Psychische Erkrankungen: Die „parallele Pandemie“

EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides betonte, sie sei sich bewusst, dass "ein Tsunami an psychischen Erkrankungen auf uns zukommt, wenn COVID-19 abklingt". [SHUTTERSTOCK]

COVID-19 hat eine „parallele Pandemie“ mit psychischen Gesundheitsproblemen ausgelöst, die noch lange nach der Bekämpfung des Coronavirus spürbar sein wird, warnen Fachleute. Gerade jüngere Menschen tragen dabei die Hauptlast in der EU.

Die neue Studie, die in der vergangenen Woche vorgestellt wurde, zeigt, dass das psychische Wohlbefinden seit dem Ausbruch der Pandemie vor über einem Jahr in allen Altersgruppen einen Tiefstand erreicht hat. Am stärksten sank das psychische Wohlergehen bei denjenigen, die ihren Arbeitsplatz verloren haben, sowie bei jungen Menschen.

Zwar bedeutet dies nicht, dass ältere Menschen in Bezug auf ihr psychisches Wohlbefinden grundsätzlich weniger hart von der Pandemie betroffen sind; doch viel deutet darauf hin, dass jüngere Menschen „unverhältnismäßig stärker betroffen sind als ältere“, so Massimiliano Mascherini, der Leiter der Abteilung für Sozialpolitik bei Eurofound, der EU-Agentur für die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen in Europa.

Bei der Präsentation der Forschungsergebnisse stellte Mascherini außerdem fest, dass das psychische Wohlbefinden von Frauen offenbar stärker von COVID-19 beeinträchtigt wurde als das von Männern.

COVID-Effekt: Schlechtere Gesundheitsbedingungen für Babys und Mütter

Die Bedingungen für werdende Mütter und Babys haben sich während der COVID-19-Pandemie verschlechtert, so eine neue Studie des Fachmagazins Lancet, die am Mittwoch veröffentlicht wurde.

Die Umfragedaten legen des Weiteren nahe, dass die allgemeine psychische Gesundheit stärker von den Lockdown-Maßnahmen beeinträchtigt wurde als von der Anzahl der COVID-19-Fälle: „Die Einschränkung der Bewegungsfreiheit, zusammen mit der Kontaktverfolgung, schafft eine Abnahme des psychischen Wohlbefindens unserer Bürgerinnen und Bürger,“ fasste Mascherini zusammen.

Im Gegensatz dazu habe die Schließung gewisser Arbeitsplätze das psychische Wohlbefinden der Befragten meist erhöht, da so Angst und Sorge vor einer Ansteckung während der Arbeit beseitigt werden konnten.

Insgesamt habe die Pandemie einen bereits bestehenden Trend zu vermehrten psychischen Gesundheitsproblemen verstärkt, so Pim Cuijpers, Ko-Vorsitzender der Fachberatungsgruppe zu den Auswirkungen von COVID-19 auf die psychische Gesundheit bei der WHO.

Da häufig Bürgerinnen und Bürger im arbeitsfähigen Alter betroffen sind, dürften die finanziellen Kosten in der Europäischen Union „etwa 600 Milliarden Euro pro Jahr ausmachen – und zwar nicht wegen der Behandlungskosten, sondern vor allem wegen der Produktionsausfälle“, fügte er hinzu.

Weitreichende Auswirkungen

Mascherini warnte weiter, dass die Auswirkungen dieser „parallelen Pandemie der seelischen Gesundheit“ wahrscheinlich noch lange nach Ende der Coronavirus-Pandemie anhalten werden.

Ähnlich wies Cuijpers darauf hin, dass sich die wirtschaftlichen Effekte der Pandemie längerfristig wiederum auf die Psyche auswirken werden: „Denn wir wissen, dass Rezession, Armut und Arbeitslosigkeit großen Einfluss auf die psychische Gesundheit haben.“

Behörden sorgen sich um die psychische Gesundheit in Frankreich

Nach mehr als einem Jahr Pandemie und mehreren Lockdowns sind die Behörden in Frankreich besorgt über die psychische Gesundheit der Bevölkerung.

EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides betonte ihrerseits, sie sei sich bewusst, dass „ein Tsunami an psychischen Erkrankungen auf uns zukommt, wenn COVID-19 abklingt“.

Erste Forschungsberichte würden bereits „erhebliche psychiatrische und neurologische Schäden bei Patientinnen und Patienten zeigen, bei denen COVID-19 diagnostiziert wurde,“ fügte sie hinzu.

Psychische Gesundheit im „Mittelpunkt“ des Wiederaufbaus

Irene Norstedt, die für das Gesundheitsdirektorat innerhalb der GD Forschung und Innovation der Europäischen Kommission verantwortlich ist, warnte derweil, es gebe in der EU nach wie vor viel Stigmatisierung in Bezug auf psychische Erkrankungen. Darüber hinaus hätten die psychiatrischen Dienste bereits jetzt große Mühe, den Bedarf an Therapien und Pflege zu decken.

Außerdem blieben psychische Störungen oft unerkannt und „die pharmazeutischen Investitionen in die Entwicklung neuer Medikamente gehen zurück“. Innerhalb der Union müsse daher „viel mehr geforscht werden, um eine personalisierte Prävention sowie krankheitsverändernde Behandlungen oder Heilmethoden zu entwickeln. Das ist wirklich dringend notwendig,“ forderte Norstedt.

Auch Hans Henri P. Kluge, WHO-Regionaldirektor für die Region Europa, räumt ein, dass die COVID-19-Krise die besorgniserregende Lage in Sachen psychisches Wohlbefinden deutlich gemacht habe. Er sieht die Situation jedoch auch als Chance, mehr im Bereich psychische Gesundheit zu tun und meint: „Ein Hoffnungsschimmer der aktuellen Situation ist die Möglichkeit, einen neuen Weg für die Förderung, den Schutz und die Versorgung im Bereich der psychischen Gesundheit in Europa zu beschreiten. Die psychische Gesundheit sollte in den Mittelpunkt der Recovery-Agenda gestellt werden.“

[Bearbeitet von Natasha Foote und Tim Steins]

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