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23/01/2017

Italiens Pharma-Skandal heizt Debatte um Arzneimittelpreise an

Gesundheit und Verbraucherschutz

Italiens Pharma-Skandal heizt Debatte um Arzneimittelpreise an

Laut BEUC werden lebenswichtige Krebsmedikamente erst vom Markt zurückgehalten und dann zu unbezahlbaren Preisen wieder eingeführt.

[tr0tt3r CC BY-SA 2.0/Flickr]

Angesichts eines Skandals in der italienischen Pharmaindustrie fordert die Europäische Verbraucherorganisation (BEUC) die Kommission dazu auf, „unethische“ Preissetzung im Wirtschaftszweig zu untersuchen. EurActiv Brüssel berichtet.

Am 14. Oktober verhängte das italienische Kartellamt eine Geldstrafe in Höhe von fünf Millionen Euro gegen das Unternehmen Aspen Pharma. Der Grund: Es soll die italienische Arzneimittelagentur (AIFA) „erpresst“ haben. Insbesondere habe Aspen damit gedroht, Patienten auf dem italienischen Markt, eingeschlossen Kinder und Frauen, nicht länger mit lebensnotwendigen Krebsmedikamenten zu versorgen, sollte der Preis der Arzneimittel nicht angehoben werden.

Das Pharmaunternehmen habe somit vorsätzlich seine Marktposition als einziger Anbieter der Krebsmedikamente ausgenutzt, heißt es in der Stellungnahme der Arzneimittelagentur. Das Bußgeld bezieht sich auf die „unfaire Preissetzung“, in deren Rahmen Medikamente teilweise um 1.500% teurer wurden. Altroconsumo, das italienische Mitglied der BEUC, widmete sich der Angelegenheit bereits letztes Jahr, nachdem sich Verbraucher über die Knappheit jener Medikamente beschwert hatten.

Aspen erstand das onkologische Arzneimittelpaket von GlaxoSmithKline. Das entsprechende Patent lief schon vor zehn Jahren aus, weshalb die Preiserhöhungen äußert viele Fragen aufwerfen. In seinen Verhandlungen mit der AIFA verfolgte Aspen eine aggressive Strategie und schreckte auch vor der Androhung eines medizinischen Versorgungsstopps nicht zurück. Zwischenzeitlich verschwanden die Medikamente vom italienischen Markt, um schließlich zu einem 1.500% höreren Preis wieder aufzutauchen.

Profite vor die Verbrauchergesundheit zu stellen, sei eine gefährliche Praxis, kritisiert Ilaria Passarani, Leiterin für Ernährung und Gesundheit bei der BEUC. „Wir sprechen hier von lebenswichtigen Krebsmedikamenten, die erst vom Markt zurückgehalten und dann zu unbezahlbaren Preisen wieder eingeführt werden. Die Folgen für die Verbraucher sind nicht nur schwerwiegend, sondern auch völlig ungerechtfertigt.“ Engpässe stehen ihr zufolge in der EU schon an der Tagesordnung.

Bleibt nur die Frage: „Besteht das Problem darin, dass ein Inhaltsstoff schwer zu bekommen ist oder handelt es sich um eine gefährliche Geschäftsstrategie? Ersteres wäre bedauerlich und erfordert Lösungen. Das zweite Szenario hingegen ist absolut vermeidbar und sollte bestraft werden“, so Passarani. Mit Blick auf die Schlussfolgerungen des EU-Gesundheitsgipfels vom Juni fordert sie von der Kommission, ähnliche unethische Praktiken in anderen Ländern zu untersuchen.

EU-Institutionen alarmiert

Im vergangenen Juni bestätigten die EU-Gesundheitsminister, „dass es in einigen Mitgliedstaaten immer mehr Fälle von Marktversagen gibt, bei denen der Zugang der Patienten zu wirksamen und erschwinglichen unentbehrlichen Arzneimitteln durch sehr hohe und unzumutbare Preise oder die Rücknahme von Arzneimitteln mit abgelaufenem Patent vom Markt gefährdet ist oder neue Arzneimittel aus geschäftsstrategischen Gründen nicht auf den nationalen Märkten eingeführt werden, und dass die einzelnen Regierungen in solchen Situationen zuweilen nur begrenzte Einflussmöglichkeiten haben.“

Sie appellierten außerdem an die Mitgliedstaaten, durch freiwillige Zusammenarbeit dazu beizutragen, „dass Arzneimittel erschwinglicher werden und der Zugang zu Arzneimitteln verbessert wird.“

EU-Gesundheitsminister im Kampf gegen hohe Arzneimittelpreise

Die EU-Gesundheitsminister sagen den exzessiven Preissteigerungen auf dem Arzneimittelmarkt den Kampf an. EurActiv Brüssel berichtet.

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Sofia und Bukarest werden bald ein zwischenstaatliches Abkommen unterzeichnen, um gemeinsam mit den Pharmaunternehmen Preise und Verfügbarkeit von Medikamenten auszuhandeln, bekräftigte der bulgarische Gesundheitsminister Petar Moskov letzten Monat in einem Interview mit EurActiv.

Auch das EU-Parlament sorgt sich um die Verfügbarkeit und Erschwinglichkeit von Arzneimitteln. So forderte die spanische EU-Abgeordnete Soledad Cabezón Ruiz (S&D), Autorin des Arzneimittelzugangsberichts, EU-weite Maßnahmen auf dem pharmazeutischen Markt. Diese sollen die Verhandlungskapazitäten der Mitgliedstaaten stärken, damit sie faire Preise für Medikamente durchsetzen können.

Eine Frage des Willens

Erst kürzlich warf Yannis Natsis, Politikkoordinator der NGO European Public Health Alliance, der EU-Kommission vor, es mangle ihr an politischem Willen, die Situation anzugehen. „Die Kommission ist so veraltet, dass sie auch weiterhin auf die Kompetenzfrage verweist“, betont er. „Vielleicht ist ihre Kompetenz im Bereich Gesundheit eingeschränkt, aber wenn es an die Regulierung der Pharmaindustrie geht, hat sie durch die EU-Arzneimittelbehörde sehr viel Entscheidungsgewalt. Sie bestimmen die unterschiedlichen Elemente, die bei der Preissetzung eine Rolle spielen.“

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