„Lebensmittelampel“ wird in Europa immer beliebter

„Achten Sie auf Produkte, die mehr grüne und gelbe, und weniger rote Zeichen haben, um eine gesündere Ernährung zu wählen“, wirbt zum Beispiel die Supermarktkette Sainsbury‘s. [Sainsbury's]

Ein von Großbritannien eingeführtes Ampelsystem über die Gesundheits- und Ernährungseigenschaften von Lebensmitteln wurde auf EU-Ebene vor einigen Jahren von den Mittelmeerstaaten blockiert. Nun wächst aber die Unterstützung in Europa.

Mit der Einführung von Ampel-Etiketten auf Lebensmitteln will die britische Regierung es den Konsumenten erleichtern, den Salz-, Zucker-, oder Fettgehalt in Produkten zu erkennen. Je nach Inhaltsstoffen und -mengen sind die Labels rot, gelb oder grün. Bisher ist das im Jahr 2013 eingeführte System noch freiwillig, und nur ein Drittel der im Königreich verkauften Lebensmittel tragen die Etiketten tatsächlich.

Im September 2016 forderten daher lokale Behörden, die britische Regierung solle das Label verpflichtend machen. Die bisherige Regelung auf freiwilliger Basis verwirre die Kunden. Izzi Seccombe, Vorsitzende der Local Government Association (LGA), lobte im Gespräch mit der BBC dennoch: „Großbritannien ist führend mit diesem Labeling-System. Es wird bereits von vielen Herstellern genutzt und bietet schnelle, klare Informationen auf einen Blick. Es ist bereits jetzt ein System, das viele Konsumenten kennen und schätzen gelernt haben.“

Dennoch bleiben solche Ampelsysteme kontrovers. Auf europäischer Ebene wurde ein Ampel-Etikettensystem im Jahr 2010 blockiert. Insbesondere südeuropäische Mitgliedsstaaten wandten sich gegen die Labels britischen Typs. Ihrer Meinung nach wird dadurch die typische, olivenöl-lastige Mittelmeerküche stigmatisiert. Das System entspräche nicht der damals diskutierten EU-Richtlinie zur Information der Verbraucher über Lebensmittel. Tatsächlich startete die Kommission im Jahr 2014 ein Verfahren gegen Großbritannien.

Lebensmittelindustrie gewinnt Kampf um “Ampel”-Kennzeichnung

Das Europäische Parlament stimmte gestern (16. Juni) darüber ab, Nährstoffinformation auf verpackten Lebensmitteln zur Pflicht zu machen, doch wies es den Ruf von Gesundheits- und Verbraucherorganisation zurück, ein Ampelsystem einzuführen, das Verbrauchern eine visuelle Warnung bei hohen Fett-, Zucker- oder Salzgehalten eines Produktes liefern würde.

Zu vereinfachend?

Ein Kommissionssprecher bestätigte im Gespräch mit EURACTIV.com erneut, dass das britische Ampelsystem von einigen Mitgliedsstaaten als zu vereinfachend und stigmatisierend gegenüber einigen Lebensmitteln angesehen werde. Die Regierungen von Zypern, Griechenland, Italien, Portugal, Rumänien, Slowenien und Spanien widersetzten sich gemeinsam der britischen Regelung und riefen die Kommission auf, sie zu verbieten. Beispielsweise würden unter der Richtlinie 99 Prozent der Fleischprodukte als „rot“ eingestuft, zitiert GlobalMeatNews.com Industrievertreter.

Nach Erkenntnissen von EURACTIV untersucht die Kommission derzeit weitere Informationen der Lebensmittelindustrie. Zeitgleich scheint es, dass der britische Ansatz in anderen Mitgliedsländern beliebter wird. So hat Frankreich beispielsweise ein ähnliches ‚Nährstoff-Punktesystem‘ eingeführt, dass die Qualität eines Produkts von grün (bzw. Note A) bis rot (Note E) einstuft. Das Europabüro der Weltgesundheitsorganisation (WHO) lobte die französische Initiative.

Auf Seiten der Privatwirtschaft haben sechs Industrieriesen, darunter Coca-Cola und Nestlé, damit begonnen, ein an das britische Vorbild angelehntes Ampelsystem in Europa einzuführen. Italien intervenierte. „Wir werden uns in den nächsten Stunden erneut an die Kommission wenden, damit sie diese marktverzerrende Aktion unterbindet“, sagte der zuständige Minister Maurizio Martina im März.

Gesundheitsorganisationen lobten hingegen den Schritt der Industrie. Er helfe Konsumenten dabei, informierte Entscheidungen in Sekundenschnelle zu treffen. Ein farbbasiertes Label mit Nährwertinformationen auf der Verpackungsvorderseite der Produkte habe sich als bestmögliche und schnellste Methode zur Kundeninformation erwiesen, erklärte die europäische Verbraucherschutzorganisation BEUC.

Lebensmittelsteuern: Mehrbelastung oder Lösung?

Einige EU-Staaten versuchen mit einer anderen Herangehensweise, der Einführung von sogenannten „Fettsteuern“, Gesundheitsprobleme zu bekämpfen. Ein einem EU-Bericht aus dem Jahr 2014 wird festgestellt, dass Steuern auf zucker-, salz- oder fettreiche Lebensmittel „im Allgemeinen eine Verminderung des Konsums solcher Produkte erzielt.“ Allerdings könnten solche höheren Steuern auch lediglich dazu führen, dass die Verbraucher eher billigere Waren kaufen, warnte der Bericht.

Diese Voraussage wurde größtenteils von Ungarn bestätigt, dass eine Zuckersteuer auf Lebensmittel im Jahr 2011 eingeführt hatte. Vier Jahre später hätten die Verbraucher zu billigeren und vermehrt aber auch gesünderen Alternativprodukten gegriffen, so Erkenntnisse des Nationalen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften.

Auf Nachfrage von EURACTIV verwies die ungarische EU-Vertretung in Brüssel auf einen WHO-Bericht, der befand, die „Produktsteuer für die öffentliche Gesundheit“ habe sowohl ihre kurz- als auch langfristigen Ziele erreicht. Der Konsum der besteuerten Produkte sei gefallen und bleibe auch auf einem niedrigen Stand. Eine wichtige Erkenntnis sei, „dass mehr als zwei Drittel der Konsumenten auf eine gesündere Alternative umgestiegen sind. Da zwei Drittel der ungarischen Erwachsenen übergewichtig oder fettleibig sind, ist es ein weiterer Erfolg, dass es bei diesen Gruppen wahrscheinlich wurde, dass sie ihren Konsum der besteuerten Produkte reduzierten“, so der WHO-Bericht.

Die Lebensmittelindustrie warnt jedoch, mit Verweis auf Erfahrungen in Dänemark und Finnland, dass die Besteuerung bestimmter Lebensmittel den Markt verzerre und bestenfalls marginale Verbesserungen in der Gesundheit der Bevölkerung bringe.

"Fettsteuer" beugt ungesundem Kaufverhalten vor

Die im Oktober 2011 eingeführte, dänische Fettsteuer war zwar nur von kurzer Dauer, hat aber neusten Studienergebnissen zufolge ihr Ziel trotz heftiger Kritik erreicht. So habe sie nicht nur das Kaufverhalten der Dänen verändert, sondern auch Leben gerettet. EURACTIV Brüssel berichtet.

Dänemark war das erste Land, das eine Fettsteuer auf Produkte mit vielen gesättigten Fettsäuren erhob. Diese Steuer wurde jedoch nach 15 Monaten wieder abgeschafft, weil sie mit erhöhter Inflation, „Einkaufstouren“ über die Grenze nach Deutschland, Jobverlusten und einer enormen Belastung der Verwaltungen einherging. Die finnische Regierung führte eine ähnliche Steuer auf Süßigkeiten und Eiskrem ein, die aber ebenfalls wieder außer Kraft gesetzt wurde.

„Es scheint also, dass solche Steuern ihre gesundheitspolitischen Ziele verfehlen“, meint Olivier Devaux von der European Snacks Association. Mit Verweis auf einen Kommissionsbericht erklärt er, die Fettsteuern „schaffen eine viel höhere Belastung der Behörden“ und hätten „möglicherweise weitaus größere Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit kleinerer Firmen als die der multinationalen Konzerne.“

Bildung und Vereinfachung

Wouter Lox, Chef des EU-Salzverbandes, stimmt zu, dass besser informierte Konsumenten das Ziel seien; aber dies könne nur durch bessere Bildung, insbesondere im Schulalter, erreicht werden. „Ich halte es für fraglich, ob den Konsumenten wirklich überkomplizierte Informationssysteme zur Verfügung gestellt, strikte Gesetze umgesetzt, und bestimmte Produkte besteuert werden müssen, um sie zu gut-informierten Verbrauchern zu machen.“ Es gebe einen Unterschied zwischen autokratischer Gesetzgebung, die die Verbraucher von jeglicher Verantwortung entbindet und entmündigt, und einem Ansatz, der ihnen ausreichend Informationen bietet, damit sie informiert wählen können, so Lox weiter.

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Übergewicht bei Kindern: das Paradebeispiel

Die WHO schätzt, dass Europa sich auf eine massive Fettleibigkeits-Krise zubewegt. Im Jahr 2030 könnten 89 Prozent der irischen Männer und 77 Prozent der griechischen Männer übergewichtig sein.

Die Kommission sei sich dieser Problematik bewusst – und Besteuerung bestimmter Produkte könnte tatsächlich als eine Maßnahme in einem breit gefächerten Katalog ergriffen werden, um dem komplexen Problem Herr zu werden, sagte ein Kommissionssprecher gegenüber EURACTIV. Außerdem „brauchen wir mehr Bildung, damit die Menschen lernen, wie sie sich und ihre Familien gesund ernähren. Wir brauchen klare Informationen bezüglich der Inhaltsstoffe und Nährwerte der Lebensmittel. Und das gesunde Produkt muss die einfachere Alternative sein“, so der Sprecher. Er verwies auch insbesondere auf den European Action Plan on Childhood Obesity, der Teil der EU-Stragie „Ernährung, Übergewicht und Adipositas“ ist.

Dieser Aktionsplan gegen Adipositas bei Kindern ist eine Top-Priorität des maltesischen Ratsvorsitzes. Sein Fokus liegt auf der Unterstützung für eine gesundheitsfördernde Umwelt, besonders in Schulen und Kindergärten, der Einschränkung von Werbung und Marketing, die speziell auf Kinder abzielen, der Ermunterung zu mehr sportlichen Aktivitäten sowie weiterer Forschung.

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Bei ihrem Treffen letzte Woche einigten sich die EU-Gesundheitsminister auf eine striktere Linie gegen Junkfood-Werbung. Sie riefen außerdem die Mitgliedsstaaten auf, Übergewicht zu einem Hauptpunkt der politischen Agenda zu machen. Der Einfluss von Werbung für Produkte mit hohem Kalorien-, Zucker- und Salzgehalt bzw. mit vielen gesättigten Fettsäuren auf Kinder und Jugendliche solle in allen Medien (inklusive Websites und Social Media) beschränkt werden.

Die Minister warnten auch, dass eine Selbstregulierung der Industrie nicht ausreichend sein könnte. „Die Erfahrung lehrt, dass freiwillige Kontrolle meistens durch regulierende Eingriffe unterstützt werden muss, um effektiver zu werden“, so die Gesundheitsminister in der Abschlusserklärung ihres Treffens.

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