegeeinrichtungen, Schulen oder etwa der Fleischindustrie wird nun regelmäßig und systematisch auf Corona untersucht. Deshalb gelten vermehrte Tests als ein Grund für den Anstieg der Neuinfektionen – aber nicht der dominierende.

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WIE ERKLÄRT SICH DER ANSTIEG DANN?

Das Gesundheitsministerium und das RKI nennen vor allem zwei Gründe – die vermehrte Reisetätigkeit und die Ansteckung bei Großveranstaltungen oder Familienfeiern. Nach Angaben des RKI sind 39 Prozent der Neuinfektionen bei Rückkehrern aus dem Ausland festgestellt worden. Dabei liegen die aus dem Kosovo und der Türkei deutlich an der Spitze – bundesweit machen sie rund 20 Prozent der Infizierten aus, in Nordrhein-Westfalen sogar mehr als 50 Prozent. Bei dem Bund-Länder-Spitzentreffen kommende Woche soll deshalb sowohl über den Umgang mit Reisenden als auch über mögliche bundesweit geltenden Obergrenzen oder Auflagen für Veranstaltungen geredet werden. In Bund und Ländern gibt es die Hoffnung, dass die Zahl der Neuinfektionen durch Reiserückkehrer wieder sinkt, wenn die klassische Urlaubssaison beendet ist.

IST DIE EINTEILUNG DER RISIKOLÄNDER FAIR?

Die Bundesregierung betont, dass die Risikoeinschätzung durch das RKI und bei den Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes möglichst objektiven Kriterien entspreche. Dazu wird wie in Deutschland ein täglicher Wert von mehr als 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner über sieben Tage als Schwelle festgelegt. Allerdings sind zwei Punkte umstritten: Auf Mallorca etwa sind die Fallzahlen in der Hauptstadt Palma hoch, im anderen Gebieten aber niedriger. Die Regierung begründet die pauschale Risikoeinschätzung für die Insel damit, dass eine Differenzierung schwer sei, wo welcher Reisender war – was wichtig für Quarantäne- und Test-Auflagen der Rückkehrer ist.

Der zweite strittige Punkt ist die Unterscheidung zwischen Reisenden aus familiären Gründen und Touristen. Tatsächlich weisen die Zahlen des RKI und des nordrhein-westfälischen Gesundheitsministeriums darauf hin, dass es hier deutliche Unterschiede gibt. So gehen in Nordrhein-Westfalen vom 1. Juli bis 16. August mehr als 50 Prozent der Neuinfektionen auf Rückkehrer aus dem Kosovo und der Türkei zurück, wo viele Reisende wohl Verwandte besucht haben. Klassische Urlaubsregionen tragen bis auf einige Hotspots in Kroatien oder Bulgarien wesentlich weniger zu Neuinfektionen bei. Bei diesen Hotspots geht es in erster Linie um Orte, an denen jüngere Touristen Partys feiern. Die Reisebranche fordert deshalb Lockerungen für den “normalen” Tourismus.

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KOMMEN NEUE VERSCHÄRFUNGEN ODER LOCKERUNGEN?

Die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten der Länder wollen vor allem über eine Vereinheitlichung der Regelungen etwa für Veranstaltungen sprechen. Je nachdem, wie großzügig oder streng die Vorschriften in einzelnen Ländern waren, könnte es bei einheitlichen Grenzwerten für Familienfeiern oder etwa Sportveranstaltungen also Veränderungen in beide Richtungen geben. Angela Merkel betont, dass eine konsequente Umsetzung der bereits bestehenden Auflagen und Maßnahmen neue Verschärfungen abwenden könnten. Dazu könnte die Ausweitung und Umsetzung von Bußgeldvorschriften dienen, aber auch innovativere Konzepte etwa für Raumbelüftungen.

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