Rasanter Anstieg der Neuinfektionen in Deutschland: Städte und Kliniken schlagen Alarm

Der Direktor des Instituts für Virologie der Charite Berlin Prof. Dr. Christian Drosten (li.) und Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (re.). [EPA-EFE/ALEXANDER BECHER]

Angesichts stark steigender Zahlen an Corona-Neuinfektionen schlagen Städte und Kliniken Alarm.

Die Berliner Charite und die Frankfurter Universitätsklinik warnten vor einer Zunahme an Patienten bei einem sich verschärfenden Personalmangel. Berlins Bürgermeister Michael Müller forderte vor Beratungen von Oberbürgermeistern der größten Städte Deutschlands mit Bundeskanzlerin Angela Merkel am Mittag mehr Hilfe vom Bund. Kommenden Mittwoch will sich Merkel nach Angaben einer Regierungssprecherin erneut mit den Ministerpräsidenten der Länder beraten.

Der Virologe Christian Drosten warnte davor, sich in falscher Sicherheit zu wiegen. Die Entwicklung in Deutschland folge der anderer Länder nur zeitversetzt. “Wir sind in einer angespannten Situation”, sagte Berlins Regierender Bürgermeister Müller. Der Vorstand Krankenversorgung der Berliner Charite, Ulrich Frei, sprach von einer exponentiellen Entwicklung in der Corona-Pandemie, also einem drohenden sehr schnellen weiteren Anstieg der Fallzahlen.

In Deutschland meldete das Robert-Koch-Institut (RKI) für die vergangenen 24 Stunden 4516 neue Ansteckungsfälle. Es starben weitere elf Menschen an den Folgen des Virus, insgesamt 9589. Dass die Zahl der Todesfälle bei weitem nicht so stark steigt wie die Neuinfektionen wird damit erklärt, dass sich derzeit vor allem jüngere Personen zwischen 20 und 40 Jahren ansteckten, von denen ein geringerer Prozentsatz schwer erkranke. Allerdings sei zu beobachten, dass sich wieder mehr ältere Personen infizierten, warnte der Chef der Berliner Charite, Heyo Kroemer. Die Zahlen der Corona-Patienten auch auf den Intensivstationen stiegen stetig an.

Nicht nur in Deutschland gehen die Infektionszahlen hoch. In Nachbarstaaten wie Polen oder Tschechien erreichen sie fast täglich neue Höchststände.

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Es fehlt überall an Personal

Zwar betonten sowohl Kroemer als auch der ärztliche Leiter des Frankfurter Uniklinikums, Jürgen Graf, dass man inzwischen mehr Erfahrung bei der Behandlung von Corona-Patienten habe. Gleichzeitig sei die Personaldecke aber sehr angespannt. Allein im Universitätsklinikum Frankfurt hätten sich in den vergangenen zwei Wochen doppelt so viele Mitarbeiter mit dem Corona-Virus infiziert wie in den drei Monaten zuvor, sagte Graf. Auf dieses Problem wies auch der Vorstand Krankenversorgung der Berliner Charite, Ulrich Frei, hin. Das Problem verschärfe sich, weil dadurch viele weitere Mitarbeiter in Quarantäne gehen müssten. Das Personal sei “der absolute Knackpunkt” bei der Versorgung der Corona-Patienten.

Berlins Regierender Bürgermeister Müller appellierte an den Bund, gerade den Großstädten mehr Personal für die Eindämmung des Corona-Virus zur Verfügung zu stellen. Viele Stellen in den Gesundheitsämtern könnten nicht besetzt werden. In den Großstädten steigen die Zahlen der Corona-Neuinfektionen derzeit besonders stark. Charite-Chef Kroemer sagte, dass nicht notwendige Operationen und Behandlungen von Nicht-Corona-Patienten wieder zurückgestellt werden müssten.

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Einheitliche Länderregeln gefordert

Der Deutsche Städte- und Gemeindetag sowie Müller forderten zudem einheitlichere Regelungen der Länder. “Ich hätte mir schon gewünscht, dass da mehr an einem Strang gezogen wird”, sagte der Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg im ZDF. Müller kritisierte einen Flickenteppich an Länder-Regelungen etwa bei innerdeutschen Reisebeschränkungen. “Es ist ungut, dass es nicht ein abgestimmtes Verfahren gibt”, sagte er. Hintergrund ist, dass etliche Länder Reisende aus Risikogebieten wie etwa Berlin, Frankfurt oder Essen nur noch dann beherbergen wollen, wenn sie einen negativen Test vorweisen. Solche Regelungen belasten aber nach Ansicht des Virologen Drosten die Test-Kapazitäten immer stärker, weil sich Personen testen lassen müssten, die gar keine Symptome zeigten. Er warnte davor, dass die Kapazität von derzeit etwa 1,1 bis 1,2 Millionen Tests pro Woche in den nächsten Wochen wegen knapper Reagenzien wieder sinken könnten.

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