Was tun gegen die zu geringe Impfbereitschaft?

Von der Corona-Impfung sind noch längst nicht alle überzeugt. Darum werden verschiedene Maßnahmen diskutiert, um Vertrauen für den Impfstoff herzustellen. [EPA-EFE/CRISTOBAL HERRERA-ULASHKEVICH]

Eine Dosis Unsicherheit: Impfen ist der Weg aus der Pandemie – aber viele zögern. Die Zurückhaltung von Ärzten und Pflegern verwundert. Wie können die Zweifel beseitigt werden?

Dies ist ein Artikel von EURACTIVs Medienpartner Der Tagesspiegel.

Im Kanzleramt sind sie so besorgt wie selten in dieser Pandemie. Der Grund: Die hoch ansteckende Virus-Mutation B 117. Fassungslos wird zudem auf die Lage in Irland geblickt. Dort ist die Sieben-Tages-Inzidenz von 40 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner Mitte Dezember auf 942 explodiert. Offenbar auch, weil über Weihnachten zu früh gelockert wurde.

Der Schluss für Kanzlerin Angela Merkel und Kanzleramtschef Helge Braun (beide CDU) ist klar: Es darf keineswegs zu früh gelockert werden. Dem Impfen kommt jetzt eine noch größere Bedeutung zu. Doch trotz weiterer Bestellungen und zusätzlichen Produktionskapazitäten wird es im ersten Quartal nicht genügend Impfstoff geben. Politiker sorgen sich zudem über eine zu geringe Impfbereitschaft der Bürger. CSU-Chef Markus Söder lässt eine alte Debatte wiederaufleben.

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Was bereitet Sorge?

Vor allem unter dem Personal in Pflege- und Altenheimen gibt es viele, die sich nicht impfen lassen wollen. In Thüringen ist nur ein Drittel der Beschäftigten in Kliniken und Pflegeheimen bereit für den Piks. „Jeder möge in sich gehen“, appellierte Ministerpräsident Bodo Ramelow, „dieser Impfstoff ist ein Schutz für Leib und Leben.“ Immer wieder wird vor allem aus Pflegeheimen berichtet, dass die Impfskepsis unter den Helfern hoch sei.

Bayerns Ministerpräsident Söder kritisiert Falschmeldungen, die rund ums Impfen zuhauf durchs Internet geistern. Er schlägt nun eine partielle Impfpflicht vor: für Pflegekräfte.

Sein Vorstoß stößt jedoch auf weitgehende Ablehnung. „Die Diskussion über einen Impfzwang für bestimmte Berufsgruppen bringt uns keinen Schritt weiter“, sagte Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil. Jetzt über einen Impfzwang zu räsonieren, löse mehr Misstrauen als Impfbereitschaft aus. Die Kanzlerin ist bei einer Impfpflicht ebenfalls skeptisch.

Woher kommt die Impfskepsis?

Der Angstforscher Borwin Bandelow von der Uni Göttingen erklärt die Zurückhaltung vieler Menschen folgendermaßen: Immer dann, wenn eine neue, bedrohliche Situation eintrete, die wir als unbeherrschbar einschätzen, übernehme das „Angstgehirn“, sagt er. Im Gegensatz zu unserem „Vernunftgehirn“ könne das Angstgehirn Fakten, Zahlen und Statistiken nicht verarbeiten.

Zu Anfang der Coronakrise hätten deshalb viele Menschen unvernünftige Dinge getan; etwa Toilettenpapier oder Mehl gehamstert. Nach vier Wochen ungefähr habe man sich an eine neue Gefahr gewöhnt. „Die Menschen können realistischer einschätzen, wie groß ihr Risiko ist, an Corona zu erkranken“, sagt Bandelow. Jetzt werde die Impfung als die neue Gefahr wahrgenommen. „Es ist vielen Leuten unheimlich, dass ihnen da was gespritzt wird, was sie nicht verstehen.“

Dass man an die Corona-Gefahr gewöhnt sei, an die Impfung aber nicht, führe bei manchem zu einer völlig falschen Risikoabschätzung. „Das Risiko, an Corona zu versterben, ist ganz erheblich. Das Risiko an der Corona-Impfung zu sterben, ist praktisch gleich null“, sagt Bandelow.

Noch etwas spielt eine Rolle: Verschwörungserzählungen und Fake News hätten besonders leichtes Spiel, wenn das Angstgehirn aktiv sei, sagt Bandelow. So berichten Hausärzte davon, dass ihre Patienten mit hanebüchenen Fehlinformationen über die Impfung in die Praxis kämen. Dabei gebe wohl kaum ein Medikament, das so gut untersucht sei, wie der Biontech-Impfstoff, erklärt Experte Bandelow. „Und doch haben einige jetzt mehr Angst vor der Impfung als vor Corona.“

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Welche Folgen haben die Zweifel?

Die Impfbereitschaft liegt derzeit deutlich niedriger als noch vor einem Dreivierteljahr. Gut verfolgen lässt sich die Entwicklung im „Cosmo Covid-19 Snapshot Monitoring“, in dem regelmäßig die Impfbereitschaft abgefragt wird. Vergangenen April wollten sich 79 Prozent impfen lassen, seither ist die Bereitschaft kontinuierlich gesunken. Anfang Dezember 2020 waren es nur noch 48 Prozent. Ende Dezember gab es allerdings eine Trendwende: Zum Start der Impfkampagne zeigen sich 57 Prozent der Befragten offen für eine Impfung.

Cornelia Betsch, Professorin für Gesundheitskommunikation an der Uni Erfurt, erklärt den Abfall der Impfbereitschaft nach April damit, dass damals die Impfung noch in weiter Ferne lag und die Menschen sich wenig Gedanken über mögliche Risiken machten. Nun rückt die Impfung näher und somit bei vielen die Bedenken stärker in den Fokus.

Interessant an den Cosmo-Daten ist, dass die Impfbereitschaft bei Menschen in medizinischen Berufen lange Zeit deutlich niedriger war als bei anderen. Auf einer Skala von eins (auf keinen Fall impfen) bis sieben (auf jeden Fall impfen) lag Mitte Dezember die durchschnittliche Impfbereitschaft von Menschen aus medizinischen Berufen bei 3,84. Bei Menschen aus nicht-medizinischen Berufen dagegen bei 4,23. Mittlerweile nähern sich die Werte aber an.

Wie reagiert die Politik?

Die Bundesregierung will es mit Werben um Vertrauen, Informationen zu den Wirkstoffen, dem Verweis auf Impferfolge und ausbleibende Nebenwirkungen schaffen, die Zahl der Impfwilligen zu erhöhen. Angestrebt wird, dass sich 65 bis 70 Prozent der Deutschen impfen lassen, das wären bis zu 58 Millionen. Dann gilt eine Corona-Herdenimmunität als ziemlich sicher erreicht.

Ministerpräsident Söder fordert, dass die Spitzen des Staates und der Bundesländer sowie andere Personen des öffentlichen Lebens als Vorbilder mit gutem Beispiel vorangehen und sich öffentlich impfen lassen. Doch Merkel ist anderer Meinung. Sie betont, dass sie sich dann impfen lasse, wenn sie dran sei.

Zugleich gibt es weiter Kritik an der Priorisierung von Impfgruppen. Gesundheitsminister Spahn hätte diese nicht per Verordnung festlegen dürfen, befindet die Staatsrechtlerin Anna Leisner-Egensperger von der Uni Jena in einer Stellungnahme für den Gesundheitsausschuss des Bundestags. „Diese Vorschriften sind daher rechtswidrig und damit nichtig. Sie dürfen von den Behörden nicht angewendet werden und müssen von den Bürgern nicht beachtet werden.“ Weiterer Streitpunkt ist, ob die Bürger den Impfstoff, sofern ausreichend vorhanden, künftig frei wählen können. Spahn lehnt dies bisher ab.

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Wird es Sonderrechte für Geimpfte geben, damit mehr Menschen sich impfen lassen?

Die Debatte wird an Fahrt gewinnen. Wer die Impfung bekommen hat, will auch wieder seine alte Freiheit zurück, zum Beispiel beim Reisen. So hat die Landesregierung in Sachsen-Anhalt am 8. Januar beschlossen, dass wer eine abgeschlossene, mindestens zwei Wochen alte Corona-Schutzimpfung nachweisen kann, von der Quarantänepflicht nach der Rückkehr aus einem Risikogebiet ausgenommen sei. Man beruft sich da auf eine Muster-Quarantäne-Verordnung des Bundes – da Sonderwege vermieden werden sollen, wird das aber womöglich noch angepasst. Es gibt zudem wenig Handhabe, wenn Clubbesitzer oder Fluglinien Impfnachweise verlangen.

Wie lässt sich die Impfbereitschaft steigern?

Die Experten von der Uni Erfurt sehen vor allem einen Bedarf an vertrauensbildenden Maßnahmen. Eine regelmäßige, transparente Aufklärung über den Stand der Entwicklung und die Arten der neu entwickelten Impfstoffe könnten helfen, das Vertrauen zu stärken. Am größten sei das Bedürfnis nach Informationen über potenzielle Nebenwirkungen der Impfung.

Sinnvoll wäre aus Sicht von Experte Bandelow zudem, mit der Werbung für das Impfen auch das Belohnungssystem anzusprechen. „Man könnte etwa Menschen zeigen, die geimpft sind und wieder mit Freunden feiern können oder Urlaub machen.“ Appelle an die Bürgerpflicht oder die Drohung mit einer Impfpflicht hält Bandelow dagegen für kontraproduktiv. „Bei denen, die skeptisch sind, erhöht sich dadurch nur der Widerstand.“

Es sei immer besser, Menschen zu überzeugen, anstatt ihnen Angst zu machen und zu sagen: „Wenn du dich nicht impfen lässt, passiert das und das.“ Für hilfreich halten es Experten zudem, wenn sich Prominente und Politiker öffentlichkeitswirksam impfen lassen – insofern sie an der Reihe sind. „Das kann anderen ein Stück weit die Angst nehmen“, sagt Bandelow.

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Wie wollen die Pflegeheime die Impfskepsis bei ihren Pflegekräften bekämpfen?

Angesichts der vergleichsweise geringen Bereitschaft vieler Pflegekräfte, sich immunisieren zu lassen, wollen Betreiber von Pflegeheimen verstärkt aufklären. In den zwei Berliner Pflegeheimen der Renafan-Gruppe wollen sich rund zwei Drittel der Mitarbeitenden impfen lassen, sagt Sprecherin Christina Brandt. „Am anderen Drittel sind wir dran und überzeugt, dass sich deren Impfbereitschaft noch erhöhen wird.” Dafür habe das Unternehmen eine Aufklärungskampagne gestartet.

Das hat auch die Caritas Altenhilfe getan. Mit der Kampagne wolle man Mitarbeitende, Bewohnerinnen und Bewohner sowie deren Angehörige dafür sensibilisieren, was die Impfung bedeute, sagt Sprecherin Claudia Appelt. „Die Corona-Schutzimpfung bietet uns aktuell die einzige Perspektive auf eine Rückkehr zur Alltagsnormalität.”

Auch die Erfahrungen von bereits Geimpften spielen eine Rolle. „Wir stellen immer wieder erfreut fest, dass sich Pflegekräfte, die sich zum Impftermin Bedenkzeit erbeten hatten, bei nächster Gelegenheit nachimpfen lassen”, sagt die Sprecherin der Korian-Gruppe, Tanja Kurz. Korian ist mit bundesweit mehr als 250 Häusern der größte private Heimbetreiber in Deutschland.

Und bei Pro Seniore, die deutschlandweit mehr als 70 Pflegeheime betreibt, registriert man: „Die anfängliche Skepsis gegenüber den Impfstoffen ist gesunken, je mehr Menschen sich komplikationslos impfen ließen”, sagt Konzernsprecher Peter Müller. „Wir gehen deshalb davon aus, dass die meisten unserer Mitarbeiter die Corona-Impfung als zusätzlichen Arbeitsschutz sehen und sich deshalb impfen lassen.”

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