Trinkwasserregulierung auf gutem Weg; Gesundheitsbedenken bestehen trotzdem weiter

Sollte in Europa eine Selbstverständlichkeit sein, ist es aber nicht immer: Der einfache Zugang zu sauberem Trinkwasser. [Shutterstock]

Finnlands anstehende EU-Ratspräsidentschaft und die Abgeordneten des neuen Europäischen Parlaments werden sich mit vielen relevanten Gesundheitsbelangen befassen müssen, wenn sie in der nächsten Legislaturperiode die erste von Bürgerinnen und Bürgern angestoßene EU-Gesetzgebung verabschieden wollen.

Die angekündigte Trinkwasserrichtlinie (Drinking Water Directive, DWD) scheint nicht mehr allzu weit in der Zukunft zu liegen, da sowohl die EU-Parlamentsabgeordneten als auch die zuständigen Ministerinnen und Minister bereit sind, in Verhandlungen einzutreten. Das endgültige grüne Licht für die allgemeine Ausrichtung des Rates und das Mandat des Europäischen Parlaments kam im vergangenen Monat.

Ein EU-Beamter teilte gegenüber EURACTIV.com mit, dass die interinstitutionellen Verhandlungen beginnen würden, sobald die neue Legislaturperiode angelaufen ist, noch vor Ende des Jahres.

Es werden neue Gesichter am Verhandlungstisch sitzen, da es der finnischen Ratspräsidentschaft und einem oder einer neuen Berichterstatterin des Parlaments obliegt, den Trilog abzuschließen. Darüber hinaus ist auch wahrscheinlich, dass es einen oder eine neue Umweltkommissarin geben wird.

Europäer bekommen Recht auf sauberes Trinkwasser

Die EU-Bürgerinitiative Right2Water war eine der erfolgreichsten, seit dieses Instrument 2009 eingeführt wurde. Gestern hat die Kommission auf den Erfolg der Kampagne reagiert.

Das grundlegende Prinzip hinter den neuen Regeln für Wasser für den menschlichen Gebrauch ist einfach: sicheres und erschwingliches Leitungswasser bereitstellen, um so die Anzahl der Plastikflaschen zu reduzieren. Der Rechtsakt ist daher tatsächlich auch Teil der Kunststoffstrategie und der Regeln für die Kreislaufwirtschaft.

Um die Verwendung von Plastikflaschen zu reduzieren, müssen die Mitgesetzgeber vor allem das Vertrauen der Verbraucherinnen und Verbraucher in das europäische Leitungswasser wiederherstellen, indem sie mehr Informationen bereitstellen, aber auch den Zugang zu Wasser leichter zugänglich machen, z.B. indem kostenloses Leitungswasser in Restaurants oder Kantinen ausgegeben werden muss oder die Anzahl der Wasserspender im öffentlichen Raum erhöht wird.

Mit der neuen Richtlinie werden die Vorgaben der Wasserqualitätsnormen (die vor über 20 Jahren festgelegt wurden) aktualisiert, Unzulänglichkeiten korrigiert und auch Materialien, die mit Trinkwasser in Kontakt kommen können, berücksichtigt.

Aber die Bedeutung der DWD geht über die Förderung von Leitungswasser als eine billigere und sauberere Option gegenüber Plastikflaschen oder die bloße Aktualisierung der bisherigen Regelungen hinaus. Sie ist vor allem eine direkte Antwort auf die Bürgerinitiative „Right2Water“, die von 1,6 Millionen Menschen unterzeichnet wurde.

Die Europäische Kommission berücksichtigte diese Bürgerinitiative bereits in ihrem Vorschlag zur Verschärfung der Regelungen gegen undichte Trinkwasserleitungen, der im Februar 2018 vorgelegt wurde. Das Engagement gilt auch als Ergebnis der laufenden „Initiative für eine bessere Rechtsetzung“ (REFIT) unter der Leitung von Frans Timmermans, die darauf abzielt, die EU-Gesetzgebung zu straffen und Bürokratie abzubauen.

Kontaminiertes Wasser

Bei der Trinkwasserrichtlinie geht es um die Festlegung von Qualitätsstandards auf EU-Ebene, wie beispielsweise die Entfernung chemischer Schadstoffe und von Mikroplastik während der Aufbereitung, die Festlegung von Mindestanforderungen an die Wasserqualität sowie die Festlegung einer Reihe von mikrobiologischen, chemischen und anderen Indikator-Parametern, die regelmäßig überwacht und getestet werden müssen.

Nur durch die Festlegung derartiger Qualitätsstandards kann das Wasser für den menschlichen Gebrauch als sicher angesehen werden und die menschliche Gesundheit vor möglichen negativen Auswirkungen geschützt werden.

Grundwasser: „Nitratbelastung wird noch über Generationen ein Problem sein“

Heute ist Weltwassertag. Da lohnt sich ein Blick auf unser Grundwasser – und warum die EU-Kommission Deutschland deswegen verklagt hat. Besserung ist erst einmal nicht in Sicht.

Dennoch sind aus gesundheitspolitischer Sicht weiterhin viele Fragen offen. Für diese müssen während der anstehenden Verhandlungen Antworten gefunden werden.

Dazu gehört das neue Verfahren zur Festlegung von Hygieneanforderungen für Materialien, die mit Wasser in Kontakt kommen, um sicherzustellen, dass keine Kontamination stattfindet.

Seit dem Inkrafttreten der bisherigen DWD im Jahr 2000 müssen Produkte und Materialien, die mit Trinkwasser in Kontakt kommen, die in Artikel 10 genannten Anforderungen an die Trinkwasserhygiene erfüllen. Der Haken: die einzelnen EU-Mitgliedsstaaten sind eigentlich für die jeweilige Umsetzung der Richtlinie verantwortlich.

Insofern ist die Reform der DWD eine einzigartige Gelegenheit, ein europaweites Akzeptanzsystem für diese Produkte und Materialien zu etablieren. Das betonten auch Trinkwasserversorger, Verbraucherinnen und Verbraucher sowie die Hersteller derartiger Materialien in einer auf EURACTIV.com veröffentlichten gemeinsamen Stellungnahme.

Risikobasierter Ansatz

Ein weiterer Punkt, der angegangen werden muss, ist die Verfeinerung des sogenannten risikobasierten Ansatzes zur Überwachung der Wasserqualität. Der Ansatz gilt als ein wichtiger Pfeiler der Richtlinie und hat das Ziel, die Kosten für die Überwachung zu senken und gleichzeitig die höchstmögliche Qualität des Trinkwassers zu garantieren.

Einfacher ausgedrückt: Mit einem risikobasierten Ansatz wird das tatsächliche Ausmaß eines Risikos eingeschätzt und die Gegenmaßnahmen entsprechend effizient geplant. So sollen unnötige Kosten, exzessive Bürokratie und auch Zeitverluste vermieden werden.

Wissenschaftler und Kommission streiten sich über die Erkennung des Legionellenrisikos

Einige Forscher und Wissenschaftler haben den Ansatz der Europäischen Kommission zur Bewertung des Risikos von Lungenentzündungen verursachenden Bakterien in der Trinkwasserrichtlinie (DWD) während Veranstaltung im Europäischen Parlament scharf kritisiert.

Ein Widerspruch im Zusammenhang mit der Anwendung dieses Ansatzes ergab sich indes in dem vom Rat gebilligten Text in Anhang III, der sich mit den durch das berüchtigte Bakterium Legionella verursachten Legionärskrankheiten befasst, die schlimmstenfalls (tödliche) Lungenentzündungen verursachen können.

In diesem speziellen Fall würde der risikobasierte Ansatz eigentlich darin bestehen, auf Legionella pneumophila zu testen. Der Hintergrund: Offiziell sind zwar mehr als 60 Legionella-Arten beschrieben, aber nach Angaben der wichtigsten Gesundheitsbehörden wie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und des Europäischen Zentrums für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) werden mindestens 95 Prozent der Fälle von Legionärskrankheiten durch nur diese eine bestimmte Art, Legionella pneumophila, verursacht.

Allerdings wird im Standpunkt des EU-Rates nicht der mikrobiologische Parameter für Legionella pneumophila geregelt, sondern ein Schwerpunkt auf alle Legionellenspezies an sich gelegt.

PFAS-Probleme

Derweil könnte ein weiteres Gesundheitsrisiko von sogenannten perfluoralkylierten Substanzen (PFAS) ausgehen. Das sind synthetische Chemikalien, die in einer Vielzahl von Industrie- und Verbraucherprodukten wie Klebstoffen, Kosmetika und Reinigungsprodukten verwendet werden.

Eine lange Exposition gegenüber PFAS wurde in Tierversuchen mit negativen Auswirkungen auf die Gesundheit in Verbindung gebracht, einschließlich Leberschäden und Auswirkungen auf die neurologische Entwicklung. Über die Risiken für die menschliche Gesundheit liegen derzeit jedoch nur wenige Informationen vor.

Der menschliche Körper nimmt PFAS nicht über die Haut auf, sondern durch Trinken oder die Verwendung von kontaminiertem Wasser bei der Lebensmittelzubereitung.

Nitrat: Gesundheitsrisiko in Deutschlands Grundwasser

Die Nitratwerte im Grundwasser sind in Deutschland vielerorts zu hoch. Umweltministerin Barbara Hendricks fordert darum „verschärfte Düngeregeln“.

In der italienischen Region Venetien, insbesondere in den Gemeinden Vicenza, Verona und Padua, wurde kürzlich eine große PFAS-Kontamination festgestellt, die Umweltschäden in Höhe von schätzungsweise 136,8 Millionen Euro verursacht hat.

Italien setzt sich nun dafür ein, dass die zulässigen Grenzwerte für PFAS in Wasser auf Null gesetzt werden. Und laut einer italienischen Insider-Quelle im Dunstkreis der Wasser-Verhandlungen scheinen andere Mitgliedsstaaten die italienische Position zu unterstützen.

Vor allem werde gefordert, dass die Veröffentlichung neuer Studien und wissenschaftlicher Literatur zu diesem Thema gefördert wird.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]

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