„Rechne fest mit steigenden Krebserkrankungen”

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E-Zigaretten unterliegen in Deutschland nur dem Mehrwertsteuersatz, Heat-Not-Burn-Produkte werden wie Pfeifentabak besteuert und bringen dem Staat nur ein Viertel der Steuern ein, im Vergleich zu anderem Tabak. Zum Vergleich: bei einer normalen Schachtel Zigaretten gehen drei Viertel des Kaufpreises an die Steuerkasse. [Shutterstock]

Deutschland ist Entwicklungsland bei der Tabakregulierung. Experten warnen vor neuer Welle von Krebserkrankungen durch Konsum von E-Zigaretten.

13 Tote, mehr als 850 Lungenerkrankungen: Die Fälle nach dem Konsum von E-Zigaretten aus den USA schockieren. Auch Deutschland könnte eine ähnliche Katastrophe blühen, sagt der Lungenfacharzt und Chef der European Respiratory Society (ERS) Tobias Welte gegenüber EURACTIV. „Bei uns sind im Gegensatz zu den USA neue Tabakprodukte wie Iqos oder Juul völlig unkontrolliert zugelassen worden. Es gibt nicht einmal eine landesweite Datenbank, wo solche Krankheitsfälle wie in den USA dokumentiert werden könnten“.

Deutschland sei ein Entwicklungsland in Sachen Tabakregulierung, ist sich der Experte sicher. Recherchen zeigen: In der Politik scheint es tatsächlich niemanden zu interessieren, dass wichtige Berichte der Weltgesundheitsorganisation WHO nicht veröffentlicht  werden. Anderenorts sind diese Grundlage für die Tabakregulierung. Zudem sind viele Verantwortliche schlichtweg thematisch nicht im Bilde, gerade was neue Tabakprodukte wie E-Zigaretten und Verdampfer betrifft. In Deutschland kann genüsslich weiter gequalmt werden.

Rund sieben Millionen Menschen sterben jährlich an den Folgen des Rauchens. Allein in Deutschland sind es nach Angaben des Krebsforschungszentrums in Heidelberg 120.000 Tote. Rauchen ist damit die häufigste vermeidbare Todesursache in den Industrieländern. Experten wie Professor Tobias Welte von der Medizinischen Hochschule Hannover bemängeln in Deutschland die fehlende Tabakregulierung im öffentlichen Raum oder am Arbeitsplatz. Andere Länder wie beispielsweise Australien sind diesbezüglich weit voraus. Gerade hat die Stadt Melbourne ein komplettes Rauchverbot in ihrer Haupteinkaufstraße verhängt, um vor dem Passivrauchen zu schützen.

Die Lungen-Konferenz der ERS in Madrid: 20.000 Fachärzte und andere Experten aus aller Welt trafen sich kürzlich in der spanischen Hauptstadt, um über die Folgen des Rauchens zu sprechen. Tobias Welte war dabei. „In Deutschland hat der Schutz der Bevölkerung keine Lobby. Zu dominant ist der Einfluss der Tabakindustrie. In den USA, England, Neuseeland oder Australien ist man in der Tabakregulierung viel viel weiter“, sagt Welte.

Keine neuen Steuern auf E-Zigaretten – fürs Erste

Die Europäische Kommission wird zunächst keine europaweite Verbrauchsteuer auf E-Zigaretten und ähnliche neue Tabakprodukte einführen.

Mitten auf dem Messegelände von Madrid haben sich mit großen, multimedialen Info-Ständen auch die in Stellung gebracht, die am Krebs Millionen verdienen: Pharma-Konzerne wie AstraZeneca oder Boehringer Ingelheim. Sie spendieren den Messebesuchern noch besseren Kaffee als das hausübliche Catering, bieten ein persönliches Gespräch und verteilen Barcodes-Tickets, mit denen die Besucher tiefer in die Welt der Rauchentwöhnung und Krebsbehandlung eintauchen können. Prospekte waren gestern.

Pharma-Unternehmen haben ein ureigenes Interesse daran, Medikamente der Onkologie, aber auch der Rauch-Entwöhnung, zu verkaufen. Notfalls auch mit Finanzspritzen. Nach Recherchen des „Spiegel“ nahm zum Beispiel das einflussreiche „Aktionsbündnis Nichtrauchen“, ein Verbund von 15 Institutionen wie der Bundesärztekammer oder dem Deutsches Krebsforschungszentrum, in der Vergangenheit heimlich Spenden durch die Pharma-Industrie an.

Das Interesse der Industrie liegt auf der Hand: Pflaster, Kaugummis und Sprays sollen Rauchern bei der Entwöhnung helfen und da kann ein wenig Einfluss an entscheidenden Stellen nicht schaden. Doch die Nikotin-Ersatzmittel stehen in großer Konkurrenz zu E-Zigaretten und Tabak-Verdampfern, wie sie beispielsweise Philip Morris oder British American Tobacco auf den Mark bringen. Diese gelten bei vielen Fachleuten mittlerweile als das wirksamere Mittel, um vom Rauchen loszukommen. Davon hält Lungenfacharzt Welte jedoch nichts: „Rauchen ist nunmal eine Sucht. Die eine Sucht durch die andere zu ersetzen, das macht keinen Sinn“, sagt er.

Ist es überhaupt vorstellbar, dass die Pharma-Industrie sogar bei der WHO versucht, Einfluss zu nehmen? Längst überfällig ist zum Beispiel der aktuelle Bericht der Tabak-Regulierer der Weltgesundheitsorganisation. Dieser Report erscheint alle zwei Jahre und wird von einer Tabak-Expertengruppe der WHO erstellt. Er ist eine Art Bibel und Arbeitsgrundlage für alle Tabakregulierer der Welt und die Veröffentlichung war eigentlich für den 11.12.2018 festgeschrieben. Doch warum erscheint dieser Report, der auf Grundlagen eines Meetings der WHO-Tabakexperten in Minneapolis 2017 basiert, nicht? Dessen Inhalt dürfte möglicherweise inzwischen überholt sein.

Französische Politiker wollen Zigaretten in Filmen verbieten

Die Europäische Kommission will einen Vorschlag unterstützen, demnach das Rauchen in Filmen verboten werden soll, um den Reiz von Tabakprodukten zu mindern.

Ein NGO-Vertreter, der unerkannt bleiben möchte, sagt: „Normalerweise hätte dieser Report längst veröffentlicht werden müssen. Schließlich enthält er Fachwissen für die tägliche Arbeit. Zum Thema Pharma-Industrie kann ich nur sagen: Sie ringt genau wie die Tabakindustrie um ihren Einfluss. Ich habe nie jemanden gesehen, der Geld von Ihnen angenommen hat, aber sie versuchen natürlich schon, Kongresse finanziell zu unterstützen. Dies haben wir in unserer NGO bislang immer abgelehnt, und vielleicht hätte das Aktionsbündnis Nichtrauchen dies auch tun sollen…“

Doch wie bewerten die in Deutschland tätigen Tabak-Regulierer, die auch auch alle zwei Jahre Politiker zur “Conference of the Parties” (COP) entsenden, die Nicht-Veröffentlichung wichtiger Arbeitspapiere? Nachfragen machen deutlich, dass Tabakregulierung nicht ganz oben auf der Prioritätenliste steht: Das Bundesgesundheitsministerium wiegelt ab und bittet darum, sich direkt an die WHO zu wenden. Dort reagiert die zuständige Pressestelle wiederum gar nicht. Die Pressestelle der neuen Drogenbeauftragten der Bundesrepublik Deutschland schickt einen Link zu einem alten Bericht aus dem Jahr 2018. Nach einer zweiten Anfrage verweist sie wiederum auch an die WHO. Sie entschuldigt sich mit Hinweis auf die “vielen anderen Anfragen, die uns täglich erreichen.“

Trotz der tödlichen E-Zigaretten-Fälle in den USA scheinen das Rauchen und die aktuelle Bewertung der WHO-Experten hierzulande offenbar keine große Rolle zu spielen. Dabei treffen sich bereits im nächsten Jahr die Tabak-Experten zur COP 9 in Den Haag, um Empfehlungen zur Tabakregulierung weltweit auszusprechen.

Während Länder wie Australien oder Neuseeland Zigaretten mit astronomischen Steuern unattraktiv machen – die Schachtel kostet zwischen 15 und 20 € – hinkt die Tabakregulierung hierzulande weit hinterher. Es gab seit vier Jahren keine Erhöhung der Tabaksteuern mehr und neue Verdampfer (Heat-Not-Burn-Produkte) wie „Iqos“ von Philip Morris oder „Glo“ von British American Tobacco (BAT), dürfen die Städte weiter mit Werbung zuplakatieren.

EU-Drogenbericht: Kokain auf Rekordhoch

Der europäische Drogenbericht zeichnet ein düsteres Bild. Kokain und synthetische Drogen nehmen stark zu. Ein Blick in die Berliner Drogenhilfe zeigt, was für Geschichten hinter den Zahlen stecken.

Zudem erfreut sich die E-Zigarette Juul mittlerweile auch an deutschen Schulen großer Beliebtheit. Doch von Regulierung keine Spur: E-Zigaretten unterliegen in Deutschland nur dem Mehrwertsteuersatz, Heat-Not-Burn-Produkte werden wie Pfeifentabak besteuert und bringen dem Staat nur ein Viertel der Steuern ein, im Vergleich zu anderem Tabak. Zum Vergleich: bei einer normalen Schachtel Zigaretten gehen drei Viertel des Kaufpreises an die Steuerkasse.

„Wir brauchen dringend mehr Steuern auf E-Zigaretten und andere neue Tabakprodukte. Ich möchte nicht erleben, welche Folgen diese bei uns in 30 Jahren hinterlassen. Ich rechne fest mit einer steigenden Zahl von Krebsfällen. Schließlich weiß niemand, welches Gift sich durch Iqos & Co in unseren Körpern einlagert“, sagt Tobias Welte. „Es gibt überhaupt keine Langzeitstudien.“

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