Tabuthema: Wenn Europas Autofahrer immer älter werden

EuGH urteilt gegen deutsche Autobahnmaut.

Ein Tabuthema in ganz Europa: Autofahrer sitzen zunehmend bis ins hohe Alter am Steuer. Verkehrspsychologen und der TÜV arbeiten an Instrumenten, wie der Anspruch auf lebenslange Mobilität und das Ende einer Fahrerkarriere unter einen Hut zu bringen sind.

Die gefährlichsten Autofahrer sind die – falsch! Nicht die betagten Lenker sind es, die die meisten Unfälle verursachen, sondern junge Männer bei einer Lenkererfahrung von ziemlich genau 5.000 Kilometern.

Diese Kilometeranzahl steht für die Spitze des kritischsten Fahrverhaltens. Bei 5.000 Kilometer haben junge Männer das testosterongesteuerte Gefühl, beim Autofahren schon alles zu können, mitunter gepaart mit hohem Aggressionspotenzial.

Im Gegensatz zu jungen Männern bilden junge Frauen nach Erfahrung der Verkehrspsychologen keine besondere Risikogruppe. Und nicht nur sie.

"Die Alten sind wesentlich besser als ihr Ruf", verteidigen die Experten jene Gruppe von Lenkern, die heute noch in einem Alter unterwegs sind, in dem in früheren Generationen niemand mehr Auto gefahren wäre.

Mit dem steigenden Alter der Bevölkerung steigt auch der hohe Anspruch, länger mobil zu bleiben. Einkaufszentren beispielsweise wären andernfalls kaum zu erreichen. Auf sie sind Verbraucher jedoch zunehmend angewiesen, auch im Alter.

Was für Fahrzeuge gilt, gilt für Fahrer nicht: Im Gegensatz zu den Karossen müssen die Lenker nicht regelmäßig zum TÜV. Nach Verlassen der Fahrschule gibt es lebenslang keinen Check mehr.

Beratungsgespräch beim Hausarzt

Auf der Suche nach geeigneten Instrumenten für mehr Verkehrssicherheit im Alter wirken die Experten noch etwas ratlos. Sie sind nicht dafür, rigoros Prüfungen einzuführen, sondern suchen Mittel, die von den Älteren selbst akzeptiert werden und die auch politisch durchsetzbar sind. Deutschland setzt voll auf Freiwilligkeit.

Ein Instrument, das diskutiert wird, ist die Einbeziehung von Hausärzten. Die Mediziner könnten eine beratende Funktion übernehmen. Die betroffenen Autofahrer selbst könnten motiviert oder sogar verpflichtet werden, ihren Hausarzt zu Beratungsgesprächen aufzusuchen.

Nie den Führerscheinentzug androhen

Allerdings dürfe dabei nie der Führerscheinentzug angedroht werden. Die älteren Fahrer dürfen nie das Gefühl bekommen, man möchte ihnen die Fahrerlaubnis wegnehmen.

Ein Ansatz der Experten, der jüngst am Rande eines "Fit to drive"-Kongresses des Verbandes der TÜV (VdTÜV) zur Sprache kam: Dass man die Eignung zum Weiterfahren nicht speziell bei den älteren Menschen ins Visier nimmt, sondern die Gruppe ausweitet auf – politisch sehr korrekt ausgerückt – "alle Gruppen, die Unterstützung brauchen". 

Ein weiterer Ansatz ist die Idee, an die Fahrer im jüngeren und mittleren Alter in Kampagnen zu appellieren, mehr Rücksicht auf Ältere zu nehmen. Ohne "Speeding"-Philosophie könne der Verkehr an Sicherheit gewinnen.

Die Verkehrsexperten sehen nicht nur das Problem, dass alte Fahrer dem Verkehr nicht mehr gewachsen sein könnten, sondern auch die Gefahr, dass in der öffentlichen Diskussion allzu platte Forderungen nach Konsequenzen gesellschaftlichen Schaden anrichten würden. Freilich: Auch wenn die Älteren wesentlich besser seien als ihr Ruf: Das Problem mit immer älteren Autofahrern werde zunehmen.

Ewald König

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