Studie: Deutschlands Arzneimittelausgaben überdurchschnittlich hoch

Im europäischen Vergleich hat Deutschland laut einer aktuellen Studie überdurchschnittlich hohe Arzneimittelausgaben. Dafür stehen allerdings neue Arzneien nirgendwo sonst „so schnell und umfassend“ für die Behandlung von Krankheiten zur Verfügung wie hierzulande.

Im Auftrag des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) hat Reinhard Busse von der Technischen Universita?t Berlin die Arzneimittelversorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland sowie in 15 anderen europa?ischen Gesundheitssystemen einem systematischen Vergleich unterzogen.

Busse kommt zum Schluss, dass nirgendwo sonst neue Arzneimittel so schnell und umfassend fu?r die Behandlung von Krankheiten o?ffentlich erstattet zur Verfu?gung stehen wie in Deutschland. „Bezahlt wird dies mit im europa?ischen Vergleich hohen Arzneimittelausgaben, wozu aber auch das weiterhin u?berdurchschnittliche Preisniveau in Deutschland beitra?gt“, erklärt Busse.

95 Prozent der neuen Medikamente seien in Deutschland innerhalb von zwei Jahren nach Zulassung verfügbar, so Busse. Dasselbe gelte für den Zeitraum zwischen Erstattungsfähigkeit und tatsächlichem Verkauf in den Apotheken. Dieser betrage in Deutschland im Schnitt nur drei Monate, in den Niederlanden etwa seien es neun, in Frankreich zehn.

Deutschland stehe zudem an zweiter Stelle, was die öffentlichen Ausgaben für Medikamente angeht. Nur in Irland geben öffentliche Institutionen wie Krankenkassen laut Studie noch mehr Geld für Arzneimittel pro Kopf aus. In Deutschland waren es 2012 im Schnitt rund 500 US-Dollar.

Nicht immer profitierten jedoch alle Behandelten von einem neuen Arzneimittel, sondern oftmals nur bestimmte Patientengruppen, so Busse. Daher werde in den meisten europa?ischen La?ndern auf Basis von Nutzenbewertungen der Einsatz von neuen Arzneimitteln auf die Patientengruppen beschra?nkt, bei denen die Medikamente wirklich einen Zusatznutzen aufweisen. In Deutschland hingegen bestehe fu?r praktisch alle verschreibungspflichtigen Pra?parate eine umfassende Erstattungsfa?higkeit. „Um das Preis-Leistungs-Verha?ltnis bei neuen Medikamenten zu verbessern, sollte auch in Deutschland eine gezieltere Nutzungssteuerung bei neuen Arzneimitteln erwogen werden“, so Busse.

Die Pharmaindustrie äußerte Kritik an der Studie: So habe Deutschland laut Verband forschender Arzneimittelhersteller (vfa) „längst keine Vorreiterrolle mehr“, wenn es um die Versorgung der Patienten mit neuen Arzneimitteln geht. Zwar seien neue Medikamente in Deutschland schnell auf dem Markt, sie erreichten aber die Patienten meist nur langsam, da Krankenkassen Druck auf die verschreibenden Ärzte ausübten, sagte vfa-Hauptgeschäftsführerin Birgit Fischer.

Auch gebe es in Deutschland überhaupt keine wissenschaftlich neutrale Nutzenbewertung, da der GKV-Spitzenverband bei Bewertung und Preisfindung eine dominierende Stellung innehabe, sagt Fischer. „So ist das Preisniveau in Deutschland unter den europäischen Durchschnitt gefallen.“

Die mit den Kassen ausgehandelten Arzneimittelpreise in Deutschland sind laut vfa im Vergleich deutlich niedriger als in anderen europäischen Ländern. 73 Prozent der deutschen Preise liegen demnach unter dem Mittel der Nachbarländer, 38 Prozent sind die niedrigsten überhaupt.

Die Studie von Busse zeigt hingegen, dass das deutsche Preisniveau fu?r Arzneimittel im europa?ischen Vergleich im oberen Mittelfeld liegt. Sie vergleicht hierzu die Preise nach den in den jeweiligen La?ndern stattfindenden Rabatt- und Erstattungsbetragsverhandlungen.

„Wer Listenpreise fu?r kleinste Patientengruppen im Ausland vor Preisverhandlungen mit den tatsa?chlichen Erstattungspreisen in Deutschland nach den Verhandlungen vergleicht, setzt A?pfel mit Birnen gleich und ist zumindest an echter Transparenz nicht interessiert“, sagt GKV-Vizevorsitzende Johann-Magnus von Stackelberg. Hinzu komme, dass die Erstattungspflicht in Deutschland nicht auf bestimmte Gruppen beschra?nkt ist, sondern derzeit auch fu?r diejenigen gilt, fu?r die das neue Medikament gar keinen Zusatznutzen hat.

Hintergrund

In der Mehrzahl der Staaten der Europäischen Union entstehen Arzneimittelpreise durch eine gesetzliche Preisbindung. Deutschland zählte bis 2012 zu den drei Ländern, in denen es keine Preisregulierung für Arzneimittel gibt.

Mit dem Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (AMNOG) gilt für Deutschland seit 2012 eine neue Preisfindungsregel für neue Arzneimittel. Danach verhandelt der GKV-Spitzenverband mit den Arzneimittelherstellern über Rabatte auf den Listenpreis neuer Medikamente, den das Unternehmen zuvor selbst festgelegt hat. In den zwölf Monaten vor den Verhandlungen gilt der vom Hersteller festgelegte Preis.

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