Hersteller: Vorerst kein recyceltes Plastik in Lebensmittelverpackungen

Umweltaktivisten befürchten, dass giftige "Altlasten" trotz strenger Vorschriften ihren Weg in Materialien mit Lebensmittelkontakt finden werden. [Werbeplakat von Tetra Pak aus den 1960er Jahren.]

Tetra Pak, der bekannte schwedische Hersteller von Getränkekartons, verzichtet aktuell noch auf die Verwendung von recyceltem Kunststoff in der Innenverkleidung seiner Verpackungen – also in dem empfindlichsten Teil, der mit Getränken in Berührung kommt. Dies könnte sich jedoch im Rahmen der in diesem Jahr anstehenden EU-Gesetzesvorschläge ändern.

„Obwohl wir die Verwendung von recycelten Kunststoffen als eine große Chance sehen, die Umweltauswirkungen unserer Verpackungen weiter zu reduzieren, ist die Lebensmittelsicherheit der Eckpfeiler unserer Branche und darf nicht gefährdet werden,“ erklärte Dennis Jönsson, Präsident und CEO von Tetra Pak.

„Im Moment gibt es keine lebensmitteltauglichen recycelten Plastikarten für die Kunststoffe, die wir derzeit in unseren Verpackungen verwenden könnten,“ sagte Jönsson gegenüber EURACTIV in einer E-Mail.

Doch das könnte sich ändern: Die Firma freue sich auf die Zusammenarbeit mit den EU-Behörden bei der Entwicklung von Standards in diesem Bereich, teilte der CEO mit.

Weiter erklärte Jönsson, Sicherheitsgarantien könnten „nur durch EU-Maßnahmen erzielt werden, die den sicheren Einsatz von recycelten Kunststoffen in Kontakt mit Lebensmitteln ermöglichen“.

Tetra Pak begrüße daher entsprechende Schritte der Europäischen Kommission; „und wir würden uns freuen, unser Fachwissen in diesen Prozess einzubringen.“

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Recycelte Kunststoffe im Lebensmittelbereich

Der Grund für den Schritt von Tetra Pak ist ein jüngster Vorschlag der Kommission. Im Januar veröffentlichte die EU-Exekutive eine gemeinsame Strategie, in der Unternehmen aufgefordert werden, den Einsatz von recycelten Materialien in ihren Produktionsprozessen zu erhöhen.

Im Mittelpunkt steht die Aufforderung an die Industrie, bis 2025 zehn Millionen Tonnen recycelte Kunststoffe in neue Produkte auf dem EU-Markt einzubringen. Interessenten haben bis zum 30. Juni 2018 Zeit, ihre Zusagen einzureichen.

„Bezüglich der Verwendung von recycelten Kunststoffen, die mit Lebensmitteln in Berührung kommen (z. B. Getränkeflaschen) besteht das Ziel darin, hohe Lebensmittelsicherheitsstandards zu priorisieren und zugleich einen klaren und verlässlichen Rahmen für Investitionen und Innovationen in kreislauforientierte Lösungen zu schaffen,“ heißt es in der Plastikstrategie der Kommission.

Außerdem wird angekündigt, „Zulassungsverfahren für über hundert sichere Recyclingprozesse zügig“ abzuschließen. Dies werde in Zusammenarbeit mit der Europäischen Agentur für Lebensmittelsicherheit (EFSA) geprüft.

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Kontaminationsgefahr

Für Umweltschützer könnte dies jedoch einen Schritt zu weit gehen. Bei Lebensmitteln ist das Risiko einer „Kontamination“ durch Verpackungsprodukte, die Altchemikalien enthalten und inzwischen verboten sind, „einfach zu hoch“, so Tatiana Santos, Senior Policy Officer für Chemikalien beim Europäischen Umweltbüro (EEB).

Sie warnt, genau dies könnte bei der bevorstehenden Revision der EU-Vorschriften passieren. „Um das Recycling zu fördern, gibt es jetzt in Europa eine Debatte darüber, ob eine gewisse Kontamination von Produkten toleriert werden sollte“, wenn sie aus recycelten Kunststoffen stamme, kritisiert sie.

In der Tat könnte dies bedeuten, dass bestehende Sicherheitsstandards gesenkt werden und „mehr Kontamination zugelassen wird, wenn das Produkt aus Sekundärmaterialien statt aus neuen Materialien stammt“, warnte sie. Für Letztere gelten striktere Regeln.

Toxische Substanzen wie Flammschutzmittel, persistente organische Schadstoffe (POPs) und hormonbindende Phthalate wurden kürzlich beispielsweise in Pizzakartons und Küchengeräten gefunden – obwohl diese Produkte stark reguliert sind, erinnert Santos.

„So werden die Verbraucher, einschließlich Schwangere und Kinder, mit Sicherheit exponiert sein,“ sagte sie gegenüber EURACTIV. Dies sei „einfach eine inakzeptable Situation“.

Natürlich seien Umweltschützer dem Recycling gegenüber positiv eingestellt, so Santos weiter. „Aber wenn diese Produkte Giftstoffe enthalten, dann sollte die Diskussion eine andere sein“. Im Endeffekt würden mögliche Probleme „dem Ansehen der gesamten Recyclingindustrie schaden“.

Brüssel: Keine Kompromisse bei der Sicherheit…

Die Europäische Kommission macht derweil ebenfalls deutlich, dass für sie die Lebensmittelsicherheit an oberster Stelle steht.

„Bei Materialien, die mit Lebensmitteln in Berührung kommen, sind die Normen viel strenger als anderswo. Es ist also klar, dass wir hier keine Kompromisse eingehen werden,“ erklärte Sarah Nelen, Referatsleiterin für Abfallwirtschaft und Sekundärrohstoffe bei der Generaldirektion Umwelt der Kommission.

„Gleichzeitig überdenken wir die Regeln im Rahmen des Aktionsplans für die Plastikstrategie,“ sagte Nelen in einem Interview mit EURACTIV. Sie unterstrich: „Aber natürlich haben im Bereich der Lebensmittelsicherheit Gesundheitsfragen absoluten Vorrang. Eine Frischhaltefolie ist nun einmal etwas ganz anders als eine Stoßstange!“

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…aber Ausnahmen möglich

Nelen räumte jedoch ein, dass schwierige Entscheidungen über so genannte „Altstoffe“ getroffen werden müssen. Damit werden ältere Produkte bezeichnet, die noch gefährliche Stoffe enthalten, die inzwischen nicht mehr zugelassen sind: „Es gibt natürlich Altstoffe, ein Vermächtnis der Vergangenheit, wo man manchmal einen Kompromiss eingehen muss.“

Im Februar kündigte die Kommission ihre Absicht an, eine neunte Änderung der Verordnung (EU) Nr. 10/2011 vorzulegen, in der das Verfahren für die Zulassung von Materialien mit Lebensmittelkontakt aus Kunststoff sowie die spezifischen Grenzwerte für jeden Stoff festgelegt sind.

Die erwartete Maßnahme werde den „Ausschussverfahren genauestens folgen“. Der Maßnahmenentwurf wird den Sachverständigen der Mitgliedstaaten des Ausschusses für toxikologische Sicherheit zur Stellungnahme vorgelegt.

Es ist das gleiche Verfahren, das auch bei der erneuten Zulassung des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat angewendet worden war.

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