Regulierung hormonwirksamer Substanzen: Wirtschaftlichkeit versus Risiko

Matthias Blüher vom Forschungs- und Behandlungszentrum (IFB) Adipoitas-Erkrankungen an der Leipziger Universitätsmedizin betrachtet am Computer Querschnitte von Bauchfettgewebe. Foto: dpa

Verbieten, begrenzen oder voll zulassen? Die EU steht bei der geplanten Regulierung hormonähnlich wirkender Substanzen vor einem Dilemma: Einerseits sind diese Stoffe integraler Bestandteil zahlreicher Produkte des täglichen Badarfs. Andererseits gelten einige von ihnen als gesundheitsschädlich. Eine öffentliche Konsultation soll nun bei der Entscheidungsfindung helfen.

Ob in Kronkorken, Klebstoff, Plastikflaschen, Lebensmittelverpackungen, Sonnencremes oder Pflanzenschutzmitteln: Chemische Substanzen sind aus vielen Produkten des täglichen Gebrauchs nicht mehr wegzudenken. Aber immer wieder geraten sie in die Diskussion.

Derzeit sind vor allem jene Substanzen, die hormonähnlich – oder endokrin – wirken, im Gespräch. Einige davon, sogenannte Endokrine Disuptoren, können das Hormonsystem nachhaltig verändern und dadurch schwerwiegende Gesundheitsschäden verursachen, auch in der Nachkommenschaft. Welche Substanzen als Endokrine Disruptoren angesehen werden sollten, ist aber höchst umstritten.

Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit hat die EU nun einen wichtigen Schritt in Richtung europaweiter Bestimmung von hormonähnlich wirkenden Stoffen unternommen. Ende September eröffnete die Kommission eine öffentliche Konsultation zu den Endokrinen Disruptoren, die helfen soll, EU-weit einheitliche Kriterien zu schaffen, die gesetzlich verankern, wann ein Stoff als hormonschädlich eingestuft wird.

Vereinheitlichung dringend nötig

Bernd Schäfer vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hält das für dringend notwendig: „Verschiedene rechtliche Bestimmungen innerhalb der EU zur Bewertung der toxikologischen Eigenschaft eines Stoffes sollten unbedingt vermieden werden. Nur so kann ein einheitlicher Schutz sichergestellt werden“, sagt er.

Zwar trat 2007 die Chemikalien-Verordnung REACH in Kraft. Sie umfasst aber längst nicht alle Stoffe: Pflanzenschutzmittel, Biozide, Kosmetika und die Wasserqualität etwa werden innerhalb der EU noch immer nach unterschiedlichen Kriterien beurteilt. Das soll sich bald ändern.

Pflicht zur gesetzlichen Vereinheitlichung schon seit 2009

In der bis zum 16. Januar 2015 laufenden Konsultation können nun Vertreter aus Wissenschaft, Politik, Industrie sowie NGOs und Verbraucherschützer auf Basis wissenschaftlich valider Studien und Informationen klare Identifikationskriterien für Endokrine Disruptoren vorschlagen.

Dazu verpflichtete sich die EU zwar bereits im Jahr 2009. Doch gab es immer wieder Verzögerungen im Entscheidungsprozess. Denn EU und nationale Politiker sind mit sehr unterschiedlichen Forderungen konfrontiert – bis hin zu einem generellen Verbot.

Um die Entscheidungsfindung zu erleichtern, veröffentlichte die Kommission bereits im Juni einen Fahrplan, der vier Optionen für ein Regelwerk zu Endokrinen Disruptoren vorschlägt: keine Änderung der Politik, Orientierung an der Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für Endokrine Disruptoren, Einführung eines Kategorisierungssystems oder die Einbeziehung weitergehender Elemente der Risikobewertung.

Komplexe Wirkweise – schwierige Gefahrenabschätzung

Doch der Weg zu einer Regulierung bleibt schwierig. Eine große Herausforderung bei der Regulierung sei die Komplexität des hormonellen Systems, sagt Schäfer.

Da das Hormonsystem aus zahlreichen Drüsen besteht, wirken sich hormonaktive Stoffe auf eine Vielzahl von physiologischen Prozessen aus. Zudem beeinflussen natürlich vorkommende Produkte wie Sojabohnen und Leinsamen den menschlichen Hormonhaushalt über natürliche Pflanzenöstrogene. Auch tierische Lebensmittel wie Eier und Milch enthalten immer Spuren der natürlichen Östrogene des Huhns beziehungsweise der Kuh.

Dabei ist die eindeutige Zuordnung von Ursache und Wirkung oft schwierig, weil ein ganzer Cocktail von Substanzen aus Lebensmitteln, Kosmetika, Pestiziden und der Umwelt auf uns einwirkt.

Der Verbraucher bleibt entsprechend verunsichert zurück. Nachrichten über krebserregende Weichmacher in Verpackungen, die Fruchtbarkeit verringernde Pflanzenschutzmittel oder Stoffe in Kosmetika, die zu Missbildungen der männlichen Genitalien führen und Fettleibigkeit fördern könnten, lassen seit einigen Jahren das Misstrauen wachsen.

Biozid- und Pestizidregulierung könnte gelockert werden

Zumindest bei Bioziden und Pestiziden gilt derzeit ein strenger, gefahrenbasierter Ansatz. Bei Endokrinen Disruptoren kommt dieser Ansatz allerdings bisher nicht zum Tragen, weil ja eine allgemein anerkannte Definition fehlt, was ein Endokriner Disruptor ist.

Während NGOs eine breite Definition fordern, die aufgrund des gefahrenbasierten Ansatzes zu einem automatischen Verbot vieler Substanzen führen würde, plädiert die Industrie für einen risikobasierten Ansatz. Dieser würde Grenzwerte für Konzentrationsmengen festlegen, in denen gesundheitsschädliche Substanzen für den Menschen tolerierbar sind.

Im Zentrum der gegenwärtigen Diskussionen steht darum die Frage, ob die schädigende Wirkung eines Stoffes unterhalb der experimentell ermittelten Wirkungsschwelle mit hinreichender Sicherheit ausgeschlossen werden kann.

Industrie: Wirtschaftliche Aspekte berücksichtigen

Nicht unerheblich im Regulierungsprozess ist neben der Risikobewertung von Stoffen aber auch deren wirtschaftliche Bedeutung. Einer der von der Kommission vorgeschlagenen Regulierungsansätze schlägt darum vor, mehr Elemente der Risiko-Nutzen-Analyse in die Entscheidung miteinzubeziehen.

Vor allem Vertreter der Industrie fordern, die Gesetzgebung müsse berücksichtigen, dass sich die verstärkte Regulierung von Endokrinen Disruptoren auf Handel und Wettbewerbsfähigkeit auswirken würde. Die Debatte über Endokrine Disruptoren lasse die Vorteile der Substanzen außer Acht, sagen sie.

Schwellenwerte für Endokrine Disruptoren?

Zu den Konsequenzen einer strengeren Einschränkung bestimmter Stoffe gibt es unterschiedliche Meinungen.

Eine Einschätzung der britischen Regierung kam zu dem Ergebnis, dass durch eine schärfere Regulierung von Endokrinen Disruptoren in Pestiziden und Bioziden bis zu 45 Prozent der heute in Europa genutzten Pflanzenschutzmittel vom Markt genommen werden müssten. In Deutschland wären Schätzungen zufolge zehn der wichtigsten Getreidefungizid-Produkte nicht mehr erhältlich.

Favorit der Industrie ist darum die vierte der in der Kommissions-Roadmap aufgeführten Optionen. Demnach würde das EU-Recht Schwellenwerte festlegen, unter denen das körpereigene System in der Lage ist, eine endokrin vermittelte Wirkung zu neutralisieren.

Viele Nichtregierungsvertreter sehen das kritisch. Statt nach zweifelhaften Sicherheitslevels zu suchen, sollte nach alternativen Stoffen gesucht werden, fordern sie.

Auch Verbraucherschützer sind der Meinung, regulatorische Änderungen an den bestehenden EU-Gesetzen seien aufgrund der existierenden Möglichkeiten für Ausnahmen nicht nötig. Die Voraussetzung für eine angemessene Regulierung Endokriner Disruptoren bestehe darin, deren wissenschaftlich basierte Identifikation von wirtschaftlichen Erwägungen zu trennen.

Auch Verbraucher sind uneins

Wie schwierig am Ende die Entscheidung ist, spiegle sich auch in der zwiegespaltenen Einstellung der Verbraucher, sagt CSU-Politikerin Anja Weisgerber, die seit 2013 dem Bundestagsausschuss für Umwelt und Naturschutz angehört. „Es gibt jene, die völlig gegen die Nutzung risikoreicher Substanzen sind. Aber viele wollen andererseits möglichst wenig importierte Produkte, moderate Preise und Lebensmittel, die frei von Schädlingsbefall sind.“

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