Spirulina: Kurzlebiger Trend oder Ernährung der Zukunft?

Wundermittel oder Hype? Zumindest in Frankreich erfreut sich Spirulina bereits einiger Beliebtheit. [Olivier Le Moal/Shutterstock]

Die französische Nationalversammlung hat am Montag ihre „Nationale Strategie zu Pflanzenproteinen für die menschliche und tierische Ernährung“ debattiert. EURACTIV Frankreich nimmt dies zum Anlass, um über Spirulina zu berichten, ein in Frankreich bereits recht beliebtes, sehr proteinhaltiges Lebensmittel, das unter anderem im Kampf gegen Unterernährung eingesetzt werden soll.

Vermutlich noch nie wurde unser Essen so sorgfältig unter die Lupe genommen wie heute: In einer Zeit, in der die Nährwertliste praktisch aller Lebensmittel nur einen Klick entfernt ist, steht unter anderem die Protein-Frage im Mittelpunkt einer Debatte, die bis auf den höchsten staatlichen Ebenen geführt wird.

Im vergangenen September erklärte beispielsweise die französische Regierung, dass sie 100 Millionen Euro für die Entwicklung pflanzlicher Proteine bereitstellen wolle, während die Nationalversammlung am vergangenen Montag die „Nationale Strategie des Landes für Pflanzenproteine zur Ernährung von Mensch und Tier“ diskutierte.

Ob aus Gesundheits- oder Umweltgründen: Weniger Fleisch zu konsumieren, ist unerlässlich und wird es in Zukunft umso mehr sein. Um jedoch mögliche Mängel auszugleichen, greifen Vegetarier, Umweltschützer und Sportler, die sich für eine weniger fleischreiche Ernährung entscheiden, auf andere Proteinquellen zurück.

Eine von ihnen ist in den vergangenen Jahren insbesondere in Frankreich populär geworden: Spirulina.

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Franzosen essen bereits heute mehr als 400 Tonnen Spirulina pro Jahr

Diese Mikroalge mit dem wissenschaftlichen Namen Spirulina arthrospira platensis aus der Familie der Cyanobakterien ist, wie der Name schon sagt, ein mikroskopisch kleines Bakterium, das natürlich in Süßwasserseen in den tropischen Regionen Asiens und Afrikas wächst.

Spirulina, die von Gesundheitsinstituten vor allem für ihren hohen Proteingehalt geschätzt wird, ist in Frankreich sehr beliebt. Laut einer aktuellen Studie von Darwin Nutrition und der französischen Spirulina-Föderation (FSF) verzehren die französischen Bürgerinnen und Bürger inzwischen fast 400 Tonnen der Mikroalge pro Jahr.

„Spirulina ist ein Lebensmittel mit einem hohen Nährstoffgehalt. Es ist reich an Vitaminen, Mineralien, Spurenelementen und Fettsäuren. Vor allem ist es eine wichtige Proteinquelle,“ so der Ernährungswissenschaftler Arnaud Cocaul. Mit ihrem hohen Proteingehalt ist Spirulina auch zu einem regelrechten Star in den sozialen Medien geworden. Dort werden Pillen, Kapseln und Pulver verkauft – und Fotos von Smoothies auf Spirulina-Basis geteilt. Sogar der Hashtag #spirulina hat nun das Licht der Online-Welt erblickt.

Kampf gegen Unterernährung

Spirulina faszinierte die Experten jedoch schon lange vor Instagram: Im Jahr 2003 rief die WHO die IIMSAM ins Leben, eine zwischenstaatliche Institution zur Förderung des Einsatzes von Spirulina-Mikroalgen gegen Unterernährung.

Seither entwickeln die UNO und NGOs wie das Rote Kreuz Nahrungsmittelhilfe-Missionen auf der Grundlage dieser Pflanzen. Auch die NASA und die Europäische Weltraumorganisation sind interessiert und haben angekündigt, Spirulina bei künftigen Weltraummissionen einsetzen zu wollen.

Dass es derart leicht anzubauen ist, verschafft Spirulina einige Vorteile. So wird es vor allem in Hungergebieten eingesetzt. Nach Angaben der FSF benötigt Spirulina im Durchschnitt zehnmal weniger Wasser als jede andere Kulturpflanze, 20-mal weniger als Getreide und hundertmal weniger als in der Viehzucht. Darüber hinaus sind seine Proteinerträge pro Hektar deutlich höher. Pro Hektar produziert Spirulina zwischen 30 und 50 Tonnen Protein, während Sojapflanzen nur 2,5 Tonnen einbringen.

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Ein französischer Spirulina-Sektor

Und auch der Umwelt könnte Spirulina zuträglich sein: Schließlich kann die Pflanze Kohlendioxid (CO2) speichern und Sauerstoff freisetzen.

Fraglich ist hingegen, ob die 400 Tonnen Spirulina, die jedes Jahr in Frankreich verbraucht werden, tatsächlich zur Bekämpfung der globalen Erwärmung beitragen können – schließlich werden 90 Prozent des Spirulina importiert, insbesondere aus China, Indien und den USA.

Spirulina „made in France“ gibt es jedoch bereits, vor allem im sonnigen Südfrankreich: Von 2014 bis 2018 verdoppelte sich die mit Spirulina bebaute Fläche im Land von 30.000 auf knapp über 61.000 Quadratmeter.

Die Weiterentwicklung der französischen Produktion könnte „sehr interessant“ sein, so der Ernährungswissenschaftler Arnaud Cocaul. „Statt Nahrungsergänzungsmittel einzunehmen, ist Spirulina eine natürliche Quelle für Mineralien und Vitamine. Ich bin eher dafür, die Verwendung von Nahrungsergänzungsmitteln einzuschränken. Die Variation der Einnahme und die Nutzung von Meeresalgen zur Stärkung der Immunität scheint mir ein kluger Ansatz zu sein,“ fügt er hinzu.

Ob im Kampf gegen Unterernährung, zum Ausgleich von Mangelerscheinungen oder als Teil einer vegetarischen Ernährung, Spirulina scheint ein ausgezeichneter Verbündeter zu sein.

Wie so oft gilt jedoch: Alles in vernünftigem Umfang. So würde der Verzehr von Spirulina zum reinen Abnehmen (oder zur Gewichtszunahme) „keinen Sinn“ machen, so der Ernährungswissenschaftler Cocaul.

Ihr Hauptvorteil bleibe vor allem ihr gesundheitlicher Nutzen, der „in jedem Fall mit einer gesunden und ausgewogenen Ernährung kombiniert sein muss“.

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