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17/01/2017

Verborgener Hunger: Ein „Super-Müsli“ als Lebensretter

Gesundheit und Verbraucherschutz

Verborgener Hunger: Ein „Super-Müsli“ als Lebensretter

Ist Fortifizierung – die Anreicherung von Nahrungsmitteln mit Vitaminen und Mineralien – das stärkste Mittel im Kampf gegen Mangelernährung?

[EC/Flickr]

SPECIAL REPORT / Über zwei Milliarden Menschen weltweit leiden unter teils tödlicher Mangelernährung: Helfen können vitamin-angereicherte Nahrungsmittel. Doch dazu braucht es mehr Entwicklungsgelder, fordern Hilfsorganisationen und afrikanische Regierungen.

Es ist eine kleine Erfolgsgeschichte im Kampf gegen den verborgenen Hunger: In den Supermärkten Abidjans, der größten Stadt in der Elfenbeinküste, stapelt sich das Kinder-Müsli von Marie Konaté. Das Außergewöhnliche an den Flakes bleibt vielen Käufern verborgen. Es stammt nicht nur aus lokaler Produktion, sondern enthält besonders viele Vitamine und Nährstoffe.

Der Trick ist simpel: Maries Firma, Protein Kissèe-La (PKL), ergänzt ihr Müsli bei der Produktion mit einem vitaminhaltigen Pulver, das sie geliefert bekommt von der Global Alliance for Improved Nutrition (GAIN). “Viele Leute in unserem Land essen nicht genug Gemüse und Obst – und wenn, dann verkochen sie ihr Essen und verlieren so wertvolle Vitamine und Mineralien. Müsli gehört zur täglichen Kost vieler Menschen hier. Mit meinem Müsli müssen sie ihre Essgewohnheit gar nicht erst ändern und erhalten trotzdem alle Nährstoffe, die sie brauchen“, sagt Konaté.

Eine Allianz aus internationalen Organisationen und entwicklungspolitischen Stiftungen fordert jetzt, dass Maries Super-Müsli Schule macht. Die Anreicherung von Nahrungsmitteln mit Vitaminen und Mineralien – auch Fortifizierung genannt – sei das kosteneffizienteste Mittel gegen den verborgenen Hunger, betonen sie in der vergangenen Woche auf einer internationalen Konferenz in Arusha, Tansania.

„Fortifikation muss ein zentraler Bestandteil in Entwicklungsländern werden. Wir werden die Nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) klar verfehlen, wenn wir nicht schleunigst den Zugang und den Konsum von angereicherten Lebensmitteln erhöhen“, heißt es in der Abschlusserklärung, die unter anderem GAIN, das Welternährungsprogramm (WFP), die Afrikanische Union, die Welternährungsorganisation (WHO), das Kinderhilfswerk UNICEF sowie die Bill & Melinda Gates Stiftung verfasst haben.

Fortifizierung „kosteneffizientestes Mittel gegen Mangelernährung“

Die Idee der Fortifikation ist nicht neu. Im vergangenen Jahrzehnt wurde in diesem Bereich bereits viel erreicht, etwa bei der Jod-Anreicherungen von Salz. Doch in den letzten Jahren haben akute Hungersnöte und kriegerische Konflikte das gesamte Problem der Mangelernährung in den Hintergrund gedrängt. „Wir dürfen das positive Moment aus der Vergangenheit nicht verlieren“, so die Arusha-Erklärung.

Die Folgen des versteckten Hungers sind fatal: Laut einem aktuellen Bericht von GAIN könnten rund 50 Prozent der Todesfälle bei Kindern unter fünf Jahren verhindert werden, wenn diese besser ernährt würden. Eisenmangel ist die Folge für 20 Prozent der Todesfälle unter Müttern. Ein Viertel der Kinder weltweit sind entwicklungsverzögert. Die ökonomischen Verluste schätzt die UN-Ernährungsorganisation FAO global gesehen auf zwei bis drei Prozent jährlich.

150 Millionen US-Dollar für eine Milliarde Menschen

Der GAIN-Bericht wird zudem nicht müde zu betonen, wie kosteneffizient Fortifikation ist. Dabei beziehen sich die Autoren auf Zahlen der Forschergruppe „Kopenhagener Konsens“ von 2008. Demnach kostet etwa die Jod-Anreicherung von Salz rund 0,05 US-Dollar pro Kopf. Der „Return on Investment“ ist dabei 30 mal so hoch. Durch eine höhere Produktivität der Menschen und eine Entlastung der Gesundheitssysteme werfe die Fortifizierung pro Person 26 US-Dollar ab.

Die Unterzeichner der Arusha-Erklärung fordern mehr öffentliches Geld für Fortifizierungsprogramme. Rund 150 Millionen Euro reichten aus, um die Fortifizierung in den kommenden 15 Jahren für 25 Entwicklungsländern zu etablieren. So könnten zusätzlich eine Milliarden Menschen Hilfe bekommen. Zudem fordern die Organisationen einen „massiven Kraftakt“, um die Überwachung und Regulierung von Fortifizierungsprogrammen zu verbessern. Die Industrieländer sollten die Regierungen in den Entwicklungsländern dabei unterstützen, Gesetze zu erlassen und Inspektionen durchzuführen, damit angereicherte Nahrungsmittel auch wirklich qualitativ hochwertig sind.

Welthungerhilfe: Fortifizierung bekämpft nur Symptome

Die Welthungerhilfe hält angereicherte Nahrungsmittel und Nahrungsergänzungsmittel in Krisen und Katastrophensituationen und in bestimmten Lebensphasen wie Schwangerschaft und Stillzeit für sinnvoll. Aber man dürfe diesen Ansatz nicht als „non plus ultra“ gegen Mangelernährung verstehen, warnt Ernährungsexpertin Andrea Sonntag von der Welthungerhilfe im Gespräch mit EurActiv.de. „Fortifizierung bekämpft nur die Symptome und nicht die Ursachen von Mangelernährung.

Im Kampf gegen Mangelernährung brauche die Entwicklungszusammenarbeit eine holistische Strategie, mit Zielen wie die Diversifizierung der Landwirtschaft, ausgewogene Ernährung, sauberes Trinkwasser, Bildung, die Stärkung der Rolle der Frau – und ganz besonders die Steigerung der lokalen Einkommen. „Mangelernährung ist vor allem auf den Umstand zurückzuführen, dass sich die betroffenen Menschen keine gesunde Ernährung leisten können“, sagt Sonntag.

Die Welthungerhilfe-Expertin warnt auch vor Interessenkonflikten: „Durch Fortifizierungsprogramme eröffnen internationale Organisationen und Regierungen der Privatwirtschaft neue Märkte.“ Ziel der internationalen Bemühungen müsse es sein, durch solche Programme der Gesundheit in Entwicklungsländern zu dienen. „Überlegungen von multinationalen Konzernen, zum Beispiel Softdrinks mit Vitaminen und Mineralstoffen anzureichen und als gesund zu vermarkten, sollten nicht als Beitrag zur Bekämpfung der Mangelernährung legitimiert oder unterstützt werden“, so Sonntag.

Den Ruf nach mehr öffentlichen Geldern für die Fortifizierung hält Sonntag für überflüssig: „Die Privatwirtschaft ist vermutlich in der Lage, ihre Fortifizierungsansätze selbst zu finanzieren.“ Öffentliche Gelder sollten laut Sonntag besser dafür verwendet werden, eine ausgewogene Ernährung auf Basis lokal vorhandener nährstoffreicher Nahrungsmittel zu fördern. „Bisher wird das Potenzial zu wenig ausgeschöpft, wie zum Beispiel im Fall des Baobab-Baums in Kenia, dessen Früchte viel Vitamin C und Kalzium enthalten.“

GAIN-Chef Marc van Ameringen hält dagegen: Ja, es gebe viele Wege, Mangelernährung zu bekämpfen. „Aber Fortifizierung ist erwiesenermaßen die sicherste und kosteneffizienteste Maßnahme, um dem verborgenen Hunger ein Ende zu setzen“, erklärt Ameringen gegenüber EurActiv.de. Man müsse bedenken, dass Grundnahrungsmittel wie Weizen, Müsli und Reis nun einmal zum täglichen Ernährungsplan von Müttern und Kindern gehören. „Nahrungsmittelanreicherung baut den Mikronährstoff-Haushalt der Menschen langfristig auf – ohne jedes Risiko.“

Hintergrund

Kinder und Mütter sind besonders betroffen von Mangelernährung, besonders in den ersten 1.000 Tagen nach der Geburt. Mütter benötigen adäquate Ernährung, um diese an ihre ungeborenen Kinder und über ihre Muttermilch weiterzugeben. Knapp 50 Prozent der Kinder unter fünf Jahren sind betroffen von Anämie sowie von einer beeinträchtigten kognitiven und körperlichen Entwicklung. Etwa 190 Millionen Kinder im Vorschulalter leiden unter Vitamin-A-Mangel, der zu frühkindlicher Blindheit und einem geschwächten Immunsystem führt. Laut Experten verbessert eine ausgewogene Ernährung die Leistung von Kindern in der Schule. Als Erwachsene können sie bis zu 20 Prozent mehr Gehalt verdienen.

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