Salvinis Traum von der rein italienischen Nutella

Brotaufstrich des Anstoßes: Mit seinem halbherzigen Nutella-Boykott hat Matteo Salvini ein Eigentor erzielt. Es geht aber um mehr als nur Twitter-Häme. [EPA/BRANDT]

Nachdem Matteo Salvini kürzlich einen Boykott des bekannten Brotaufstrichs Nutella angekündigt hatte, musste er schon bald zurückrudern. Was hauptsächlich als Stoff für ironische Twitter-Kommentare dienen dürfte, hat einen innen- und europapolitisch interessanten Hintergrund. Denn Salvini hatte bereits zuvor eine besondere Kennzeichnung für italienische Produkte gefordert.

Während einer Parteiveranstaltung seiner Lega am 5. Dezember in Ravenna machte Matteo Salvini eine überraschende Ankündigung: Er esse keine Nutella mehr, da der Hersteller Ferrero den berühmten Aufstrich nicht mit italienischen Haselnüssen produziere, sondern mit importierten Nüssen aus der Türkei.

Überraschend war die Ankündigung des rechten Politikers für viele Beobachter wohl vor allem, da der Lega-Chef sich zuvor oft und gerne als großer Fan von Nutella gezeigt hat (s.u.).

Die Nusscreme ist einer der global bekanntesten und meistverkauften italienischen Produkte.

Im Jahr 2015 hatte sich Salvini in seiner damaligen Rolle als Europaabgeordneter auf die Seite Nutellas und gegen die damalige französische Umweltministerin Ségolène Royal gestellt. Royal hatte Ferrero nahegelegt, für Nutella andere Rohstoffe als Palmöl zu verwenden, da letzteres verstärkt zur Rodung der Wälder in Entwicklungsländern beiträgt.

Für seine Attacke gegen die überaus beliebte Haselnusscreme erntete Salvini nun daheim in Italien aber derart viel Kritik, dass er sich offenbar zu einer 180-Grad-Wende veranlasst sah: Nur einen Tag später teilte er per Twitter mit, er gönne sich nun ein Nutellabrot, um den Tag zu versüßen. Um auf Nummer sicher zu gehen, folgte einige Stunden später ein Bild, das Salvini im Supermarkt vor einem Regal mit Nutella-Gläsern zeigt und nahelegt, er werde nun Nutella für seine Kinder kaufen.

Italien hat einfach nicht genug Nüsse

Wie um die Posse noch absurder zu machen, sah sich Italiens Staatssekretär für Regionalpolitik, Stefano Buffagni, angesichts der ursprünglichen Tirade Salvinis veranlasst, den Nutella-Hersteller zu verteidigen: „Importiert Ferrero Haselnüsse aus der Türkei? Ja, das stimmt. Aber ein Viertel der Haselnüsse [für Nutella] stammt aus Italien.“

Warum dies so sei, erklärte Buffagni auch: Demnach würden in Italien schlichtweg nicht genügend Haselnüsse produziert, „um den Bedarf für dieses Produkt“ zu decken.

Nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) ist die Türkei tatsächlich der mit Abstand größte Haselnussproduzent der Welt. Auf das Land entfallen rund 72,9 Prozent des gesamten weltweiten Angebots und mehr als 80 Prozent des globalen Haselnusshandels.

Italien folgt mit nahezu 20 Prozent der Produktion. Dies reicht jedoch offensichtlich nicht aus, um den globalen Appetit auf Nutella allein mit italienischen Nüssen zu befriedigen.

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Innenpolitisch entwickelte sich Salvinis überaus kurzer Nutella-Boykott zum gefundenen Fressen für andere Politikerinnen und Politiker. Premierminister Enrico Letta kommentierte, Salvinis Wende beim Thema Nutella ähnele seiner wechselhaften Haltung zur Gemeinschaftswährung Euro.

Wirtschaftsminister Roberto Gualtieri äußerte sich noch bissiger und kommentierte die Forderung Salvinis, ein Rettungsfonds in der Eurozone müsse abgelehnt werden: „Wenn Sie schon beim Thema Nutella die Grenzen Ihrer Kompetenz erreichen, ist die Glaubwürdigkeit dessen, was Sie zum Europäischen Stabilitätsmechanismus zu sagen haben, natürlich recht gering.“

Nationalismus und der Schutz des italienischen Konsum-Erbes

Die Nutella-Story und Salvinis Verärgerung über die türkischen Haselnüsse lässt sich aber auch in anderen politischen Kontexten lesen. So hatte der rechte Politiker im vergangenen März einen Gesetzesvorschlag eingebracht, laut dem italienische Marken mit einer Unternehmensgeschichte von mindestens 50 Jahren ein spezielles „Made in Italy“-Siegel erhalten und damit im besonders geschützt werden sollten.

Allerdings hatte das Gesetz auch zum Ziel, eine Verlagerung der Produktion ins Ausland zu unterbinden. Es sollte nicht nur für Lebensmittel, sondern auch für andere Produkte gelten. Salvini betonte damals: „Wenn man Produkte mit einem italienischen Etikett verkaufen will, muss man auch in Italien produzieren.“

Die Gesetzesinitiative wurde vor allem vom damaligen EU-Kommissar für Lebensmittelsicherheit Vytenis Andriukaitis gerügt, der die „politische Nutzung“ von Herkunftsangaben oder von Maßnahmen zur Lebensmittelsicherheit als nationalistische Propaganda bezeichnete.

Label ist nicht gleich Label

Auch zu einer anderen Kennzeichnung für Lebensmittel hat Salvini eine Meinung. So kritisierte er kürzlich Nutriscore, ein Label, mit dem der Nährwert der jeweiligen Produkte per Kennzeichnungscode dargestellt wird: Dieser besteht aus fünf Buchstaben (A bis E) und jeweils einer entsprechenden Farbe.

Eine von Verbraucherverbänden ins Leben gerufene und von den Grünen und der sozialdemokratischen Fraktion im EU-Parlament unterstützte Europäische Bürgerinitiative „Pro-Neutriscore“ soll das in Frankreich entwickelte und auch in Belgien und Spanien verwendete System für alle Hersteller auf EU-Ebene verpflichtend machen.

Da jedoch bisher weniger als 100.000 Unterschriften gesammelt wurden, ist es unwahrscheinlich, dass die Petition die eine Million Unterzeichner erreicht, die erforderlich wären, um eine Gesetzesinitiative von Seiten der EU-Kommission zu erzwingen.

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Abgeordnete der Grünen und Sozialdemokraten im Europäischen Parlament legen ihr Augenmerk auf einen so genannten Nutriscore, ein EU-weites System zur Kennzeichnung von Lebensmitteln.

Dennoch: Salvini sieht in Nutriscore einen Plan aus Brüssel, der vor allem italienischen Produkten (und auch seinem Made in Italy Label) schaden würde.

„Bei dieser Maßnahme geht es um unsere Einkäufe, unsere Landwirtschaft und unsere Lebensqualität,“ warnte Salvini.

Er erinnerte daran, dass klassisch italienische Produkte wie Speck, Olivenöl, Gorgonzola, Pecorino und Parmaschinken aufgrund ihres Fettgehalts oft mit einem niedrigen Nutriscore bewertet werden, während zuckerfreie Softdrinks wie Coke Zero oder auch gewisse Redbull-Getränke „grünes Licht“ auf der Skala erhalten würden.

[Bearbeitet von Samuel Stolton und Tim Steins]

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