Mission Vertrauen: Wege aus Eurokrise und Unsicherheit

Und wie kommt das Vertrauen zurück? Foto: wandersmann / pixelio.de

Die Eurokrise ist weit mehr als eine Finanzkrise: eine Krise des Vertrauens in die Stabilität von Staaten, die Solidität von Finanzinstituten und die Sicherheit des politischen und wirtschaftlichen Systems. Wie Europa das „Systemvertrauen“ wiederherstellen und aus der Unsicherheit herausfinden kann, analysiert Nicolaus Heinen im Buch „Mission Vertrauen“, das Ende September erscheint. EURACTIV.de bringt Auszüge daraus.

Der Autor

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Dr. Nicolaus Heinen (geboren 1980) ist Analyst für europäische Wirtschaftspolitik bei der Deutschen Bank in Frankfurt. Er analysiert und kommentiert aktuelle Entwicklungen in Europa in Publikationen, unter anderem auch in EURACTIV.de. Lehrbeauftragter für Europäische Geld- und Wirtschaftspolitik am Center for Macroeconomic Research der Universität Köln.

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Seit Ausbruch der Krise im Herbst 2008 ist nichts mehr so, wie es vorher war:

Der Preis der Feinunze Gold hat sich in den vier Folgejahren fast verdreifacht. Preise von Immobilien in deutschen Ballungszentren sind enorm gestiegen. Weltweit haben Notenbanken Notmaßnahmen ergriffen, um einzelne notleidende Finanzinstitute und Staaten zu unterstützen. Ganze Länder sind über gigantische Rettungsschirme mit komplizierten Garantieverflechtungen vor dem Staatsbankrott gerettet worden. Und wenn es in den letzten Jahren ein Thema in den Medien, in der Öffentlichkeit und bis hinein in die Familien gab, dann war es die Wirtschafts- und Finanzkrise und die Ängste, die wir mit ihr verbinden.

Unsere Wahrnehmung der Welt hat sich massiv verändert. Man muss kein Wirtschaftswissenschaftler oder Finanzanalyst sein, um zu verstehen, dass die Risiken im Finanzsystem oder in der Staatenfinanzierung trotz diverser Rettungsschirme gigantisch sind. Systemsicherheit zu bewahren ist für verantwortliche Stellen zu einer dramatischen Herausforderung geworden. Wir fragen uns: Wann schalten Politik und Finanzsystem wieder auf Normalmodus? Wann hört das auf?

Was wir in Europa und in der Welt derzeit sehen, ist weit mehr als eine Finanzkrise. Es ist eine Vertrauenskrise in die Stabilität von Staaten, in die Solidität von Finanzinstituten und in die Sicherheit unseres politischen und wirtschaftlichen Systems. Für die Zukunft gilt es daher, Vertrauen wieder vollständig herzustellen, Vertrauen in unser Wirtschafts- und Finanzsystem, Vertrauen in die Politik. Systemvertrauen.

Die drei Vertrauensanker

Es gibt Wege, Systemvertrauen wieder aufzubauen und zu verhindern, dass die Systemvertrauenskrise sich weiter verstärkt. Drei Vertrauensanker tragen dazu bei, Vertrauen in die europäische Politik, aber auch das Wirtschaftssystem zu stärken:

·      Neues Vertrauen in die Politik kann mit einfachem politischen Willen über Regeln geschaffen werden, die nicht hierarchisch steuern, sondern einen konstruktiven Leistungswettbewerb zwischen Staaten fordern. Derartige Regeln sind der erste Anker.

·      Ähnliches gilt für Wachstum als zweitem Grundstein für Vertrauen. Finden Strukturreformen statt und werden Mittel aus dem EU-Haushalt in produktive Verwendungszwecke umgeschichtet, sind höhere Wachstumsraten, allgemeine Zuversicht und neues Vertrauen in das Wirtschaftsystem nicht mehr fern.

·      Ohne eine grundsätzliche Hinwendung hin zu gesellschaftlichen Tugenden in Politik und Wirtschaft geht es jedoch nicht. Sie ist der dritte Vertrauensanker. Mehr Orientierung an Tugenden setzt zunächst eine strukturierte Wertedebatte voraus. Allein sie kann in Zeiten großer Verunsicherung bewirken, dass wir unseren Standpunkt neu erkennen und verorten, in der Bewältigung der anstehenden Herausforderungen einen Sinn sehen und uns mit den Zielen ambitionierter Reformpolitik identifizieren.

Systemvertrauen als handfester Standortvorteil

Stabiles Vertrauen in Wirtschaft und Politik ist ein Standortvorteil im globalen Wettbewerb. Wir wissen: Wo wir einander vertrauen, müssen wir weniger kontrollieren, die Transaktionskosten sinken. Mehr noch: Wo es Systemvertrauen gibt und wir mit Zuversicht in die Zukunft schauen, investieren wir auch lieber und konsumieren freudiger.

Vertrauen in Institutionen des Staates und in unser Wirtschaftssystem erhöht unsere Planungssicherheit. Das Systemvertrauen in anderen Kontinenten ist nicht in dem Maße ausgebaut wie in Europa. Wir haben hier die Nase vorn. Systemvertrauenskultur ist unser handfester Standortvorteil. Noch. Wir müssen alles dafür tun, dass es so bleibt.

Hohe Ansprüche, hohe Kosten

Doch nicht nur das. Wir müssen verstehen, mit Systemvertrauen als Pfund im globalen Standortwettbewerb zu wuchern. Wir müssen nicht nur dafür sorgen, dass Politik und Wirtschaft national und international wieder mehr Vertrauen der Bürger erlangen.

Wir müssen auch lernen, diese Vertrauenskultur im internationalen Standortwettbewerb in bare Münze umzuwandeln.

Wir wissen, dass wir andere Länder in der Preiswettbewerbsfähigkeit nicht schlagen können. Zu hoch sind unsere Ansprüche und die Kosten unseres Lebensstandards. Umso wichtiger ist es, dass wir im globalen Standortwettbewerb mit anderen Faktoren punkten, etwa Innovation, Qualität, aber eben auch Kultur und Vertrauenskultur.

Für unsere Geschäftspartner bedeutet das Planungssicherheit, Zuverlässigkeit und weniger Kontrolle. Daher sollten wir unsere Vorstellungen von Werten und Vertrauenswürdigkeit nicht nur leben und als Wettbewerbsvorteil ausbauen, sondern globalen Wettbewerb zum Vertrauenswettbewerb umgestalten.

Was sich zunächst abstrakt und praxisfern anhört, haben wir in vielen Bereichen bereits geschafft. Niemand auf der Welt ist so gut wie wir Europäer darin, moralische Exportschlager zu schaffen.

Moralische Exportschlager 

Moralische Exportschlager? In der Tat ist es uns Europäern in der Vergangenheit gelungen, Mindeststandards zu entwickeln, die Unternehmen das Leben anfangs schwer gemacht haben. Denn Mindeststandards erfordern zunächst Investitionen und verursachen somit Kosten. Im Endeffekt aber sorgen sie für höhere Wettbewerbsfähigkeit der Produkte. Das sorgt dann für Nachahmereffekte.

Da wir in Sachen Lebensqualität und Mindeststandards weltweit führend sind, sieht man in uns auch einen globalen moralischen Standardsetzer. Und zwar nicht nur im Feld der Demokratie.

Europa ist Heimat des Verbraucherschutzes

·      Die europäische Umweltbewegung hat ihre Wurzeln in den 1920er-Jahren. In den 1960er-Jahren bildeten sich Bürgerinitiativen, in den Folgejahrzehnten Parteien mit dem Fokus Umweltschutz. Sie hoben das Ziel Umweltschutz zunächst von der regionalen auf die nationale und von dort auf die europäische Ebene. Europa ist heute auf globaler Ebene der zentrale Treiber, wenn es um Umweltstandards und um die Eindämmung des Klimawandels geht.

·      Europa ist Heimat des Verbraucherschutzes. Vorschriften zur Reinhaltung von Brot und Wein datieren bereits aus der Zeit des antiken Rom. Das deutsche Reinheitsgebot für Bier ist fast so alt wie der Buchdruck. Obwohl es nicht mehr verpflichtend ist, wird es von Brauereien weltweit befolgt. Sie wissen, wie sehr ihre Kunden Qualität schätzen, auch wenn Gerste, Hopfen und Malz in Asien als Zutaten teurer sind als Maisverschnitt. Der Verbraucherschutz stellt Importeure, die Güter in den europäischen Binnenmarkt einfuhren möchten, vor enorme Qualitätshürden. Infolgedessen können sie jedoch auch höherwertige Ware im Heimatmarkt anbieten. Die Lebensqualität steigt auch im Exportland.

·      Europa ist Weltleitkultur, wenn es um Zivilisation und Lebensqualität geht. Die Welt singt englisch. Sie konstruiert deutsch. Sie isst italienisch. Sie richtet sich schwedisch ein. Städte in Asien werden nach europäischen Vorbildern angelegt mit vielen Parks, Sicht- und Frischluftschneisen. Wann immer Rankings die Lebensqualität in den Städten der Welt bewerten, nehmen europäische Städte Spitzenpositionen ein. Man schätzt unsere Art der Urbanität und möchte sie imitieren.

Qualitäts- statt Preiswettbewerb 

Die Liste der Beispiele ließe sich noch fortsetzen. Sie alle zeigen, dass wir es geschafft haben, den Preiswettbewerb im Wettkampf der Standorte in einen Qualitätswettbewerb umzuwandeln.

Genau dieses Erfolgskonzept gilt es nun auf Vertrauenskultur zu übertragen. Das bedeutet: Im ersten Schritt eine Vorbildfunktion anzunehmen, im zweiten Schritt dadurch erfolgreicher als andere zu werden und dieses Modell dann im dritten Schritt zu exportieren, indem andere es uns gleichtun.

China stellt keine moralischen Fragen, zumindest noch nicht. Das können wir derzeit noch besser. Doch es genügt nicht, das zu wissen und sich mit dem Gefühl moralischer Überlegenheit darauf auszuruhen. Die neue Vertrauenskultur, die wir anstreben, sollte vielmehr Aufgabe und Verpflichtung zugleich für uns sein, weltweit Vertrauen vorzuleben und daraus einen konstruktiven Wettbewerb entstehen zu lassen – gerne mit Imitation als erstem Schritt.

Gesellschaftliche Wertedebatte

Eine neue Vertrauenskultur ist möglich – in Europa und weltweit. Nach einem schmerzlichen Prozess der Selbsterkenntnis müssen wir es als unsere Mission begreifen, unsere neue Vertrauenskultur per Vorbildfunktion munter zu exportieren, genau so, wie wir das in der Vergangenheit mit Demokratie, Umwelttechnologie und Verbraucherschutz getan haben.

Mit besseren Regeln, die auf Eigenverantwortung setzen. Mit Wachstum, das nicht auf Pump finanziert ist. Und auf Basis einer tief gehenden Wertedebatte, die Verantwortliche in Politik und Wirtschaft daran erinnert, dass es so etwas wie Kardinaltugenden gibt.

Dialog von Regierungen und NGOs

Gerade weil wir Europäer so eng aufeinander hocken und gerade weil wir uns mit Zusammenspiel und Wechselwirkungen nationaler Befindlichkeiten auskennen, sollten wir uns im globalen Spielfeld auch hier gut positionieren können. Wir erreichen dies zunächst über einen intensiveren Dialog im Rahmen globaler Foren wie den G20-Treffen, die ein notwendiges Mindestmaß an Austausch über die Perspektiven politischer Koordinierung bieten. Dieser Dialog muss nicht nur von Regierungen und internationalen Organisationen, sondern auch mit NGOs geführt werden.

Wir können das auch erreichen, indem wir Führungskräfte anderer Länder einladen, bei uns zu studieren, und sie unsere Vertrauenskultur erfahren lassen. Es ist bedauerlich, dass die weltweit besten Schulen der Regierungskunst (Public Policy) in den Vereinigten Staaten stehen und nicht in Paris, Berlin oder Warschau.

Der wichtigste Hebel ist, mit gutem Beispiel voranzugehen und den Wiederaufbau von Systemvertrauen mit der gleichen Leidenschaft vorantreiben wie seinerzeit den Umweltschutz. Das, was die USA an globaler Erziehung zu Freiheit und Demokratie weltweit geleistet und für sich indirekt als Netzwerkvorteil umgewandelt haben, sollte uns Ansporn genug sein. Als globale Vorbilder für und Förderer von Vertrauenskultur können wir einen ähnlichen Weg gehen und das Feuer in anderen entfachen.

Sich selbst neu erfinden

Ganz einfach wird dieser Weg sicher nicht. Doch wenn wir ihn als Aufgabe, als Mission verstehen, die uns weiterbringt, wird er mit Sicherheit spannend und im Ergebnis auch erfreulich. Grund genug für unseren Kontinent, sich bald auf seine Mission Vertrauen zu begeben – zunächst nach innen. Dann nach außen. Den eigenen Standort zu erkennen, sich selbst neu zu erfinden. Vertrauen aufzubauen. Die eigene Zukunft als Staatengemeinschaft und Kontinent selbst in die Hand zu nehmen und zu wissen, dass man sie prägen kann. Aufrecht und aufrichtig. Fair im Gegeneinander und meistens im Miteinander. Eigenverantwortlich. Verantwortungsbewusst. Selbstbewusst.

Kann es etwas Schöneres geben?


Das Buch

" /"Mission Vertrauen. Wege aus der Eurokrise. Wege aus der Unsicherheit." erscheint Ende September 2012 beim Mitteldeutschen Verlag (Halle/Saale). 296 Seiten, 16,95 € (ISBN 978-3-89812-971-8). Nähere Informationen zum Buch finden Sie hier.


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