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24/01/2017

Hormonwirksame Chemikalien: EU-Gesundheitskommissar weist „Verschwörungstheorien“ zurück

Gesundheit und Verbraucherschutz

Hormonwirksame Chemikalien: EU-Gesundheitskommissar weist „Verschwörungstheorien“ zurück

EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis.

[European Parliament/Flickr]

Die EU-Kommission steht wegen des Aufschubs ihrer Vorschläge zur Regulierung hormonwirksamer Chemikalien in der Kritik. Jetzt geht Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis in die Offensive und verteidigt die Arbeit der Kommission: Seine Dienste seien keine „mit Messern bewaffneten Straßenräuber“. EurActiv Brüssel berichtet.

Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis hat bei einer Kommissionsveranstaltung am Montag das Thema endokrine Disruptoren aufgegriffen – und die Kritik gegen das verzögerte Vorgehen der Kommission in Schutz genommen.

Andriukaitis betonte, wie zerrissen die wissenschaftliche Gemeinschaft und die Behörden bei diesem Thema seien. Eine hitzige Debatte innerhalb der Kommission sei der Hauptgrund für den fortgesetzten Aufschub bei der EU-Strategie zu endokrinen Disruptoren, erklärte der Kommissar bei seiner Rede.

„Diese unterschiedlichen Ansichten und Bewertungen zeigten sich auch in der Arbeit der früheren Kommission, bei unterschiedlichen Generaldirektionen. Doch diese auseinandergehenden Meinungen als Kampf von Feinden gegen andere Feinde zu bewerten scheint für mich völlig inakzeptabel“, so Andriukaitis.

Der Gesundheitskommissar bezog sich auf eine neuen Bericht der Nichtregierungsorganisation PAN Europe, die sich gegen Pestizide einsetzt. Sie erhob schwere Vorwürfe gegen die Generaldirektion Gesundheit der Kommission. Sie soll nach Angaben der NGO unter dem Druck von Lobbyisten aus der Industrie Taktiken entwickelt haben, um die EU-Strategie zur endokrinen Disruptoren aufzuschieben.

Andriukaitis bezeichnete die Anschuldigungen als „Verschwörungstheorien“.

„Meine Dienste sind keine Straßenräuber mit Messern in ihren Händen. Deshalb brauchen wir Transparenz. Darum öffneten wir die Konferenz für alle Meinungen und haben keine Angst vor unbequemen Fragen“, so Andriukaitis.

Die Generaldirektion Umwelt hatte ursprünglich geplant, bis Dezember 2013 eine Definition für endokrine Disruptoren vorzuschlagen. Diese Definition hätte den Weg für die Regulierung der Substanzen geebnet. Doch im Juli 2013 entschied das Generalsekretariat der Kommission eine Folgenabschätzung durchzuführen – was einen Aufschub für die lange erwartete Strategie bedeutete.

Schweden klagte daraufhin gegen die Kommission, weil sie ihrer Verpflichtung nicht nachkam.

Andriukaitis verwies auf die Entscheidungsstruktur innerhalb der Kommission. Die Entscheidungen würden „kollegial“ getroffen, alle Abteilungen müssten einbezogen werden. „Ich verspreche, bei diesem wichtigen Dossier so schnell wie möglich zu liefern. Aber wir können den Karren nicht vor das Pferd spannen. Ohne eine tiefgehende und strenge Bewertung sind wir alle Gefangene unserer Emotionen.“

Die wissenschaftlichen Kriterien für eine Definition der Chemikalien werden jetzt aller Voraussicht nach nicht vor 2017 bereit stehen, vier Jahre nach der ursprünglichen Frist, die das Europaparlament vorgegeben hatte.

Menschen und Tiere können sowohl durch die Ernährung als auch über andere Quellen einer Vielzahl von endokrin wirksamen Stoffen ausgesetzt sein. Diese können natürlich vorkommen (wie Phytoöstrogene in Soja) oder künstlich hergestellt worden sein. Beispiele für endokrin aktive Substanzen, die mitunter in Lebens- und Futtermitteln nachgewiesen werden, umfassen einige Pestizide, Umweltschadstoffe wie Dioxine und PCB sowie eine Reihe von in Lebensmittelkontaktmaterialien. Sie kommen auch in Metallen wie Quecksilber und Blei vor.

Hintergrund

Steigende Krebszahlen und Fertilitätsprobleme lenken die Aufmerksamkeit der Forscher auf endokrine Disruptoren. Einige fordern eine strenge Regulierung dieser Substanzen, im Einklang mit dem Vorsorgeprinzip.

Andere Wissenschaftler hingegen betonen den Wert dieser Chemikalien in Alltagsprodukten wie Kunststoffen. Sie warnen davor, dass die Grundlagen der Wissenschaft auf den Kopf gestellt werden könnten, wenn Vorsichtsmaßnahmen getroffen würden.

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