Heinsberg: Vom “schwarzen Schaf“ zum deutschlandweiten Vorbild

Ein Mitarbeiter einer Apotheke liefert im Corona-Hotspot Heinsberg Medikamente aus. [EPA-EFE/SASCHA STEINBACH]

Der Kreis Heinsberg gilt als einer der Hotspots des Coronavirus in Deutschland. Für viele Deutsche ist er nicht mehr nur der westlichste Landkreis Deutschlands, sondern mittlerweile ein Landkreis mit einem reichen Erfahrungsschatz, was die Bekämpfung des Coronavirus angeht.

Bereits in der ersten Märzwoche wies das Robert-Koch-Institut (RKI) den Kreis Heinsberg als  vom Coronavirus “besonders betroffenes Gebiet“ aus, inzwischen wurde diese Einstufung wieder aufgehoben. Die Zahl der aktuell Infizierten nimmt seit Ende März stetig ab. Den neuesten Angaben zufolge verzeichnet der Kreis 1.711 bestätigte Coronafälle, 1.374 Personen gelten inzwischen als geheilt (Stand 22. April). “Die Eindämmungsmaßnahmen, die wir ab dem 25. Februar betrieben haben, zeigen offensichtlich Wirkung“, sagt der Heinsberger Bürgermeister Wolfgang Dieder im Gespräch mit EURACTIV Deutschland. 

Ende Februar wurde in einem der drei Krankenhäuser des Kreises der erste Patient in Nordrhein-Westfalen positiv auf COVID-19 getestet. Wo er sich angesteckt haben könnte, ist bis heute unklar. Die Kreisverwaltung reagierte schnell. Noch am Abend des 25. Februar wurde der Krisenstab des Kreises einberufen, ab dem nächsten Tag blieben Kindertagesstätten und schulische Einrichtungen geschlossen, die Bevölkerung wurde gebeten, weitgehend zu Hause zu bleiben.

“Wir haben die Schul- und Kindergartenleitungen noch in der Nacht über die Schließungen informiert, das hat reibungslos geklappt“, berichtet Dieder. “Es zeichnet die Menschen hier aus, dass sie Handlungsbedarf erkennen und entsprechend handeln“, so der Bürgermeister. Es habe kaum Diskussionen über die Maßnahmen gegeben. “Wenn etwas notwendig war, dann haben wir das gemacht“, sagt Dieder.

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Transparenz als Mittel zur Akzeptanz

Am 26. Februar wendet sich der Landrat des Kreises, Stephan Pusch (CDU), zum ersten Mal mit einer Videobotschaft an die Bevölkerung und gibt das Versprechen, die Menschen von nun an regelmäßig über den aktuellen Sachstand zu informieren.

“Dadurch, dass wir über Nacht Maßnahmen beschlossen, ergab sich die Notwendigkeit, die Bevölkerung frühzeitig und transparent zu informieren“, erzählt der Heinsberger Bürgermeister. Man habe sich stillschweigend darauf geeinigt, dass der Landrat künftig als Sprachrohr der Krisenstäbe und der Behörden fungieren solle. “Er hat diese Aufgabe perfekt gemeistert“, sagt Dieder.

Seitdem spricht der Landrat regelmäßig über Social Media zur Bevölkerung. Mit kurzen Videobotschaften informiert er nicht nur über getroffene Maßnahmen, sondern legt auch Hintergründe von Entscheidungsprozessen dar, teilt seine Sorgen und mahnt die Bevölkerung zur Ruhe und Besonnenheit. Anhand der Videos lässt sich chronologisch nachverfolgen, wie in der Region vorgegangen wurde, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Auch auf der Website der Kreisverwaltung werden täglich neue Informationen zu Maßnahmen und Infektionszahlen geteilt.

Durch das transparente Vorgehen haben sich Verwaltung, Krisenstab, die Bürgermeister und der Landrat das Vertrauen der Bevölkerung erarbeitet. Dazu trägt auch bei, dass der Landrat gelegentlich seine Zweifel teilt und sich nicht scheut, Fehler im Vorgehen zuzugeben. Die Bevölkerung zeigt sich dankbar für die stetige Bereitstellung von Informationen. So sei man, was die Maßnahmen betreffe, kaum auf Gegenwehr seitens der Bevölkerung gestoßen, berichtet Dieder. “Jeder ist bemüht, das Beste zu tun, um die Situation zu meistern“, so der Heinsberger Bürgermeister.

Zusammenarbeit, Flexibilität und mobile COVID-19 Praxis 

Von Beginn an haben sich die Bürgermeister des Kreises auf ein einheitliches Vorgehen geeinigt. “Die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Gemeinden läuft reibungslos“, sagt Dieder. Jede Stadt hat ihren eigenen Krisenstab einberufen, die Bürgermeister fungieren als Verbindungsstelle zwischen den örtlichen Krisenstäben und dem Krisenstab des Kreises.

Dabei hatten die Krisenstäbe kein Vorbild, an dem sie ihr Handeln hätten orientieren können. Stattdessen schaute ganz Deutschland darauf, “wie wir das hier händeln“, so der Landrat in seiner Videoansprache am 27. Februar.

Zunächst konzentrierte man sich darauf, Infektionsketten nachzuverfolgen. Corona-Bürgertelefone wurden eingerichtet, immer wieder wurde Rücksprache mit den medizinischen Einrichtungen im Kreis gehalten. Als die Zahl der Infektionen allmählich stieg, wurde der Fokus dahingehend verlegt, die medizinischen Kapazitäten auszubauen. In einer der Gemeinden wurde mit Hilfe des Deutschen Roten Kreuzes eine mobile COVID-19 Praxis in Betrieb genommen und das Landesgesundheitsministerium um die Entsendung zusätzlichen medizinischen Personals gebeten.

Als sich Engpässe bei der Versorgung mit Schutzmaterialien und Atemmasken ergaben, bat der Landrat zunächst die Bundeswehr und später auch in einem offenen Brief die Volksrepublik China um Unterstützung. Mittlerweile gibt es nach Angaben des Heinsberger Bürgermeister ausreichend Mundschutze und Desinfektionsmittel. “Nur Schutzkleidung könnten wir noch etwas bekommen“, so Dieder.

Großteil der Bundesländer beschließt Maskenpflicht

Zur Eindämmung der Corona-Ausbreitung hat inzwischen der Großteil der Bundesländer eine Pflicht zum Tragen eines Mund-Nase-Schutzes in Geschäften und im öffentlichen Nahverkehr beschlossen. 

Weitere Maßnahmen und Anpassungen von Empfehlungen wurden notwendig, als sich mit zunehmender Ausbreitung des Virus´ Kontaktpersonen nicht nur bis in den Krisenstab der Kreisverwaltung nachverfolgen ließen, sondern auch immer mehr Ärzte angaben, Kontakt mit Infizierten gehabt zu haben. Um die öffentliche Versorgung aufrechterhalten zu können, entschied man sich, trotz anderweitiger Empfehlungen des RKIs die Richtlinien des Gesundheitsamtes dahingehend anzupassen, dass das Personal aus dem klinischen und hausärztlichen Bereich, das Kontakt zu Infizierten hatte, unter strengen Schutzvorschriften seiner Tätigkeit weiterhin nachgehen durfte. “Wenn alle, die Kontaktpersonen hatten, in Quarantäne wären, dann könnte der Krisenstab nicht mehr arbeiten“, verkündete Pusch in einer seiner Videobotschaften.

Wenn der Kreis Heinsberg dieser Tage im Fokus der Öffentlichkeit steht, dann vor allem, weil die im zum Kreis gehörige Gemeinde Gangelt als Ausgangspunkt einer ersten Studie zur Verbreitung des Coronavirus dient, deren Leitung von Hendrik Streeck, einem Bonner Professor für Virologie, übernommen wurde.

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