Tabakindustrie kritisiert Einheitsverpackungen: „Das ist Markendiebstahl“

Die neuen, "neutralen" Zigarettenpackungen in Frankreich, auf denen die Markenlogos durch Warnhinweise und -bilder komplett ersetzt sind [Ian Langsdon/EPA]

Die Idee, Einheitsverpackungen für Tabakprodukte einzuführen, verärgert die Industrie. Sie kritisiert die „Brüssler Überregulierung“ – diese käme Markendiebstahl gleich.

Auf der anderen Seite stehen die Europäische Kommission, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und verschiedene Gesundheits-NGOs, die Einschränkungen der Markenpräsentation als einen effektiven Mechanismus ansehen, gerade junge Menschen davon abzuhalten, überhaupt mit dem Rauchen anzufangen. Laut Zahlen der WHO gibt es weltweit eine Milliarde Raucher. Krankheiten, die durch Rauchen entstehen, töten jedes Jahr 6 Millionen Menschen.

Am Weltnichtrauchertag (31. Mai) sagte EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis, die EU habe im Kampf gegen Tabak schon sehr viel erreicht. Es gebe aber noch mehr zu tun. „Mein Traum ist eine rauchfreie Welt; eine Welt, in der wir keine Weltnichtrauchertage mehr brauchen“, so der Kommissar.

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Die Richtlinie

Tabakprodukte sind mit Abstand die meistregulierten Konsumgüter in der EU. Maßnahmen beinhalten Werbeverbote oder die Einrichtung von rauchfreien Zonen, beispielsweise an Bahnhöfen. Die überarbeitete EU-Richtlinie für Tabakerzeugnisse beinhaltet seit Mai 2016 auch striktere Vorgaben für die Verpackungen solcher Produkte. Beispielsweise müssen sie auf 65 Prozent der Packungsoberläche ein Warnbild sowie Warntexte aufweisen. Darüber hinaus wurde es den Mitgliedsstaaten freigestellt, weitere Schritte, wie beispielsweise Einheitsverpackungen, anzuwenden.

Allerdings sei es noch zu früh, um die tatsächlichen Effekte dieser Maßnahmen zu überprüfen, so die Kommission. „Die neuen Regelungen sind noch nicht lange genug in Kraft, die Umsetzung wird noch überprüft. Und vergessen Sie nicht, dass die Hersteller eine 12-monatige Frist bis Mai 2017 hatten, um ihre alten Restbestände zu verkaufen“, sagte Andriukaitis kürzlich in einem Interview mit EURACTIV.com.

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Während Gesundheitsorganisationen die Richtlinie als „Ende der Leugnungen der Tabakindustrie” feiern, sieht die Industrie sie als ein weiteres Beispiel der „Brüsseler Regulierungswut.“

Ben Townsend, Vizechef der Europa-Division von Japan Tobacco International (JTI), die zum Beispiel Zigaretten der Marke Camel herstellt, meint, die Richtlinie enthalte „eine Reihe drakonischer Maßnahmen, darunter die übergroßen Warnbilder, ein Komplettverbot von Mentholzigaretten und ein Verbot kleinerer Packungsgrößen.“ Gegenüber EURACTIV.com fügte er hinzu, „diese neueste Welle der Anti-Tabak-Regulierung wird gehörig fehlschlagen, weil legitime Geschäfte unterbunden und die Wahlmöglichkeiten der Konsumenten eingeschränkt werden.“

Ein Markenverbot?

In der Tat wird die Zigaretten-Einheitspackung in der EU immer beliebter. Frankreich, Ungarn, Irland, Slowenien und Großbritannien haben sie bereits eingeführt. In Großbritannien versuchten die vier großen Tabakvertreiber, das Gesetz zu verhindern, indem sie darauf hinwiesen, es verletze ihre geistigen Eigentumsrechte. Die Industrie klagte sich durch alle Instanzen des britischen Rechts, konnte das Gesetz aber nicht verhindern.

Für Ben Townsend von JTI sind Einheitsverpackung „im Resultat ein Markenverbot.“ Darüber hinaus hätten sie nicht den gewünschten Effekt. In Australien, dem ersten Land, das solche Verpackungen verpflichtend machte, ist der Rückgang der Raucherzahlen ins Stocken geraten, seit das Gesetz vor vier Jahren erlassen wurde. Diese Erkenntnis habe die Regulierungsbehörden aber nicht davon abgehalten, über ähnliche Vorschriften, beispielsweise für Getränke und Lebensmittel mit hohem Zucker- oder Salzgehalt, nachzudenken.

„Es sieht so aus, als wenn die Regulierer einfach die Tabakvorschriften nehmen und sie auf andere Verbrauchsprodukte ummünzen – ohne darüber nachzudenken, ob sie überhaupt funltioniert haben”, findet Townsend. Erwachsene Konsumenten hätten das Recht, eine freie Wahl treffen zu dürfen.

Guillaume Périgois von der Lobby-Organisation Forest geht noch weiter und behauptet: „Mit Einheitsverpackungen behandeln Sie Erwachsene wie Kinder und Teenager wie Idioten.“ Auch er verweist auf die Erkenntnisse in Australien und sagt, Einheitsverpackungen hielten Menschen nicht vom Rauchen ab. Stattdessen sehe er bei Einheitsverpackungen die Gefahr, dass einige Marken nicht überleben könnten und die Wahlmöglichkeiten für Verbraucher somit schwinden.

Bei einer von EURACTIV organisierten Veranstaltung Anfang dieses Monats warnte Townsend Teilnehmer aus anderen Industriebereichen: die Erfahrungen der Tabakindustrie sollten als „Weckruf“ für andere Branchen gesehen werden, ihre Marken vor zu harscher Regulierung zu schützen.

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Effektivere Ansätze

Die Europäische Kommission ist jedoch überzeugt, dass einheitliche Verpackungen junge Menschen effektiver vom Rauchen abhalten, als große Bilderwarnungen. Diese Sicht teilt auch die WHO, die erklärt, Einheitsverpackungen eliminierten die Nutzung von Verpackungen als Werbe- und Marketingflächen.

„Im Gegensatz zu den Äußerungen der Tabakindustrie haben Studien gezeigt, dass Kinder farblich und gestalterisch einheitliche Verpackungen (mit großen, grafischen Warnungen) weniger verlockend finden und somit weniger anfällig für die ausgeklügelten Marketingtechniken sind, die sie zum Rauchen verleiten sollen“, erklärt Cornel Radu-Loghin, Generalsekretär des Europäischen Anti-Tabak Netzwerks (European Network for Smoking and Tobacco Prevention, ENSP). „Wir rufen daher alle EU-Mitgliedsstaaten auf, so schnell wie möglich einheitliche Verpackungen für alle Tabakprodukte einzuführen.“

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